Markgröninger Drillingsfamilie Drei ist keiner zu viel
Einlingseltern können es sich nicht vorstellen, Zwillingseltern auch nicht: Es gibt Familien, die drei kriegen und gelassen bleiben. (Dieser Artikel ist am 15. März 2008 erschienen.)
Einlingseltern können es sich nicht vorstellen, Zwillingseltern auch nicht: Es gibt Familien, die drei kriegen und gelassen bleiben. (Dieser Artikel ist am 15. März 2008 erschienen.)
Wenn Heike Höhn morgens um sieben Uhr duscht, ist sie nicht allein. Durch die Kabinentür schimmern drei platt gedrückte Nasen, drei Augenpaare verfolgen jede ihrer Bewegungen. Heike Höhn mangelt es eigentlich nie an Gesellschaft. Selbst der Gang zur Toilette findet immer in Begleitung statt. Die kleine Zuschauergruppe geht stets geschlossen mit, keiner will draußen bleiben, keiner verpassen, was das Leben so zu bieten hat.
So hielten sie es schon bei ihrer Entstehung. Nachdem klar war, dass Heike Höhn ohne ärztliche Hilfe kinderlos bleiben würde, pflanzte man ihr zwei befruchtete Eizellen ein. Mehr sind in Deutschland nicht erlaubt. Deshalb sind Drillinge so selten, Zwillinge dagegen sehr verbreitet. Die Wahrscheinlichkeit, dass nach neun Monaten ein Kind das Licht der Welt erblickt, lag bei 40 Prozent. Erst bei der zweiten Ultraschalluntersuchung erfuhr die damals 33-Jährige das ganze Ausmaß der guten Hoffnung: „Hier ist ein schlagendes Herz, da noch eins – und da ist ja noch mal eins.“ Eine Eizelle hatte sich geteilt, die Natur sich doch noch eingemischt. Aus der Traum der Mutter vom Leben mit einem Baby, das die meiste Zeit schläft oder glückselig an der Brust hängt. Aus der Traum des Vaters vom T-Modell von Mercedes. Anstelle des eleganten Combis steht ein VW-Reisebus in der Garage. Clara, Leni und Amelie, mittlerweile fast zwei Jahre alt, diktierten die Familienpolitik von Geburt an.
Amelie hat dunkles, glattes Haar, Clara und Leni sind blond gelockt und sehen tupfengleich aus. Clara erkennt man zur Zeit am blauen Fleck auf der Stirn, Leni an der Schramme auf der Wange. Heute ist Leni zuerst dran. 13 widerspenstige Kilo wuchtet Heike Höhn auf den Wickeltisch. Ausziehen, Gesicht und Händchen waschen, Popo sauber machen, frische Kleider anziehen, kämmen, ohne dass es ziept, Zöpfchen machen, Spängchen rein, nicht irgendwelche, sondern die roten. Fertig, nächstes Kind.
Eine halbe Stunde später sind alle gerichtet, alle tragen das gleiche, ein rotes Kleid über einem weißen Hemd. Nicht weil die Mutter das süß findet oder auffallen will, sondern weil die Kinder darauf bestehen. Kürzlich musste sie ein Kind umziehen, nachdem es sich vollgekleckert hatte. „Nur mit Mühe konnte ich die anderen davon überzeugen, die alten Kleider anzulassen“, erzählt sie.
Heike Höhn treibt ihre Kinder wie eine Schafherde vom Badezimmer hinunter ins Wohnzimmer. Rückwärts kriechen sie die Treppe hinunter. Puppen pflastern den Flur. Die Mutter sammelt sie auf. Sie bückt sich schätzungsweise einmal pro Minute, entweder nach einem Kind oder nach herumliegendem Spielzeug. Hochgerechnet ergibt das am Tag etwa 700-mal Bücken.
Das Wohnzimmer spiegelt die Dominanz der Kinder wider. Drei pinkfarbene Puppenkinderwagen nehmen den Raum ein, sowie drei Puppenkinderbetten und eine Kinderküche mit Essecke. Die Couch wurde in die hintere Ecke des Wohnzimmers verbannt, die Erwachsenenliteratur muss mit der obersten Regalreihe auskommen. Obwohl die Spielzeugauswahl groß ist, entscheiden sich die Kinder einhellig für die Tageszeitung. Mit dem Werbe- oder Anzeigenteil lassen sie sich nicht abspeisen, sie präferieren den Textteil. Ausgelassen zerrupfen sie die Zeitung und verstreuen die Schnipsel rund um den Esstisch. Die Mutter macht das Beste daraus und brüht sich einen Kaffee.
