Die sozialistische Umweltpolitikerin Marina Silva fordert Präsidentin Dilma Rousseff heraus. Die brasilianische Präsidentschaftswahl ist ein Duell der Frauen. Der StZ-Brasilienkorrespondent Wolfgang Kunath schildert die Ausgangslage.

Brasília -

 

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ie sei „starrsinnig wie ein Scheunentor“, sagte ihr Ehemann einmal feixend über sie. Als sie letztes Jahr jäh entschied, die Gründung einer eigenen Partei erst mal nicht weiterzuverfolgen und sich den Sozialisten anzuschließen, da bekränzte sie diese – durchaus sensationelle – Kehrtwende mit einem Zitat ihres Lieblingsdichters Thiago de Mello: „Wenn es keinen neuen Weg gibt, dann muss man eben eine neue Art des Laufens lernen.“ Und das drückt eine Haltung aus, die alles andere als Starrsinn ist.

Am Sonntag wird in Brasilien gewählt, und wenn die Umfragen stimmen, dann hat Marina Silva, die derzeit faszinierendste Figur auf der politischen Bühne des Landes, reale Chancen, durchzumarschieren bis zum Palácio do Planalto, dem Amtssitz des Staatspräsidenten in Brasília, denn am Sonntag wird sie wohl zweite. Damit träte sie in der Stichwahl drei Wochen später gegen die Amtsinhaberin Dilma Rousseff an. Und wer da gewinnt, traut sich niemand vorherzusagen. Zurzeit herrscht Patt.

Durch den Tod des Sozialisten Eduardo Campos bei einem Flugzeugabsturz rückte sie, die Stellvertreterin, plötzlich an die erste Stelle – und begann in den Umfragen abzuräumen. Nach einer Schrecksekunde begannen ihre Gegner, die Widersprüche der Marina Silva auszuschlachten – das ist der normale, banale Wahlkampf. Spannender ist die Frage, warum womöglich die Mehrheit der Wähler unter den 200 Millionen Brasilianern von den Gegensätzen der Marina Silva nicht abgeschreckt, sondern offenbar sogar angezogen werden.

Die Tochter eines Kautschuksammlers im Amazonas-Gebiet

Eine erste Antwort darauf gibt der Lebenslauf der schmalen 56-Jährigen mit dem strengen Haarknoten, deren dunkle Haut schon auf die soziale Herkunft verweist. Sie wuchs als Tochter eines Kautschuksammlers im Amazonas-Gebiet auf. Sie war Dienstmädchen, zeitweise wollte sie ins Kloster gehen, erst mit 16 lernte sie lesen und schreiben. „Jetzt hör ich auf, sonst fangt ihr noch an zu weinen“, sagte sie mal scherzhaft, nachdem sie Freunden die vielen Krankheiten ihrer Jugend aufgezählt hatte. Zu den Spätfolgen gehört, dass die Mutter von vier Kindern bis heute vieles nicht verträgt. Kosmetik zum Beispiel: ihr Leibfotograf hat stets ein Stück Rote Beete für sie parat. Als Lippenstiftersatz.

Sie studierte Geschichte, wurde Lehrerin, gründete die Gewerkschaft in ihrer Heimat mit, sie kämpfte an der Seite des 1988 ermordeten Umweltschützers Chico Mendes. Sie trat in die Arbeiterpartei ein, deren Chef, der Gewerkschafter Luiz Inácio Lula da Silva, sie 2003 als Umweltministerin berief, nachdem er Präsident geworden war. Vorher hatte sie die Ochsentour gemacht; ihr erster Wahlkampfspot 1986 wurde live gesendet und soll gruselig schlecht gewesen sein. Sie wurde trotzdem gewählt. Mit 36 Jahren war sie die jüngste Senatorin in der Geschichte Brasiliens.

Die brasilianische Gesellschaft liebt Aufsteiger

Ein krasserer Gegensatz ist kaum denkbar: von ganz unten nach ganz oben. Aber die brasilianische Gesellschaft liebt Aufsteiger. In der Summe der individuellen Erfolgskarrieren erblickt sie die kollektive Lösung aus den Fesseln der Armut und Rückständigkeit, die das Schwellenland Brasilien noch immer behindern.

Nach der gleichen Logik sind auch Stehaufmännchen hoch angesehen. Selbst die, denen der Regenwald nicht so am Herzen liegt, denen genmanipulierte Soja egal ist und denen die Ökonomie wichtiger als die Ökologie erscheint, zogen den Hut, als sie 2008 zurücktrat. Denn unter Lula hatte sie es nicht geschafft, ihre Umweltziele durchzusetzen. Zwei Jahre später war sie wieder da, gestärkt, aufrecht: Gegen Lulas Kandidatin Rousseff trat sie für die grüne Partei an und holte auf Anhieb 19 Prozent.

Wie die populäre Marina Silva zu den Sozialisten findet

Sie trennte sich schnell wieder von den Grünen, die in Brasilien ungeniert am Parteiengekungel teilnehmen. „Rede Sustentabilidade“, Netzwerk Nachhaltigkeit, sollte ihr eigener Verein heißen – ein sperriger, aber den Unterschied zur Parteienlandschaft deutlich markierender Name. Daraus wurde nichts. Sie bekam die absurd hohe Zahl von 492 000 Unterschriften nicht zustande, die zur Gründung einer Partei nötig sind.

