Maria-Montessori-Schule in Stuttgart Wie der Schulhund Ben die Kinder zur Ruhe bringt

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Die Grundschüler der Maria-Montessori-Schule in Stuttgart-Hausen mögen ihren Vierbeiner Ben, auch wenn der nicht immer folgt und ihnen gern das Schulvesper aus dem Ranzen klaut.

Ben sucht gern verstecktes Spielzeug, aber noch lieber Leckerlis. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Ben sucht gern verstecktes Spielzeug, aber noch lieber Leckerlis. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Liebe Kinder, bitte nach dem Anklopfen langsam und ruhig eintreten, wegen Ben!!!“ Das Schild an der Tür zum Rektorat der Maria-Montessori-Schule in Stuttgart-Hausen ist ernst gemeint. Denn hinter der Tür lauert, nein, kein Ungeheuer, sondern der Schulhund Ben. Vor allem lauert der sechsjährige Labradorrüde auf Leckerlis, ersatzweise tut’s aber auch ein aus einem Ranzen geklautes Schülervesper. Ben schleckt dem Besucher sicherheitshalber gleich mal die Hand ab, könnte ja sein, dass sich darin etwas verbirgt.

Die Kinder halten sich an die Anweisung auf dem Schild, klopfen, treten langsam ein und schreien überhaupt nicht. Das ist auch gut so. Denn außer Ben wartet auch Rani, die Wällerhündin, samt ihrem Frauchen, der Tierlehrerin Christa Halder, im Rektorat. An diesem Mittag freuen sich alle auf die Hunde-AG. Wer wildes Gebell erwartet, wird jedoch enttäuscht. „Er braucht Aufgaben, dann ist er ein super ausgeglichener Hund“, sagt die Rektorin Angelika Müller-Zastrau über ihren Begleiter auf vier Pfoten, der mit sieben Monaten in ihre Familie gekommen war und zunächst das Haus auf den Kopf gestellt, die Familie tyrannisiert und die Nachbarn geärgert habe, etwa, indem er Kuchen klaute.

Schulhund Ben reagiert nur auf selbstbewusste Ansagen

„Wir haben erst alles falsch gemacht – und alles neu gelernt.“ Geholfen habe die Tierlehrerin, die auch in der AG immer dabei sei. Die sagt: „Ben muss in Übung bleiben.“ Dafür sorgen an diesem Mittag elf Grundschüler. „Ben, zu mir!“, ruft ein Bub. Er soll den Vierbeiner dazu bewegen, sich auf seiner Decke niederzulassen. Doch Ben ignoriert die zaghafte Ansage. Erst als der Junge selbstbewusster ruft und dazu das entsprechende Zeichen macht, trottet Ben zu ihm und legt sich auf ein weiteres Zeichen hin. „Wir haben festgestellt, dass die Kinder über die Arbeit mit dem Hund an Persönlichkeit gewinnen“, sagt Müller-Zastrau. „Man muss Selbstbewusstsein zeigen – nur dann funktioniert’s.“

Vor allem aber funktioniert es, wenn es hinterher ein Leckerli gibt. „Ben, zu mir“, ruft Eva-Lotta, die den Hund durch einen Slalom-Parcours führen soll. Aber Ben sucht lieber den Behälter mit den Leckerlis. Beim zweiten Anlauf gelingt es dem Mädchen. Es macht die richtigen Zeichen, und brav trottet der Hund mit ihr um die Pylonen, ganz ohne Leine. Nur beim Stöckchenspringen und Spielzeugsuchen zeigt er wenig Temperament. Vielleich hat der kleine Hakan das Spielzeug einfach zu gut versteckt. Und vor dem Stöckchen dreht Ben zweimal ab. Aber die Kinder schauen gebannt, was das Tier macht. Sie sind ganz leise. Niemand hampelt herum.

Die Kinder sind stolz, dass Ben auf ihre Zeichen reagiert

So sei das auch im Klassenzimmer, berichtet Müller-Zastrau. Es habe eine Weile gedauert, bis Ben gelernt habe, die ganze Stunde still auf seiner Decke zu liegen. „Aber das schafft er nur, wenn die Kinder leise sind. Wenn sie laut werden, macht er schon mal ‚Wuff’ – und dann ist es mucksmäuschenstill.“ Kein Wunder. Ben ist ja auch nicht gerade ein winziges Schoßhündchen, sondern ein kräftiger Kerl. Haben da die Kinder nicht auch mal Angst? „Ein bissle Angst schon“, räumt ein Zweitklässler ein. Trotzdem gehe er gern in die Hunde-AG. Sein Mitschüler Alexander hätte am liebsten selbst einen Hund. Er ist stolz, dass er die Zeichensprache gelernt hat, auf die Ben reagiert. Jedenfalls meistens. Dass in der Hunde-AG auch zwei Förderschüler mitmachen, fällt nicht auf. Manchmal, wenn sich ein Kind nicht konzentrieren kann, darf es auch im Regelunterricht kurz zu Ben auf die Decke und mit ihm kuscheln. Danach falle das Lernen wieder leichter.

Mit Eltern habe es nie ein Problem gegeben, so Müller-Zastrau. Auch das Kollegium habe sich einstimmig dafür ausgesprochen. „Ben hatte ein Probejahr.“ Danach tagte die Schulkonferenz. „Die Kinder werden schwieriger“, sagt die Rektorin. „In jeder Klasse sind mindestens sechs, sieben Kinder, die besondere Aufmerksamkeit brauchen – die Hunde sind ganz tolle Helfer. Der Hund nimmt so viel Spannung raus, er gewinnt die Kinder für sich, und er bringt sie zur Ruhe.“

Positiv, beruhigend und stressmindernd für die Kinder

Im Staatlichen Schulamt sieht man die tiergestützte Pädagogik als große Bereicherung. Sie wirke sich „sehr positiv, beruhigend und stressmindernd auf Kinder aus“, erklärt die Leiterin Ulrike Brittinger. Doch müssten Eltern und Kollegium dahinterstehen und Hund und Frauchen eine zertifizierte Ausbildung haben – die hat allerdings nur Ben. „Ein Hund zeigt sehr klar, was ihm gefällt und was nicht. Kinder lernen so auch, Signale wahrzunehmen und ihr Verhalten entsprechend auszurichten.“ Für Ben ist das alles kein Problem. Seine Zweibeiner spuren.

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