Marc Freukes lebt im Odenwald Vom Golflehrer zum wilden Mann

Freukes in seiner 18 Quadratmeter großen Hütte Foto: Andreas Reiner

Golfclub, Universität, Arbeitsamt, der ganze andere Stuss: Das alles liegt weit hinter ihm. Marc Freukes lebt im Wald. [Plus-Archiv]

Familie, Zusammenleben und Bildung: Eva-Maria Manz (ema)

Stuttgart - Es war ein Morgen im Sommer, und es war schon ziemlich heiß, als fünf Menschen in dunklen Anzügen quer durch ein Waldstück gingen. Nach wenigen Metern auf einem staubigen Schotterweg sahen sie oberhalb jene Hütte, die sie gesucht hatten, stiegen über einen Pfad durchs Unterholz und klopften heftig an die Tür. Im Inneren zuckte Marc Freukes zusammen. Den Tag hat er bis heute nicht vergessen. Er wollte nicht öffnen. Doch dann musste er.

 

Monate später ist es ganz still hier draußen, tief im Odenwald, irgendwo im Niemandsland zwischen Baden-Württemberg, Hessen und Bayern. Wer den Blick von einer Erhöhung nach Westen richtet, schaut in ein dicht bewaldetes Tal, dessen Ausläufer bis weit in den Horizont wachsen. Der Wind pfeift, von den Nadelbäumen tropft dicker kalter Regen, als eine dunkle Gestalt auf den Weg tritt. Marc Freukes ist ein großer, ein schlanker Mann, er trägt feste Stiefel und eine Lederhose, sein Pullover ist viel zu dünn für dieses Wetter. Seit sieben Jahren lebt er im Wald. Wo genau, muss nicht jeder wissen, sagt Freukes und schaut zum trüben Horizont.

Früher war er Golflehrer

Er wirft den Arm Richtung Tal, zeigt in die Ferne: „Klein-Alaska“ nennt er das hier, sagt er. Der Blick habe ihn von Anfang an gefesselt. Weiter oben steht seine Hütte, er hat sie mit den eigenen Händen gebaut. Große, schwielige Hände sind das bei einem jung wirkenden Mann Mitte vierzig, dessen Haarschnitt viel zu ordentlich aussieht für einen Waldschrat. Genauso gut könnte er Golflehrer sein. War er ja auch mal, in seinem früheren Leben.

Unter den Sohlen knackt es beim Gehen. Die Luft ist feucht, der Sommer längst vorbei, nur noch das Moos auf runden Steinen am Wegrand glänzt beißend grün. „Die Beatles“, sagt Freukes und zeigt auf die Moosköpfe. Er lacht mit offenem Mund und schmalen Augen ein Lachen, das ohne Ton auskommt. Mit Popmusik und Filmen kennt er sich aus. Auf seinem Tablet in der Hütte schaut er abends gerade gern den Film „Die Verurteilten“. Er ist ja auch kein Weltfremder.

In seiner Hütte hat er fast alles selbst gebaut

Am Anfang stand hier noch ein Zelt, in dem Marc Freukes vier Jahre lebte. Das war hart. Oben tropfte Regen rein, unten zerfraßen Mäuse die Vorräte. Dass jemand freiwillig so lebt, da muss viel passiert sein. Heute hat Freukes immerhin etwas mehr Komfort in seiner Hütte aus Holzbalken und Stoffplanen mit 18 Quadratmeter Wohnfläche. Tisch, Stühle, Bett, Löffel, Teller: alles selbst gemacht aus entrindetem Holz. Der Ofen: aus Schrott zusammengeschweißt. Und dann gibt es hier noch das Tablet, das Handy, ein Paar Turnschuhe, einen Feuerlöscher und einen Erste-Hilfe-Kasten.