Während andere Kinder in dem Alter am Vormittag bereits Termine haben, bleibt Heike Höhn mit den Drillingen lieber zu Hause. Als sie noch ehrgeiziger war, ging sie mit Hilfe ihrer Mutter und ihrer Schwägerin ins Babyschwimmen. „Wir hatten Gepäck wie eine japanische Reisegruppe“, erinnert sie sich. Sie besuchten auch einmal eine Krabbelgruppe. Ihre Kinder stritten sich sofort um ein sprechendes Telefon. Als sich dann ein zweijähriger Junge an der Bluse seiner Mutter zu schaffen machte, um an der Brust zu nuckeln, beschlich sie das Gefühl, fehl am Platz zu sein.
Heike Höhn ist der Fels in der Brandung. Während das Trio das Wohnzimmer auf den Kopf stellt, kocht sie seelenruhig. Hin und wieder schaut ein Kind in der Küche vorbei, um kurz gedrückt zu werden. Dann stürzt es sich wieder ins Getümmel. Clara und Leni schieben Puppenbetten durch die Gegend und geben Autogeräusche von sich. Amelie hat sich die Tonne mit den Bauklötzen über den Kopf gestülpt und stolpert durch die Gegend.„Das hat sie schon gestern nach dem Mittagessen bei der Schwiegermutter gemacht – mit der Salatschüssel“, erzählt ihre Mutter.
Um zwölf Uhr senkt sich gefräßige Stille über die Familie. Angebunden im Hochstuhl und eingehüllt in abwaschbare Ärmellätzchen, mampfen die Kinder geräuschvoll Lasagne. Am Ende bedeckt ein Film aus Tomatensoße die Gesichter der Kinder bis hinauf zum Augenrand. Die Eltern sind dennoch voll des Lobes. „Kartoffelbrei verklebt auch noch die Haare, und Nudeln haben eine extreme Flugweite“, erklärt Andreas Höhn.
Nach dem Essen nimmt sich der Vater eine halbe Stunde Zeit zum Spielen. Der Metallbauer ist selbstständig, sein Büro liegt im Nebengebäude. Heike Höhn räumt flink die Küche auf und überfliegt den Teil Zeitung, den die Kinder ihr übrig gelassen haben.
Eigentlich wäre Zeit für einen verdienten Mittagsschlaf. „Das haben wir leider verhunzt“, sagt Heike Höhn. Sie kriegt die Mädchen in ihren Betten partout nicht ruhig. Nur im Auto oder im Kinderwagen gelingt es ihr manchmal, alle drei gleichzeitig in den Schlaf zu schunkeln. Sie bleibt dann freilich auf den Beinen. Und muss drei flüchtigen Kindern Schuhe, Mäntel, Mützen und Schals anziehen.
Doch die Aussicht auf Stille ist es ihr wert. In diesem Moment schaut ihre Schwägerin Anja vorbei. Ohne sie hätte Heike Höhn den Dreierkinderwagen nehmen müssen, mit dem sie kaum auf die Bürgersteige der Markgröninger Altstadt passt. Im Supermarkt würde sie damit an der Kasse feststecken. So aber kann sie aus ihrem Kinderwagen-Fuhrpark die Lösung Zwillingswagen plus Einerwagen wählen – was allerdings mit Geschrei verbunden ist: Alle wollen in den Solowagen. Dieses Mal darf Leni. Clara macht sich steif und bäumt sich auf, als ihre Mutter versucht, sie in den Zweierwagen zu setzen. Am Ende muss sie hineingegurtet werden. Amelie schläft sofort ein, kurz darauf Leni. Clara schläft nicht. Sie protestiert weiter.
Unterwegs hagelt es gewöhnlich Kommentare, unverschämte wie „Sind die etwa auf normalem Wege entstanden?“, wenig erbauliche wie „Ich würde mich an Ihrer Stelle umbringen“, dämliche wie „Sind das Drillinge?“ – „Ja“ – „Sind die gleich alt?“ Heike Höhn hat sich daran gewöhnt, auch daran, dass Wildfremde sie mit Namen ansprechen. „Markgröningen ist offiziell zwar eine Stadt, aber in Wahrheit ein kleines Dorf“, sagt sie.
