Marbacher Gasturbine EnBW muss sich beim Kraftwerk sputen
Lieferengpässe machen dem Stromkonzern beim Bau der Netzstabilitätsanlage im Marbacher Energie- und Technologiepark zu schaffen.
Lieferengpässe machen dem Stromkonzern beim Bau der Netzstabilitätsanlage im Marbacher Energie- und Technologiepark zu schaffen.
Der Ausstieg aus der Kernenergie gibt den Takt vor. Die letzten Atomkraftwerke sollen Ende des Jahres abgeschaltet werden. Bis dahin muss die Netzstabilitätsanlage der Energie Baden-Württemberg (EnBW) fertig gestellt sein. Geplant war das bisher für Oktober. Ob der Konzern den Zeitplan einhalten kann, ist angesichts von Lieferengpässen aber nicht mehr hundertprozentig sicher. Die EnBW spricht von einer „großen Herausforderung.“
Warum ist der Bau einer Netzstabilitätsanlage nötig?
Die Energiewende in Deutschland sieht vor, weite Teile des Strombedarfs aus Sonne und Wind zu decken. Doch die Energie aus dem Norden kann noch nicht ausreichend nach Süddeutschland weitergeleitet werden. Es fehlt an Kapazitäten im Stromnetz. Netzstabilitätsanlagen sollen bei Engpässen den Bedarf decken. In Marbach entsteht seit dem 12. Oktober 2020 eine offene Gasturbine mit einer Leistung von 300 Megawatt. Sie soll mit Leichtheizöl angetrieben werden. Das Öl kann in Tanks mit 70 000 Kubikmeter am Neckar gelagert werden.
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Welche Probleme sorgen konkret für zeitliche Verzögerungen?
Die EnBW nennt Liefer- und Leistungsengpässe im Zuge der Corona-Pandemie und des Russland-Ukraine-Krieges. Probleme gab es laut EnBW-Sprecher Jörg Busse zum Beispiel bei der Isolierung fürs Dach oder bei den Blechen für die Verkleidung der Gebäude. „Aber auf der Baustelle setzen alle jeden Tag alles daran, die Konsequenzen aus diesen wenig steuerbaren Ereignissen so gut wie möglich auszugleichen.“ So würden die Arbeiten beschleunigt – Material und Mannschaft stünden ausreichend zur Verfügung.
Wie weiß sich die EnBW bei den Lieferengpässen zu helfen?
Der EnBW helfen laut Firmensprecher Busse „ein Stück weit die guten Kontakte, die wir als langjähriger Projektierer solcher Großprojekte innerhalb der Branche haben“. Natürlich habe man Zeitpuffer eingeplant, „die allerdings inzwischen aufgebraucht sind“.
Haben die Änderungen der Planung vom vergangenen Herbst gebremst?
Offenbar nicht. Etwas verwundert reagierten im Oktober vorigen Jahres Marbacher Stadträte, als sie von Änderungen in der Planung erfuhren. So wurde unter anderem der Durchmesser des Schornsteins von drei auf 10,5 Meter vergrößert. Das war laut EnBW erforderlich, um den Schall der Abgase zu vermindern – die Grenzwerte waren gesenkt worden. Trotz des breiteren Schornsteins sollen die vorgesehenen Abgasmengen unverändert bleiben. Die Planänderung habe, so die EnBW, nicht zu Mehrkosten geführt. Und sie verzögerten den Bau auch nicht.
Wie schätzt die EnBW die Versorgungssituation mit fossilen Brennstoffen für die Netzstabilitätsanlage ein? Könnte ein Öl- und Gasembargo gegen Russland den Betrieb der Anlage gefährden?
Das bevorratete Öl reiche für die geplanten Betriebsstunden eines einjährigen Betriebs aus, teilt Jörg Busse mit. Damit sei die Anlage erst mal unabhängig von Lieferengpässen. „Inzwischen sind unsere Ölversorger mit Nachdruck dabei, den Ölbezug auch zukünftig sicherzustellen.“
Die Netzstabilitätsanlage soll eigentlich nur zehn Jahre laufen und dann rückgebaut werden. Die Politik geht davon aus, dass die Energiewende entsprechend fortschreitet. Könnte die Anlage wegen Energieproblemen noch länger in Betrieb bleiben?
Die EnBW stellt klar: „Wir als Betreiber der Netzstabilitätsanlage stellen nur das Kraftwerk zur Verfügung und haben keinen Einfluss auf Einsatz und Betriebsdauer der Anlage.“ Diese Faktoren lägen in der Verantwortung des Übertragungsnetzbetreibers TransnetBW, der über den Einsatz der Netzstabilitätsanlage bestimme. Entscheidend sei jedoch das Energiewirtschaftsgesetz. Demnach müsse sich das Unternehmen an den einmal festgeschriebenen Einsatzzweck halten. „Die Netzstabilitätsanlage darf nur bei einem Ausfall eines Betriebsmittels im Übertragungsnetz und eine dadurch verursachte Gefahr für die Netzstabilität angefahren werden.“
Die Netzstabilitätsanlage soll Spitzen abfangen. Könnte die Anlage in Krisen Privathaushalte versorgen?
Für diesen Zweck sei die Netzstabilitätsanlage nicht verwendbar, sie dürfe nicht für den Strommarkt liefern, so die EnBW. „Die Netzstabilitätsanlagen werden nur bei Problemen im Übertragungsnetz – bei einem Ausfall von Betriebsmitteln – relativ kurzzeitig zur Stützung der Stromnetze eingesetzt.“