Dilma Rousseff und ihr konservativer Gegner Aécio Neves müssen sich da die Hände gerieben haben. Dass die populäre Marina Silva dann Unterschlupf bei der – in Brasilien nicht sehr sozialistischen – Sozialistischen Partei suchte, kam andererseits deren Chef Eduardo Campos zupass. Zumal sie nur an seiner Seite für das unwichtige Vizepräsidentenamt kandidierte.

Aus der Sicht ihrer Gegner lag sie also in einer Art politischer Vollnarkose, aus der sie Mitte August umso bedrohlicher erwachte, als Campos ums Leben kam. Bei einer der ersten Elefantenrunden im Fernsehen schoss sich eine nervöse Rousseff auf die souveräne, ruhige Konkurrentin ein, die nicht aus der Fassung zu bringen war. Neves, der rechte Herausforderer, ist sowieso längst abgemeldet: Er hatte schon Probleme, Wahlkampfspenden aus der Industrie zu erhalten.

Die politische Energie hat sich in den Wahlkampf verlagert

Während der friedlich-fröhlichen Fußball-WM hat sich alle Welt gefragt, wo die politische Energie abgeblieben ist, die im Sommer 2013 eine Million Brasilianer gegen die dürftigen öffentlichen Schulen, die schäbigen Krankenhäuser, die teuren Busse und Bahnen, die grassierende Gewalt auf die Straße trieb. Das Marina-Hoch gab die Antwort: Die Energie des Zorns schien sich von der Straße in den Wahlkampf verlagert zu haben.

Einer Umfrage vom Frühjahr zufolge wünschten 70 Prozent der Brasilianer einen Wandel. Brasilien wählt seit Jahrzehnten Utopien: In den Neunzigern die konservative der Geldwertstabilität und der Modernisierung, dann, mit Lula, die der Gleichheit und der sozialen Gerechtigkeit. Rousseff dagegen verspricht nichts Neues, und Neves und Campos standen für nicht mehr als für die Optimierung des Alten. Einzig Marina Silva verkörpert eine Utopie. Die Frage war nur: welche eigentlich?

Warum hat sich Marinas Silvas Höhenflug abgeflacht?

Dass ein Großteil der Brasilianer keine überzeugende Antwort auf diese Frage gefunden hat, erklärt wohl, warum sich Marina Silvas Höhenflug mittlerweile etwas abgeflacht hat. Was steckt hinter ihrer „neuen Politik“, von der sie so viel redet? Was hat es mit all den Sektoren und Strukturen, den Systemen und Strategien auf sich, von den Achsen, Agenden und Aktionen ganz zu schweigen? Die siebtgrößte Volkswirtschaft der Erde umzuschalten auf Nachhaltigkeit, wie soll das genau gehen? Wie wird sie es mit den Großfarmern halten, die ein Fünftel des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaften und für die sie bisher ein rotes Tuch war, beziehungsweise ein grünes?

Von den Widersprüchlichkeiten profitiert Rousseff

Den alternativen Energien will sie den Vorzug vor der Förderung des Tiefseeöls geben, aber wie sollen dann die 47 Milliarden Euro bezahlt werden, auf die Rousseff-Gehilfen die Kosten von Silvas Wahlkampfankündigungen addiert haben? Ist es nicht etwas sehr lapidar, darauf nur zu antworten, zurzeit verschwende der Staat sein Geld für die falschen Zwecke, man müsse es für die richtigen einsetzen?

Präsidentin Rousseff stürzt sich auf solche Widersprüche, um sich die Konkurrentin vom Leibe zu halten. Dabei geht es ganz und gar nicht fein zu: Die Unterstellung, Silva werde die Sozialhilfe für die Armen streichen, die von Dilma und Lula ausgeweitet wurde, war ein rüder Angriff, den Silva mit einem rührseligen Werbespot zu parieren versuchte: Nichts liege ihr ferner, als beim Sozialen zu streichen – sie wisse schließlich, was Hunger sei.

Marina Silva zeigt sich wirtschaftlich liberal

Im Wahlkampf geht es vor allem um Wirtschaft, und immerhin ist in letzter Zeit klar geworden, dass Marina Silva ein liberaleres Modell vorschwebt: weniger Staatsinterventionismus, mehr Haushaltsdisziplin und Inflationsbekämpfung. Rousseff dagegen plädiert für starke staatliche Lenkung des Wirtschaftsgeschehens. Wenn Silva auf der Unabhängigkeit der Zentralbank beharre, dann beschwöre sie deren Ausverkauf ans Finanzkapital herauf, schimpft Rousseff – ein pikanter Vorwurf, denn unter ihr und Lula haben die Banken Bombengewinne gemacht.

Dass Marina Silvas Umfragewerte sich nach unten eingependelt haben, liegt genauso an ihren eigenen Widersprüchen wie an der Wirkung der Angstkampagne ihrer Gegner. Dennoch kann sie es noch reißen, dennoch hat sie immer noch Chancen. Nur auf neue Art zu laufen lernen – das ist leichter gesagt als getan.