Holzscheite knistern, und auf einer Bank schläft Rala, die Hündin. Von der Decke baumeln Kräutersträußchen, Indianerfedern und Zeichnungen von Häuptlingen hängen an den Wänden. „Bei den Indianern gibt es kein Wort für deins oder meins, aber ein Wort für unseres“, erklärt Marc Freukes und zieht dabei die Augenbrauen hoch.

Im Regal stehen Bücher mit Titeln wie: „Der Mann und das Holz“. Und die vier dicken Bücher, die Marc Freukes selbst geschrieben hat, im Eigenverlag, über das Leben da draußen. Irgendwie sollten die Menschen erfahren, wie man wirklich überlebt. „Ich habe jahrelang nur Stuss gelernt, studiert und eine Ausbildung gemacht, und plötzlich stand ich da, und das war eh alles nichts mehr wert.“ Er sagt es fast ohne Verbitterung, ist ja Jahre her, als er im Arbeitsamt saß und die ihm gesagt haben, mit Ende dreißig sei er jetzt eigentlich schon zu alt für alles.

Er glaubt, dass alle da draußen schief im Leben stehen

Marc Freukes setzt sich, fängt an, Dill zu hacken und dann Knoblauch. „Boah, ist der heftig, du.“ Er reibt sich die Augen. Heute bekommt er noch Gäste aus der Stadt. Am Morgen hat er schon Fische geangelt. Er will zeigen, wie gutes Leben geht. Einiges kauft er im Supermarkt, anderes nimmt er aus dem Wald, Wasser aus einer Quelle und Gemüse von seinem Beet, das er drüben an einem Aussiedlerhof bepflanzt, ein paar Hundert Meter von der Hütte entfernt. Der Hofbesitzerin gehört auch das Stück Wald, in dem Freukes lebt. Ab und zu verdient er ein bisschen Geld mit Wildniskursen für Städter. Davon kann er gut leben. „Wenn wir alle so eine Hütte bauen würden, hätten wir keine Probleme mehr.“

Doch sein Paradies ist bedroht. Hier draußen, wo es ganz still ist, seit der Regen aufgehört hat, da klingt das Wort „Baugenehmigung“ so erschreckend, als wäre plötzlich ein Fuchs zur Tür hereingesprungen. Freukes spricht die Worte aus, fast ohne den Mund zu öffnen. „Die sollen doch froh sein, dass hier einer ist, der klarkommt“, sagt er. Das ist ihm schon seit Längerem aufgefallen, dass die da draußen alle schief im Leben stehen. Bestimmt auch der Mann vom Bauamt, der täglich auf seinem Bürostuhl sitzt, im Sommer mit Kollegen hier aufgetaucht ist und an die Hüttentür geklopft hat. Es war ein „Ortstermin“, um den Waldschrat zum wiederholten Mal darauf hinzuweisen, dass nach Paragraf 35 des Baugesetzbuches – „Bauen im Außenbereich“ – niemand einfach eine Hütte als Wohnraum in den Wald bauen dürfe. Sie müsse abgerissen werden. Marc Freukes spricht viel davon, was in der Zivilisation falsch laufe und dass sich jeder nur in die eigene Tasche wirtschafte auf Kosten anderer oder der Natur.

Damals im Golfclub hat er die Ellbogenmentalität auch voll zu spüren bekommen. Gemobbt wurde er, sagt Marc Freukes. „Das hat mich beschädigt.“ Zum Psychologen wollte er nicht, Hartz IV nehmen nach dem gescheiterten Gespräch beim Arbeitsamt auch nicht. Endlich im Einklang mit sich und der Natur leben, das war seine Utopie.

