Der Kreisbauerntag am kommenden Freitag widmet sich der Frage, wie Landwirtschaft zukunftsfähig sein kann. Ein gutes Beispiel ist der Landwirt Ernst Reutter, der bis zum Jahr 2008 Milch produzierte – heute dagegen Strom und Wärme

Ludwigsburg: Markus Klohr (mk)

Markgröningen - Es ist noch nicht mal zehn Jahre her, da galt Ernst Reutter als innovativer Kopf. Der Eigentümer eines Markgröninger Milchviehbetriebs kam auf die Idee, angesichts von sinkenden Erträgen, Quotenproblemen und Marktschwankungen in Energie zu machen. 2008 ging es los: Zusammen mit zwei Mitstreitern gründete Reutter die GmbH Agrarenergie Andelbach. Heute steht Ernst Reutter, 59, hager, krautiges graues Haupthaar, große dunkle Augen, vor seinem Gärbehälter und sagt: „So eine Anlage würde heute wohl nicht mehr gebaut werden.“

Es ist noch nicht mal zehn Jahre her, da galten Biogasanlagen, neudeutsch ausgedrückt, als riesiger Hype. Der Bund sah darin einen wichtigen Baustein für die Energiewende, garantierte Betreibern lukrative Vergütungen für die Einspeisung von Strom ins Netz. Inzwischen wurde das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mehrmals novelliert, jedes Mal zu Ungunsten von den Biogas-Betreibern. Zwölf Jahre daure es noch, bis die drei Millionen Euro teure Anlage zwischen Markgröningen und Tamm abbezahlt sei. Wenn die garantierte EEG-Vergütung von 18,5 Cent pro Kilowattstunde Strom wegfalle, dann stehe die Zukunft der Anlage in den Sternen, sagt Ernst Reutter. „Auch mit einer abbezahlten Anlage kann ich keinen Strom für zehn Cent produzieren.“

„Jedes Jahr hören zwei bis drei Prozent auf“

Eberhard Zucker sieht in seinem Kollegen Reutter ein gutes Beispiel für die Situation der Landwirtschaft im Großraum Stuttgart. Deshalb hat der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Ludwigsburg-Heilbronn die Presse in Reutters Hof eingeladen, um dort zu erklären, wo bei ihm und seinen Kollegen der Schuh drückt. Noch um die 1000 Landwirte gibt es im Landkreis Ludwigsburg. „Jedes Jahr hören zwei bis drei Prozent auf“, sagt Eberhard Zucker. Aus eigener Erfahrung wisse er, dass Landwirtschaft für die junge Generation nur noch selten attraktiv sei – allein schon wegen der schlechten Verdienstaussichten: „Meine ältesten Kinder verdienen in ihren Berufen so viel – da brauchen sie bei mir nicht anzufangen“, sagt er.

Insofern passt es zur aktuellen Lage, dass am Freitag Politprominenz zu Gast beim Bauerntag in der Schwieberdinger Festhalle sein wird. Der Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) will bei der Versammlung über „Perspektiven der Landwirtschaft“ sprechen. Und er wird sich notgedrungen kritische Fragen der Landwirte gefallen lassen müssen. Zum Beispiel zu einem Thema mit dem sperrigen Namen „Reform der Bundesdüngeverordnung“. Aktuell sieht sich Schmidts Ministerium mit einem Beschwerdeverfahren der EU konfrontiert. Nach Ansicht der EU-Kommission in Brüssel hat Deutschland ein Problem wegen zu hoher Nitratwerte im Grundwasser. Deshalb plant der Bund, die Ausbringung von Gülle oder – im Falle Reutters – vergärtem Substrat noch schärfer zu regeln. Bislang gilt von November bis Februar eine Sperrfrist. Künftig soll die Gülledüngung schon im Oktober untersagt werden. „Wir halten das nicht für sinnvoll“, sagt Eberhard Zucker. Die Branche befürchte, dass durch die Düngeeinschränkung die Böden in den Wintermonaten wegen Nährstoffmangels stark ausgelaugt würden. Zudem habe Deutschland, da ist Zucker sicher, kein akutes Nitratproblem, sondern ein Messproblem, weil nur die Messwerte aus kritischen Bereichen nach Brüssel gemeldet würden. „Dabei sind 85 Prozent der Proben in Ordnung.“

„Ich glaube, dass sich etwas tut“

Fernab dieser tagespolitischen Probleme hofft Ernst Reutter auf Besserung an der EEG-Front. Biogasanlagen seien als Puffer wichtig, wenn Wind und Sonne wenig Energie liefern könnten. Und: seine Anlage versorge immerhin die unweit gelegene Schule für Körperbehinderte mit Wärme und helfe, jährlich rund 220 000 Liter Heizöl zu sparen. Wenn der Bund die Gesetzeslage nicht verbessere, seien solche Modell unwirtschaftlich. „Ich glaube daran, dass sich da etwas tut“, sagt Reutter.