Mark Knopfler in Stuttgart Mehr als nur Dire Straits

Von Michael Werner 

Betörend souverän: Mark Knopfler hat mit seiner Band in der Stuttgarter Schleyerhalle gespielt. Sein Können und seine Gitarre sind alles, was er braucht, um die Songs lebendig werden zu lassen.

Mark Knopfler und seine Gitarre: Mehr braucht es nicht. Foto: dpa
Mark Knopfler und seine Gitarre: Mehr braucht es nicht. Foto: dpa

Stuttgart - Mark Knopfler (63) ist nie ein Freund von Firlefanz gewesen: Er quatscht nicht viel auf der Bühne, er hampelt nicht herum, und er hat auch keine Videowände in die ausverkaufte Stuttgarter Schleyerhalle karren lassen. Stattdessen raunt er in seinen Liedern völlig entspannt von fernen Welten und lässt aus den Gitarren die unglaublichsten Grenzüberschreitungen entfleuchen, scheinbar anstrengungslos. Mark Knopfler und seine famos synchron mitfühlende Band in Stuttgart – das ist ganz großes Ohrenkino.

Diesmal auf dem Programm: geigenverspielte und flötengetränkte Anklänge an die Folklore des Vereinigten Königreichs, von Knopfler mit zurückgelehnter Weltläufigkeit präsentiert – seine Elfen tanzen bei Belieben auch im Regenwald. Getreu dem Motto seines aktuellen Albums „Privateering“ (Freibeuterei) singt Mark Knopfler im Titeltrack vom Wellendonner „an einer Küste, die nicht meine ist“ und spinnt aus der Idee einer kunstsinnigen Kaperei ein fantastisches Programm des sagenhaften Understatements.

Geschichten erzählen mit nur einem Instrument

Denn natürlich ist auf eine andere Art alles seins, was an diesem Abend bannt: die gut abgehangenen Dire-Straits-Klassiker wie „Romeo and Juliet“ oder „Telegraph Road“, denen diese hervorragend eingespielte Band mit zuweilen fünf Gitarren gleichzeitig neue Wucht einbläst – und Glanzstücke aus Knopflers Soloschaffen wie das kernige „Corned Beef City“ oder das getragene „Postcards from Paraguay“. Die Kunst eines genialen Songwriters, der die Welt seit 35 Jahren mit klanggewordenen Träumen überflutet, besteht also in der Schleyerhalle gerade auch im Weglassen einiger Perlen, zumal der ausgedehnten solistischen Ausflüge wegen nicht mehr als 15 Songs in diese vor Inspirationen schier berstenden beiden Stunden passen.

Andererseits ist es gar nicht entscheidend, welche Lieder dem Chef nun als Abschussrampen für seine fantastischen Traumwandeleien auf der Fender Stratocaster dienen: Knopfler verirrt sich nie im rein Artistischen, sondern fährt sein ganzes Können auf, um mit seiner Gitarre jene Geschichten mit Leben zu füllen, die er mit seiner rauchigen Stimme gewohnt beiläufig erzählt. Wenn es sein muss, genügt ihm ein einziger, kühn modulierter Ton pro Takt, um die Geheimnisse des Aufbrechens, Ankommens und wieder Verschwindens schlüssig in seiner einnehmenden Melange aus Powerblues und Fantasiefolk zu verstauen. Ob er sein Instrument jaulen oder wimmern lässt, ob es frohlockt, fantasiert, oder von Erlösung kündet – echter, unmittelbarer kann Musik kaum klingen.

Vielleicht sollte man sich manchmal versichern, dass sie tatsächlich existieren, diese Weltwunder, die uns seltsam selbstverständlich geworden sind: die Inseln der Karibik, die Gipfel des Himalaja, ein Lächeln am Montagmorgen oder Mark Knopflers Gitarrenspiel.