Marcus Staiger im Porträt Lieber Fensterputzer als Millionär

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Der Kornwestheimer Marcus Staiger hat so viele Top-Ten-Rapper entdeckt wie kein anderer, zwei davon spielen am Samstag in Ludwigsburg. Finanziell hat ihm das kein Glück gebracht: Heute arbeitet er als Industriekletterer und Autor in Berlin.

Sieht aus wie ein Schornsteinfeger, hat in Wahrheit aber den Deutsch-Rap revolutioniert: Marcus Staiger Foto: Ingmar Volkmann, Katja Kuhl
Sieht aus wie ein Schornsteinfeger, hat in Wahrheit aber den Deutsch-Rap revolutioniert: Marcus Staiger Foto: Ingmar Volkmann, Katja Kuhl

Berlin - Das Kottbusser Tor gilt als gefährlichste Ecke Berlins. Wenn man nicht gerade von Nordafrikanern angetanzt wird, die einem bei der rhythmischen Sportgymnastik das Handy klauen, wird man mindestens dazu genötigt, Gras zu kaufen. So stand es zumindest vor wenigen Wochen in deutschen Tageszeitungen. Natürlich hat sich Marcus Staiger den „Kotti“ als Treffpunkt herausgesucht. Nicht weil der Kornwestheimer als derjenige gilt, der die Blaupause für deutschen Gangsta-Rap geliefert hat und deshalb meint, er müsste mit der Wahl des Orts Klischees entsprechen. Staiger wohnt in Kreuzberg und fühlt sich hier zu Hause.

Als Marcus Staiger wie verabredet in der türkischen Bäckerei erscheint, sieht er aus, als hätte er sich für eine Filmrolle als ehrlicher Werktätiger verkleidet: Auf seinen Schultern liegt ein mächtiges Seil. Staiger kommt direkt von seiner Schicht als Fassadenkletterer, um bei einem türkischen Tee seine wundersame Biografie zu erzählen.

Industriekletterer, Journalist, Musikverleger: Marcus Staiger pendelt zwischen den Welten

Die umgekehrte Variante der Aufsteigergeschichte „vom Tellerwäscher zum Millionär“ müsste bei Staiger „statt Millionär heute Industriekletterer, Journalist, Schauspieler und Autor“ heißen. Vor wenigen Monaten trat Staiger in der Doku „Blacktape“ des Stuttgarters Sékou Neblett über die Geschichte des Hip-Hops in Deutschland im Kino in Erscheinung. Marcus Staiger spielte: sich selbst. Keiner hat so viele Top-Ten-Künstler im Genre Hip-Hop entdeckt wie er. Finanziell profitiert hat er von seinen ehemaligen Zöglingen nicht, im Gegenteil. Doch dazu später mehr.

Marcus Staiger ging Anfang der 90er Jahre von Kornwestheim, wo er sein Abitur am Ernst-Sigle-Gymnasium abgelegt hat, nach Berlin, um von einem Vater Abstand zu gewinnen, dem er nichts zu sagen hatte. In Berlin rief Staiger 1997 eine Veranstaltungsreihe in der Kellerkneipe Royal Bunker ins Leben, bei der jede Woche Rapper gegeneinander antreten konnten. Battle-Rap heißt die Disziplin, bei der es auch um das raffinierte Beleidigen von mehr oder weniger fiktiven Gegnern geht. Zu der Zeit existierte Berlin auf der deutschen Rap-Karte nicht. Künstler aus Stuttgart dominierten die Charts, vorneweg Massive Töne, Freundeskreis und Afrob.

Staiger bereitete der harten Berliner Schule den Weg

Ausgerechnet ein Exil-Schwabe leitete dann den Wachwechsel im Deutsch-Rap ein. Die Veranstaltungsreihe Royal Bunker existierte zwar nur fünf Monate lang, aus ihr ging aber ein Label hervor, mit Marcus Staiger als Geschäftsführer und mit Künstlern, die sich dezidiert als Gegenentwurf zur Stuttgarter Schule inszenierten. Ein gewisser Sido war Dauergast im Royal Bunker, Staiger veröffentlichte seine ersten Tapes und trug so dazu bei, dass der eingängige und sehr erfolgreiche Rap aus Stuttgart von der harten Berliner Schule abgelöst wurde.

Marcus Staiger kann aus dieser Zeit nicht nur starke Anekdoten erzählen, er zahlt bis heute die Schulden der Royal-Bunker-Phase ab. „Ich habe viele betriebswirtschaftliche Fehler gemacht“, sagt Staiger, der im Nachhinein einen Buchhalter einstellen würde, statt einen Mitarbeiter, der die Biografien der Künstler textet.

