Maria Kolesnikowa Immer an Freiheit geglaubt
Die belarussische Oppositionspolitikerin ist nach mehr als fünf Jahren frei. Über manches, was sie erlebt hat möchte sie lieber nicht sprechen.
Die belarussische Oppositionspolitikerin ist nach mehr als fünf Jahren frei. Über manches, was sie erlebt hat möchte sie lieber nicht sprechen.
Es wird nach menschlichem Ermessen nicht mehr lange dauern, bis der größte Wunsch von Maria Kolesnikowa in Erfüllung gehen wird. „Ich möchte meine Familie umarmen, ich möchte mit ihnen sprechen, lachen und weinen“ sagt die belarussische Oppositionspolitikerin wenige Stunden nach ihrer Freilassung in Kiew.
Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko hatte am Wochenende 123 politische Gefangene freigelassen. Zwei prominente von ihnen werden in Deutschland aufgenommen, das hat Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) angekündigt. Viktor Babariko, dem es zum Verhängnis wurde, dass er bei den Präsidentschaftswahlen 2020 gegen Lukaschenko antreten wollte – und eben Maria Kolesnikowa, die lange Zeit in Stuttgart gelebt und gewirkt hat.
Ein Gespräch mit Vassili Golod, dem Studioleiter der ARD in Kiew, war das erste Lebenszeichen, welches die Weltöffentlichkeit seit vielen Jahren von Kolesnikowa zu sehen bekam. „Ob es Maria schlecht geht oder sehr schlecht wissen wir nicht“, hatte Kolesnikowas Schwester Tatsiana Khomich im Sommer vergangenen Jahres dieser Zeitung gesagt. Auf verschlungenen Wegen war zwar immer wieder etwas zu hören, meistens nichts Gutes. Wie es genau um den Zustand von Maria Kolesnikowa bestellt war, um den ihrer Psyche, um den ihres Körpers, das wusste nicht einmal die engste Familie.
Nun gibt es endlich Klarheit. Ja, es habe Probleme mit der Gesundheit gegeben, aber „jetzt habe ich die Möglichkeit, das in Ordnung zu bringen“, sagt Kolesnikowa nach mehr als fünf Jahren Gefangenschaft. „Es war eine schwierige Zeit für meine Gesundheit, aber nicht für meine psychische Gesundheit. Innen war ich immer frei. Ich war mir immer sicher, eines Tages wieder frei zu kommen“, so die Frau, die in Stuttgart als Musikerin gelehrt und gearbeitet hatte, bevor sie im Sommer 2020 in ihre Heimat aufbrach.
Zusammen mit Swetlana Tichanowskaja und Veronika Zepkalo wurde Kolesnikowa dort zum Gesicht der Opposition. Drei Frauen, genannt die drei Grazien, die es eher durch Zufall denn durch langfristige Planung auf die Bühnen in Minsk spülte. Auf die Bildschirme der Welt wurde dann übertragen, wie die drei da standen, strahlten, jubelten, die Hände zu Herzen formten und Aufbruchstimmung verbreiteten. Bilder, die um die Welt gingen. Bilder der Hoffnung. „Ich bin optimistisch“ sagte Maria Kolesnikowa damals im Gespräch mit unserer Zeitung.
Der Optimismus hat Kolesnikowa auch im Gefängnis nicht verlassen. Ihre Haare sind nicht mehr strohblond gefärbt sondern dunkel, und nach wie vor ultra kurz geschnitten. „Ich versuche auch bei komplizierten Momenten im Leben etwas positives zu finden, und alles mit Humor zu überspielen“, sagt sie nun im Gespräch mit der ARD. Über andere Themen möchte sie nicht so gerne sprechen. Ihr Ziel sei es den „Hass zu stoppen“, das gelinge nicht, wenn sie über die Bedingungen in den belarussischen Gefängnissen rede“. Wichtig sei es ihr jedoch zu erklären, dass sie auch dort immer wieder Hilfe erfahren habe. „Auch im Gefängnis gab es Leute die mir geholfen haben, die mein Leben gerettet haben. Ärzte haben mich operiert, deswegen bin ich heute hier.“
Von ihrer Freilassung habe sie selbst erst am Samstag morgen erfahren, als sie bei der Arbeit, beim Nähen war, sagt Kolesnikowa. „Bis zum letzten Moment habe ich das nicht geglaubt“. Dann kam die Ausreise in die Ukraine, in ein Land im Krieg. Kolesnikowa ringt mit der Stimme, wenn sie die Freundlichkeit und das Engagement der Ukrainer lobt. Über den Krieg mit Russland habe sie jedoch kaum Informationen, darüber könne sie nichts sagen. Auch nicht über das Wirken der USA, die an der Freilassung maßgeblich beteiligt gewesen sind in dem sie im Gegenzug zur Freilassung Sanktionen gegen Belarus aufgehoben haben.