Marienhospital Schnelle psychologische Hilfe für Gewaltopfer

In der psychosomatischen Klinik im Marienhospital gibt es nun eine Traumaambulanz, die Menschen direkt nach einer Gewalttat unterstützt. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Im Marienhospital gibt es seit Anfang Juli eine Traumaambulanz für Menschen, die Opfer von Gewalttaten geworden sind. Dort erhalten sie nach der Tat schnelle psychologische Hilfe.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Opfer einer Gewalttat brauchen schnell Hilfe. Nicht nur medizinisch, sondern auch psychologische. Die Wartelisten für ambulante Therapieplätze sind aber häufig lang. Zudem befinden sich Opfer häufig in einem psychischen Ausnahmezustand, den sie alleine vielleicht gar nicht überwinden können.

 

Seit Anfang Juli hat das Stuttgarter Marienhospital nun mit einer Traumaambulanz nun eine Anlaufstelle geschaffen, für Menschen, die Opfer von Gewalttaten wurden oder diese mitanschauen mussten. „Wir können nun schnell und unkompliziert Hilfe ermöglichen“, sagt Manuel Enzenhofer, Leiter der Traumaambulanz und leitender Oberarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Marienhospital im Stuttgarter Süden.

Eine Gewalttat kann psychische und körperliche Beschwerden auslösen

Die Finanzierung finde daher auch nicht über die Krankenkassen statt, sondern die Leistungen werden im Rahmen des Opfer-Entschädigungsgesetzes durch das Sozialministerium Baden-Württemberg finanziert.

Das Angebot richte sich an Erwachsene, die innerhalb des vergangenen Jahres Opfer einer Gewalttat wurden, sie miterlebt hätten oder im Rahmen ihrer Berufsausübung einen gewalttätigen Übergriff erlitten haben. Nicht behandeln könnten sie allerdings Menschen, die schon seit Jahren unter einer Traumafolgestörung leiden.

Menschen reagieren unterschiedlich auf Gewalttaten, Schicksalsschläge oder belastende Erlebnisse. Nach Gewalttaten leiden viele unter Symptomen wie wiederkehrende, belastende Erinnerungen, sogenannte Flashbacks, Albträumen, Ängsten, Niedergeschlagenheit oder Schlafstörungen. Halten die Symptome an, beginnen viele Opfer auch, sich zurückzuziehen und sich von ihrer Umwelt abzukapseln, auch körperliche Symptome können nach einer traumatischen Erfahrung auftreten.

Das US-amerikanische psychiatrische Klassifikationssystem DSM-5 definiert Ereignisse als traumatisch, die reale oder potenzielle Todesbedrohungen, ernsthafte Körperverletzungen oder sexuelle Gewalt beinhalten. Typische Ereignisse, die als traumatisch eingeordnet werden, sind Vergewaltigung, körperliche Misshandlung, Terroranschläge, Kriegs- und Fluchterlebnisse, Folter, eine lebensbedrohliche Krankheit, aber auch Naturkatastrophen.

Gewalttaten könnten, so Enzenhofer, die menschliche Psyche überfordern, was zur Entkopplung von Hirnfunktionen führen könne. Dadurch gelinge es schlechter, das Erlebte zu verarbeiten. „Die Stressreaktion hält dann an, Flashbacks wiederum können erst einmal normal sein“, ergänzt er. In der ersten Zeit nach einem schlimmen Gewalterlebnis, etwa ein bis drei Tage, sei es normal, dass die Psyche und der Körper nicht mehr richtig funktioniere und dadurch Schlafstörungen, ständiges Gedankenkreisen oder Schreckhaftigkeit auftrete.

Die Ambulanz leistet eine erste

Deshalb geht es zunächst darum, Menschen aufzuklären und sie schnell zu unterstützen. Was ist ein Trauma? Wie kann eine Verarbeitung gelingen? Auch um vorhandene Ressourcen zu aktivieren oder schädliche Abwehrreaktionen wie Vermeidung, Alkohol oder Drogen zu minieren. „Viele ziehen sich auch stark zurück und werden von ihren Gedanken überschwemmt“, sagt Enzenhofer und ergänzt: „Dadurch fallen aber selbstwertschätzende Faktoren und positive Erfahrungen mit anderen Menschen weg.“ Die große Kunst in der Behandlung sei, das richtige Maß zu finden, also die Menschen sprechen zu lassen, aber sie „nicht in die Überschwemmung“ zu bringen.

Die psychische Erstversorgung erfolge bei ihnen normalerweise innerhalb von den ersten fünf Tagen nach einer Tat. Geplant sei zunächst, dass die Menschen für fünf Sitzungen zu ihnen kommen. Danach gebe es aber die Option, noch weitere zehn Stunden wöchentlich dran zu hängen. „Ziel ist es, dass Gefühl von Selbstkontrolle und Sicherheit wiederherzustellen und die Menschen früh zu stabilisieren“, sagt Enzenhofer.

Dabei gehe es zunächst um eine ausführliche Aufklärung über psychische Folgen, wie etwa darüber, was ein Trauma eigentlich ist und was die Symptome sind sowie eine schnelle Krisenintervention. Zudem erhielten die Opfer Unterstützung bei der Suche nach weiteren Hilfsangeboten wie zum Beispiel der Erstellung eine Antrages auf Opferentschädigung oder bei einer möglichen Weiterbehandlung. Bei Bedarf könne auch eine Behandlung in einer Tagesklinik oder stationär eingeleitet werden.

Obwohl die Ambulanz erst seit 1. Juli geöffnet hat, sei die Nachfrage derzeit recht groß, sagt Enzenhofer. Dennoch versuche man, jeden zu behandeln. Vor allem nach Großveranstaltungen wie zum Beispiel kürzlich der Fußballeuropameisterschaft kämen Gewaltopfer zu ihnen. Oft handele es sich aber auch um häusliche oder sexuelle Gewalt sowie Waffengewalt und Schlägereien. Bisher seien es mehr Frauen als Männer, die sich an sie wendeten.

In Baden-Württemberg gibt es bereits sechs Traumaambulanzen in verschiedenen Städten. Die Ergebnisse des Pilotprojekts seien „hoch effektiv“ gewesen, sagt Enzenhofer. Wenn Opfer schnell eine fachgerechte psychologische Unterstützung erhielten, entwickelten sie deutlich seltener eine Traumafolgestörung oder eine Posttraumatische Belastungsreaktion (PTBS).

Kontakt zur Traumaambulanz am Marienhospital

Anmeldung
Die Traumaambulanz befindet sich im Marienhospital an der Böheimstraße 37. Eine Anmeldung ist unter der Telefonnummer 0711 6489 8844 erforderlich. Die Ambulanz ist zwischen 8 und 14 Uhr erreichbar, außerhalb der Sprechzeiten gibt es einen Anrufbeantworter. Ein Rückruf erfolgt dann am nächsten Werktag. Per E-Mail ist die Ambulanz unter psm-trauma@vinzenz.de erreichbar.

Angebot
Die ambulante Therapie in der Traumaambulanz richtet sich an Erwachsene aus Stuttgart, die Opfer einer Gewalttat geworden sind oder diese miterlebt haben und deshalb unter psychischen Problemen leiden.

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