Marian Schreier und Helmut Groß Die Rekord-Bürgermeister

Von Julian Illi 

Der eine wird jetzt jüngster Rathauschef im Land, der andere war 42 Jahre lang in dem Amt. Am Mittwoch tritt Marian Schreier die Nachfolge von Helmut Groß als Stadtoberhaupt von Tengen im Hegau an.

Marian Schreier am Eugensplatz: in Stuttgart ist er aufgewachsen, dort leben seine Eltern. Nun zieht es  den  25-Jährigen in die    Provinz. Foto: Martin Stollberg, Oliver Hanser, privat (2)
Marian Schreier am Eugensplatz: in Stuttgart ist er aufgewachsen, dort leben seine Eltern. Nun zieht es den 25-Jährigen in die Provinz. Foto: Martin Stollberg, Oliver Hanser, privat (2)

Tengen - Seine Stadt darf sehen, wenn Helmut Groß im Auto unterwegs ist. Das zeigt schon das Nummernschild an seinem Wagen. Zwei Buchstaben für den Landkreis Konstanz, zwei Buchstaben für seine Initialen und eine einzige Ziffer: die 1. Kein Zweifel, wer der erste Mann in Tengen ist. Das Auto, an dem das Kennzeichen hängt, ist ein großer Daimler in Braun-Metallic. Einer, in den man auch mit Ende 60 noch bequem einsteigen kann, weil die Sitzposition so schön hoch

Helmut Groß Foto: Privat
ist. Einer mit Leder-Vollausstattung und mit Automatikgetriebe. Einer, mit dem man sich auf Dienstfahrten gewiss nicht verstecken muss. Helmut Groß fährt jeden Tag mit seinem Auto zur Arbeit, obwohl er nur ein paar Hundert Meter vom Rathaus entfernt wohnt. In seinem Amt ist man viel unterwegs.

Wenn Marian Schreier unterwegs ist, nimmt er gerne die Berliner U-Bahn, manchmal auch den Zug, oder er fährt mit dem Rad. Mit dem Auto kommt er selten. Und wenn, sieht man ihn nur auf dem Beifahrersitz, denn er hat keinen Führerschein. Als er Anfang des Jahres beschloss, sich um die Nachfolge von Helmut Groß als Bürgermeister der Kleinstadt Tengen im Hegau zu bewerben, wurde ihm das von seinen Gegnern im Wahlkampf als Schwäche ausgelegt. Wie soll jemand ohne Fahrerlaubnis eine ländliche Kommune leiten? Zumal eine, die sich aus neun ehemals eigenständigen Gemeinden zusammensetzt? Eine, die sich auf mehr als 60 Quadratkilometer verteilt?

Der 25-jährige Schreier war der jüngste von vier Kandidaten, er lag bald schon aussichtsreich im Rennen. Es schien, als könne er den Wählern klarmachen, dass es als Bürgermeister mehr braucht als nur ein gewisses Lebensalter – kommunikative Fähigkeiten, um die Bürger mitzunehmen, zum Beispiel. Oder neue Wege, um auch junge Leute für Politik zu interessieren: in den sozialen Medien, auf Facebook, Twitter, durch einen Wahlkampfblog. Er hatte das beherzigt. Sollte es am Ende womöglich am fehlenden Führerschein scheitern?

Im Wahlkampf fuhren ihn Freunde zu vielen Terminen, andere Veranstaltungen absolvierte er zu Fuß oder auf dem Fahrrad. Sollte er ihr neuer Bürgermeister werden, das versprach Schreier den Tengenern, werde er die Führerscheinprüfung schon noch nachholen. Trotz der Angriffe behielt er die Ruhe. Das sollte sich schließlich auszahlen: Am 1. März wählte Tengen Schreier mit einem triumphalen Ergebnis zum neuen Stadtoberhaupt: Fast 71 Prozent stimmten für ihn, die Wahlbeteiligung lag bei mehr als 70 Prozent. Ein Traumergebnis für jemanden, der ein halbes Jahr vorher die Stadt zum ersten Mal betreten hatte.

Wegweisende Entscheidungen in den Siebzigern

Als Helmut Groß vor 42 Jahren erstmals zum Bürgermeister gewählt wurde, gab es in Tengen keine einzige Mietwohnung, kein Rathaus, und die Zimmer, in denen die Stadtverwaltung arbeitete, wurden mit einem Holzofen geheizt. Groß, der zuvor Leiter der Finanzverwaltung einer Gemeinde im Kreis Tuttlingen gewesen war, quartierte sich in einem Gasthaus ein und begann mit der Arbeit. Wegweisende Entscheidungen galt es zu treffen für die Kleinstadt, die von der Landwirtschaft geprägt war und sich in Richtung Zukunft aufmachen wollte.

Die Verwaltung war klein, so manchen Beschluss fällte daher der Chef allein. Und er musste viel entscheiden: In den Siebzigern wurde die Gebietsreform umgesetzt, ein neues Rathaus errichtet, die Bundesstraße ausgebaut. In den Achtzigern sollte endlich das Problem der Abwasserentsorgung gelöst werden, in einer Kooperation mit den Schweizer Nachbargemeinden entstand eine moderne Kläranlage. Helmut Groß und Tengen schafften es, den Tourismus in die Stadt zu holen. Heute liegt am Ortsrand ein Fünf-Sterne-Camping-Platz. Im Winter kommen Langlauf-Touristen, im Sommer locken Wanderwege und der nahe Bodensee viele Besucher an. Seit wenigen Jahren ist Tengen ein Luftkurort.

Kein anderer Bürgermeister im Land sitzt so lange auf seinem Stuhl wie Groß. Sechs Mal wurde er wiedergewählt. Doch der 67-Jährige sagt: „Die Zeiten haben sich geändert. Es ist komplizierter geworden.“ Aktuell beschäftigt ihn das Pflegeheim mit mehr als 200 Betten. 120 Angestellte arbeiten dort. Jahr für Jahr schreibt es rote Zahlen. Das Heim wird als Eigenbetrieb der Stadt geführt, der Weg zu dieser Rechtsform war lang, die Aktenordner füllen mehrere Regalmeter. „Es gibt kaum noch Politiker, die sich alle Details durchlesen“, sagt Groß. Seinem Nachfolger traut er die Aufgabe zu: „Ich glaube an Herrn Schreier.“

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