Bei den Frauen kommt er gut an

Bis dahin war es ein weiter Weg. Marc ist aufgewachsen in sehr wohlhabenden Verhältnissen, der Vater fuhr Porsche oder Mercedes. Wochenlang verbrachte die Familie die Winter in Zermatt, die Sommer im eigenen Haus auf Ibiza. Als der Vater in den neunziger Jahren eine Reihe von „schlechten Entscheidungen“ traf, wie Marc Freukes es, ganz Businessmensch, ausdrückt, ging es bergab. Die Eltern trennten sich, die Mutter heiratete noch zweimal. „Keiner meiner Väter hat im Alter noch Geld gehabt“, sagt Marc Freukes. Die Menschen schuften, und am Ende kommt nix dabei raus. Sein Bruder scheint das ganz anders zu sehen, der lebt in der Stadt und verkauft BMW.

Jetzt fängt der Hund an, sich zu bewegen, wischt sich mit der Pfote über die Schnauze und wird langsam wach. Freukes strahlt. „Ja, wo ist denn meine Rala, ja, wo ist die kleine Rala, wo ist sie denn?“ Er klatscht in die Hände, und der Hund wedelt eifrig mit dem Schwanz.

Bei den Frauen kommt Marc Freukes gut an. Seit er mal im Fernsehen zu sehen war als der Waldschrat, rufen sie immer wieder bei ihm auf dem Handy an, schreiben Mails. „Das finden die erst mal interessant, was ich hier mache.“ Aber wenn sie dann da sind, ist der Zauber schnell verflogen. Einmal kam sogar ein richtiges Model, lange Haare, hübsche Kleider. Doch sie wollte die Komposttoilette draußen nicht benutzen, sondern zum Pinkeln immer in den nächsten Ort gefahren werden. Das hatte keine Zukunft. Heute kann Marc immerhin erzählen, er habe einem Model den Laufpass gegeben.

Schwarze Riesen wachsen aus dem Unterholz

Die Natur rückt nah heran, wenn es so ruhig ist und kein Mensch weit und breit. Draußen reden alle von Greta Thunberg, dem Klima und dem Waldsterben, aber die wilde Natur müsse man erst mal aushalten können, sagt Freukes. „Nachts höre ich oft merkwürdige Geräusche.“ Ein Lachen „wie von Hexen“ sei auch schon dabei gewesen. Er wisse, wie sich das für Städter anhöre. Als wäre er verrückt. Aber wer draußen allein lebe, der fühle, „dass da eigene Gesetze gelten“. Manchmal, wenn Marc Freukes durch die verglaste Öffnung im Dach zuschaut, wie sich die Baumwipfel im Sturm zwei, drei Meter hin und her bewegen, spürt er, wie sich die eigene Perspektive zurechtrückt.

Mit Rala geht es jetzt erst mal eine Runde durch den Wald, der hier draußen wunderschön ist, dichtes Laub am Boden, lustige Pilzköpfe im Moos, irgendwo das Klopfen eines Spechts. Immer wieder ragen verdorrte Fichten wie schwarze Riesen aus dem Unterholz. Sie haben den Sommer nicht überlebt. „Später pflanzen sie trotzdem wieder neue“, sagt Freukes, das hat er oft beobachtet. Denn die wachsen schnell. Dass ihre Wurzeln gar nicht tief genug ins Erdreich reichen, um die Dürreperioden der Sommer zu überleben, nimmt man wohl in Kauf. Noch. Der Wald ist in Gefahr, bedroht vom menschengemachten Klimawandel. Man lese ja immer, der Borkenkäfer sei so ein Problem, sagt Freukes. Aber der sei kein Problem, der Mensch sei eins.

Andy, der Hauptperson in dem Film „Die Verurteilten“, gelingt es am Schluss, aus dem Gefängnis, in dem er unschuldig einsaß, zu fliehen. Am Strand von Mexiko beginnt er das neue Leben, auf das er 19 Jahre lang hoffte. Vom örtlichen Bauamt hat Marc Freukes jetzt schon länger nichts mehr gehört. Vielleicht vergessen sie ihn einfach? Wenn er frühmorgens nach draußen geht, spricht er gern ein bisschen mit den Kolkraben, kraa, kraa, rak, rak.

Dieser Text erschien erstmals am 21.11.2019.

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