Die Läden in der Altstadt machen Mittagspause. Die Drillingsmutter und ihre Schwägerin lassen sich auf den Stühlen vor dem Eiscafé Paris am Marktplatz nieder. Die Sonne scheint, es könnte so schön sein. Clara will nicht im Wagen bleiben. Sie stapft Richtung Straße, zurück muss sie getragen werden, sie stapft den Marktplatz hinunter und muss wieder zurückgetragen werden. Sie kippt fast den Wagen mitsamt Amelie um. Ihre Mutter trinkt hastig den Cappuccino aus und zwängt Clara erneut unter Protest in den Wagen. Amelie wacht davon auf, Clara schläft kurz darauf ein. Als hätten sie sich abgesprochen.
Auf dem Weg aus der Altstadt sieht Heike Höhn an der Fußgängerampel ein Kind auf dem Roller, begleitet von seiner Mutter. „Das kann ich meinen Kindern nicht bieten“, sagt sie, nüchtern, ohne Selbstmitleid. Die Phase, Einlingseltern neidisch hinterherzublicken, hat sie hinter sich gelassen. „Meine Kinder kennen dafür keine Langeweile.“
Erst auf dem Hof vor ihrem Haus lässt Heike Höhn die Kinder aus dem Wagen. Während sie die weißen Ziersteinchen vom Wegesrand auf den Fliesen verteilen, klopft Heike Höhn vertrocknete Brezelreste, die sich im Laufe der Woche angesammelt haben, aus den Fußsäcken. Ein Fläschchen ist ausgelaufen. Alles nicht so schlimm. Die innere Ruhe verlässt Heike Höhn an diesem Tag nur einmal. Sie hat den Hausschlüssel vergessen. Zum Glück ist ihr Mann noch nicht zum Kundentermin gefahren.
Es ist 17 Uhr, die Stimmung auf dem Tiefpunkt. Heike Höhn überbrückt die kritische Phase, indem sie ihre Kinder bettfertig macht. Zu dritt quetschen sie sich auf den Wickeltisch. Leni zieht Feuchttücher aus der Packung, Clara schmiert sich Wundcreme für den Popo ins Gesicht, Amelie beißt ihre Mutter, als sie ihr Gesicht waschen will. Clara und Leni haben klare Vorstellungen vom Outfit: Clara will den Schlafanzug mit den Bienchen. Ihre Mutter zieht ihn erleichtert aus dem Trockner. Leni besteht auf den schmuddeligen graublauen, der aussieht wie Papas.
Zum Abendessen gibt es Brot mit Salami und Fleischsalat. Heike Höhn kommt kaum hinterher mit Schmieren, geschweige denn selbst zum Essen. Mal einen Brotrest, mal ein Stück verpönte Rinde, mehr fällt für sie nicht ab. Noch im Hochstuhl werden Gesicht, Hände und Zähne geputzt. „So können sie nicht davonlaufen“, sagt die Mutter.
Mit einem Korb voll Milch- und Teefläschchen werden die Mädchen gegen 19 Uhr ins Kinderzimmer gelotst. Sind die Schlafsäcke zugezogen und die Fluchtwege abgeschnitten, rückt der Feierabend in greifbare Nähe. Noch das Abendgebet, zu dem alle artig die Händchen falten. Danach müssen Mutter und Vater so lange im Zimmer ausharren, bis das letzte Gewimmer verstummt. Ein langwieriges Ritual, bei dem Andreas Höhn meistens als Erster einschläft.
Die Bilanz des Tages ist beeindruckend: 20 Mal Rotz entfernt, zwölf Mal die Windeln gewechselt, davon zwei übergelaufene, zwölf Mal Händchen gewaschen, 30 Mal getröstet,15 Mal Fläschchen gespült. Doch für die dreifache Mutter ist der Tag noch längst nicht zu Ende. Während sich ihre Kinder vom Tag erholen, tankt sie Kraft beim Stammtisch mit ihren Markgröninger Freundinnen. Sie sprechen über Pferde.