2008 machte Staiger Royal Bunker dicht, die Schulden beim Finanzamt blieben

Staiger hatte ein goldenes Händchen für Talente, ohne sich dabei ein goldenes Näschen zu verdienen. Mit seinen Künstlern schloss er Handschlag-Verträge ab, die Einnahmen sollten brüderlich geteilt werden. An diese Abmachung wollten sich seine Künstler aber spätestens dann nicht mehr erinnern, wenn absehbar war, dass der Weg in die Charts führen würde. „Natürlich kannst du dir an jedem Newcomer deine Rechte sichern, damit du immer noch deinen Anteil bekommst, auch wenn er längst weg ist. Sich wegen 0,5 Prozentpunkten zu streiten finde ich menschlich aber schade.“

2008 machte er sein Label dicht. „Danach hatte ich einige unangenehme Termine beim Finanzamt. Es ging um Steuernachzahlungen. Einmal brachte ich einer Mitarbeiterin des Finanzamts 12 000 Euro in bar mit. Sie wollte nicht wissen, woher das Geld stammt, sondern sagte nur: ,Alles meins!‘.“

Kool Savas hat Marcus Staiger das Herz gebrochen

Sido war der Erste, der sich von Staiger abwandte. „Er hatte sich von mir zurückgesetzt behandelt gefühlt, weil ich mich viel mit meinen anderen Künstlern beschäftigt habe. Ich hatte immer ein bisschen die Vaterrolle inne, weil ich älter war. Und von einem Vater möchte man gemocht werden, sonst hasst man ihn“, sagt Staiger. Ohne Staiger setzte Sido dann zum kommerziellen Höhenflug an. Bei den Rappern Eko Fresh und Kool Savas wiederholte sich die Geschichte. Letzterer tritt am Samstag gemeinsam mit Sido im Ludwigsburger Schloss bei den KSK Music Open auf. Zuletzt entdeckte Staiger K.I.Z. – auch die verließen ihn später zu einem Major Label, das deutlich mehr zahlen konnte.

Wurmt es ihn heute, dass viele Freundschaften aus der Royal-Bunker-Zeit wegen des Finanziellen zerbrochen sind? „Nein. Bei Savas hat es mir aber wahrscheinlich am meisten das Herz gebrochen.“ Zu seinem ehemaligen Schützling, bürgerlich Savaş Yurderi, hatte Staiger das engste Verhältnis. Es gibt eine schöne Anekdote aus Wien aus dem Jahr 2001, als Kool Savas in der österreichischen Hauptstadt auftreten sollte und Staiger kurz vor dem Konzert auf eine Antifa-Demo aufmerksam wurde. Als Marcus Staiger mitdemonstrieren wollte, musste er feststellen, dass sich die Demo gegen ihn und den Auftritt von Savas richtete, wegen dessen sexistischer Texte. Das Konzert wurde abgesagt.

Staiger: Jan Böhmermann ist ein Stefan Raab für Abiturienten

Heute setzt sich Staiger politisch für Flüchtlinge ein. Als Reporter der Coolness-Bibel „Vice“ zeigt er zum Beispiel, wie man die Abschiebung von Geflüchteten verhindern kann. Wie passt das zusammen mit den Texten aus der Royal-Bunker-Zeit, die mit frauenfeindlich noch vorsichtig umschrieben sind? Staiger spricht in diesem Fall von gezielter Provokation und nicht von einer Geisteshaltung und verweist zum Beispiel auf den Rapper Sido, der sich vom Bürgerschreck zum Glückskekssprüchetexter gewandelt hat. Eine Entwicklung, die Staiger wie folgt erklärt: „Sehr viele Rapper sind Spießer, selbst wenn sie Texte machen, bei denen das Bürgertum auf die Barrikaden geht. Was machen sie mit ihrem Geld? Die kaufen ihrer Mutter ein Haus. Und dann kaufen sie sich selber eines.“

Staigers Vorstellung von Hip-Hop sieht anders aus. Trotz der Royal-Bunker-Erfahrungen ist er nebenher noch als Musikverleger tätig. Außerdem tritt er immer wieder als Anwalt eines ganzen Genres auf. Etwa im vergangenen Jahr, als sich Jan Böhmermann mit seinem Lied „Ich hab’ Polizei“ über Gangsta-Rap lustig machte. Staiger warf Böhmermann in einem offenen Brief Diskriminierung vor. War das ein Erdogan-hafter Reflex oder eine sinnvolle Reaktion? „Böhmermann ist für mich ein Stefan Raab für Abiturienten. Der macht sich nur über die Schwächen anderer lustig.“

Ein gemeinsames Buch mit Bushido als Antwort auf Thilo Sarrazin

Staiger verteidigt aber nicht nur sein Genre nach außen, er mischt sich auch intern ein, zuletzt etwa mit einem offenen Brief an Bushido, als dieser damit kokettierte, die AfD zu wählen. „Wir kennen uns jetzt zu lange, als dass ich auf so eine billige Provokation von Dir hereinfallen würde“, leitete er die Nachricht ein. Wie ist Staigers Verhältnis zu Bushido? „Geschäftlich, höflich, distanziert. Ich mag ihn auf eine gewisse Art, und er mag mich, aber das ist jetzt nichts Engeres.“ 2013 veröffentlichte er gemeinsam mit Bushido das Buch „Auch wir sind Deutschland: Ohne uns geht nicht. Ohne euch auch nicht“, eine Replik auf Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“.

Nicht nur deshalb wird er auf der Straße erkannt. Als Staiger nach dem Interview am Kottbusser Tor noch für die Kamera posiert, klopfen ihm arabischstämmige Kids auf die Schulter und fragen, was mit Bushido gerade geht. Staiger lächelt. Er muss nach Hause, sich umziehen, die Uniform der Werktätigen gegen das Rap-Gala-Outfit tauschen. Am Abend steht eine Musikpreisverleihung an. Staiger ist in vielen Welten zu Hause.




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