Mark Zuckerberg Netzwerker am Pranger
Mark Zuckerberg hat mit Facebook ein weltweites Datenimperium geschaffen, das vielen inzwischen totalitär erscheint. Wie konnte es so weit kommen?
Mark Zuckerberg hat mit Facebook ein weltweites Datenimperium geschaffen, das vielen inzwischen totalitär erscheint. Wie konnte es so weit kommen?
Menlo Park - Mark Zuckerbergs Freundin, die im Laufe des Gesprächs seine Ex wird, nimmt den jungen Computerfreak in einer Studentenkneipe ins Gebet: „Du wirst später bestimmt mal glauben, dass die Frauen nicht auf dich stehen, weil du ein Nerd bist.“ In Zuckerbergs betretenes Schweigen hinein setzt sie den verbalen Dolchstoß: „Ich möchte dir von ganzem Herzen mitteilen, dass das nicht der Fall sein wird. Es wird daran liegen, dass du ein Arschloch bist.“ Hollywood hat es mit Zuckerberg in „The Social Network“ nicht gerade gut gemeint – der Film erzählt Facebooks Aufstieg und Zuckerbergs charakterlichen Fall.
Zuckerberg hat sich zum Film öffentlich nie umfassend geäußert – und so steht das Bild, das sich Kinobesucher 2010 von ihm gemacht haben, relativ unwidersprochen im Raum. Was davon nah an der Wirklichkeit bleibt, wo die Fantasie beginnt, bleibt unklar.
Das passt zu den grundlegenden Problemen, vor denen Facebook 2021 gestanden hat: Der Tech-Konzern ist durch die Enthüllungen seiner früheren Mitarbeiterin Frances Haugen so stark unter Beschuss geraten, wie noch nie in seiner 17-jährigen Geschichte.
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Haugen berichtete vor dem US-Kongress – und gegenüber zahlreichen Medien weltweit –, dass der Konzern wissentlich Fake-News zugelassen und Hassbotschaften nicht gelöscht habe. Facebook habe eine eigene Studie in Auftrag gegeben, die dem Konzern schonungslos vor Augen geführt habe, dass er auch dank demokratiefeindlicher Videos und Texte Geld gescheffelt habe. Was an Haugens Enthüllungen pikant ist: Sie scheinen zu belegen, dass der Konzern nichts aus seinen Versäumnissen gelernt hat. Das Credo lautet offenbar weiterhin: Was geklickt wird, bringt Werbeerlöse. Inhalte sind nebensächlich.
Vor dem Parlament in London gab es daraufhin Proteste gegen Facebook. Dabei wurde auch eine Figur des Facebook-Chefs gezeigt, dem die Aussage „Ich weiß, dass wir Kinder schädigen, aber mir ist das egal“ in den Mund gelegt wurde. Dieser PR-GAU passt so gar nicht zu Mark Zuckerbergs Selbstverständnis: Zuckerberg, der Gründer, Stifter und Weltverbesserer. Ein im Bundesstaat New York geborener Weltbürger, aufgewachsen mit drei Schwestern, verheiratet mit Priscilla Chan, einer amerikanischen Kinderärztin, deren Familie einst als Bootsflüchtlinge in die USA kam. Die beiden haben zwei Töchter. In einem seiner privatesten Einträge auf Facebook berichtet Mark Zuckerberg davon, wie er seine Mädchen ins Bett bringe: An manchen Abenden gebe es keine Gute-Nacht-Geschichte. Stattdessen programmiere er ein wenig mit seinen Kindern.
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Facebook gefiel in seiner Start-up-Zeit zuerst nur ein paar Hundert Studenten an der Harvard University, dann Millionen, heute nutzen 1,93 Milliarden Menschen weltweit täglich die Dienste des sozialen Netzwerks.
Kann dieses Reich aus Daten jemals fallen? Es bröselt zumindest ein wenig. Zuckerberg, inzwischen 37 Jahre alt, treibt die Angst vor dem Älterwerden seiner Kunden um. Computerspiele-Hersteller wie Epic Games fesseln das jüngere Publikum mit den Fantasiewelten von „Fortnite“, chinesische Rivalen wie Tiktok nimmt Zuckerberg eigenen Aussagen zufolge als Bedrohung wahr. Fast zwangsläufig hat Mark Zuckerberg 2021 zum Neustart für Facebook auserkoren.
Facebook heißt jetzt Meta – zumindest die Dachmarke. Ältere mögen sich dabei an einen Werbespruch aus dem analogen Zeitalter erinnern: „Raider heißt jetzt Twix – sonst ändert sich nix.“ Und genau das befürchten die Kritiker von Facebook. Zuckerberg entwickelt munter neue digitale Welten. Ob dabei auch künftig Lügen verbreitet werden, spielt keine entscheidende Rolle.
Im neuen Jahr wird Facebook 18 – aber wird das Netzwerk auch erwachsen? Zuckerberg, im „Forbes“-Ranking der reichsten Menschen weltweit auf Platz sieben gelistet, wird darum kämpfen müssen, dass nicht noch mehr Menschen den Daumen senken. Und unwillkürlich an seine Ex-Freundin aus dem Film denken.