Der Fußballer Mario Gomez polarisiert. Trotz seiner unzähligen Tore bleibt der ehemalige Stürmer des VfB Stuttgart, FC Bayern München und AC Florenz umstritten – auch und gerade nach seinem Wechsel zu Besiktas Istanbul.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Stuttgart - Als es für Mario Gomez noch richtig gut gelaufen ist, da hat er eine bemerkenswerte Einschätzung über sein eigenes Fußballerleben gegeben. Er wolle „kein Spieler mit zwei Gesichtern“ sein. Nicht derjenige, der im Verein Tore wie am Fließband erzielt und, sobald er ein Verbandstrikot überstreift, eben kaum noch einen Fuß vor den anderen bekommt.

So war das vor vier Jahren, als Gomez noch beim FC Bayern und im Nationalteam spielte. Für die Münchner, gemessen an seinen Treffern, sehr erfolgreich; für sein Land, gemessen an den Fanreaktionen, sehr unglücklich. Deshalb ging es stets um die Frage, wann der Mittelstürmer endlich auch die Erwartungen im DFB-Team erfüllt.

Der Plan: über den Bosporus zurück in die Nationalelf

Die Antwort ist Gomez schuldig geblieben, der 30-Jährige polarisiert nach wie vor. Er selbst würde aus heutiger Sicht diesen damaligen als unangenehm und auch ungerecht empfundenen Status wohl dennoch als gute Nachricht verkaufen. Sein Marktwert war so hoch wie sein Potenzial: 30 bis 40 Millionen Euro, weil er der Toptorjäger eines europäischen Spitzenvereins war und er auch fest zum Kader von Bundestrainer Joachim Löw zählte.

Nationalspieler durfte Gomez das letzte Mal im September 2014 sein, aber davor verpasste er die WM – und jetzt wechselt er zu Besiktas Istanbul. Zugegeben ein sehr bekannter Verein, in der Türkei auch ein sehr beliebter Club. Gleichwohl werten viele Beobachter diesen Schritt in die Süperlig als Flucht. Die „Bild“-Zeitung lästerte jedenfalls, „seine Clubs werden immer kleiner, doch sein Gehalt wird immer größer“.

Vom FC Bayern ging es zum AC Florenz. 25 000 heißblütige Tifosi empfingen den Angreifer bei seiner offiziellen Präsentation im Stadion. Es schien der Beginn einer wunderbaren Beziehung zu sein. Falsch gedacht. Nach zwei Jahren voller Verletzungen und zig Missverständnissen zieht es Gomez an den Bosporus, denn über die Meerenge zwischen Europa und Asien will er das Ziel erreichen, das ihm wirklich vorschwebt: zurück in die Nationalelf.

Einer der effektivsten Angreifer in Europas Topligen

Über Besiktas, so hofft Gomez, wird er den Makel los, den er praktisch mit sich herumträgt, seit er den VfB Stuttgart 2009 für eine Ablöse von 30 Millionen Euro verließ. Immer wird bei Gomez darüber diskutiert, welche Tore ihm eigentlich nicht gelungen sind. Wie er sich doch wieder ziemlich ungeschickt angestellt hat. Was viel mit dem Abend vom 16. Juni 2008 zu tun hat, als er es im entscheidenden EM-Vorrundenspiel gegen Österreich fertig brachte, den Ball aus kürzester Entfernung nicht über die Linie zu bringen.

Diese Szene grub sich in das kollektive Gedächtnis der Fußballnation ein. „Eine Lachnummer“, nannte selbst Mario Gomez diese Slapstick-Einlage im Strafraum von Wien. Sie verfolgte ihn lange Zeit, hielt ihn aber nicht davon ab, weiter Tore zu schießen. Laut den Statistiken des Sportdatenanbieters Opta gehört Gomez zu den effektivsten Angreifern in Europas Topligen. In München schoben sie ihn nach der Triplesaison 2013 dennoch für 20 Millionen Euro nach Italien ab, weil der Trainer Pep Guardiola auf einen anderen Stürmertypen setzte.

Nun geht es zunächst auf Leihbasis mit Kaufoption in die Millionenmetropole Istanbul. Dort kam Gomez am Donnerstag auf dem Atatürk-Flughafen an. Wie vor wenigen Wochen sein früherer und auch künftiger Teamkollege Andreas Beck. „Ich bin sehr glücklich hier zu sein und kann es kaum erwarten, das Training mit der Mannschaft zu beginnen“, sagte Gomez.

Auch Podolski und van Persie spielen in Istanbul

Empfangen wurde er von einigen Hundert Besiktas-Fans. Vor allem weil der Club die Ankunftszeit über die sozialen Netzwerke verbreitet hatte und somit Werbung in eigener Sache betrieb, denn es gehört zur PR-Strategie, diese emotional aufgeladenen Bilder vom Star und der Anhängerschaft zu transportieren.

Fenerbahce und Galatasaray, die beiden anderen Großkaliber in Istanbul, machen das genauso. Und die Rivalität hat dazu geführt, dass sich der 13-malige Meister vehement um Gomez bemühte, denn die Konkurrenz konnte schon den deutschen Weltmeister Lukas Podolski (Galatasaray) und den niederländischen Promistürmer Robin van Persie (Fenerbahce) vorstellen. Das erhöhte den Handlungsdruck.

Laut dem börsennotierten Europa-League-Teilnehmer erhält Gomez nun 3,5 Millionen Euro netto plus Prämien für die anstehende Saison. Das ist weniger als die zunächst kolportierten 5,5 Millionen Euro netto, aber mehr als viele andere Vereine bereit waren, dem Angreifer zu zahlen. Für beide Seiten soll sich die Zusammenarbeit aber auszahlen: Besiktas hat gute Flügelstürmer und hofft in Gomez den Superknipser gefunden zu haben, um nicht mehr die Nummer drei in der Süperlig sein zu müssen. Gomez wiederum will vom Offensivgeist der türkischen Trainerlegende Senol Günes profitieren und sich mit Toren für die EM 2016 empfehlen. Auch deshalb sagt Gomez: „Merhaba Besiktas!“, „Hallo Besiktas!“