Sindelfinger OB „Wir haben ein großes Haushaltsproblem“
Am heutigen Tag ist Markus Kleemann exakt 100 Tage lang OB von Sindelfingen. Warum er Großprojekte wie das Badezentrum vorantreibt – und warum Sindelfingen trotzdem sparen muss.
Am heutigen Tag ist Markus Kleemann exakt 100 Tage lang OB von Sindelfingen. Warum er Großprojekte wie das Badezentrum vorantreibt – und warum Sindelfingen trotzdem sparen muss.
Am heutigen Tag ist Markus Kleemann (CDU) exakt 100 Tage lang Oberbürgermeister von Sindelfingen. Hinter ihm liegen intensive Wochen der Einarbeitung und erste Knöpfe, die er an große Projekte gemacht hat. Zu erkennen ist ein Kulturwandel im Rathaus: Alles scheint schneller zu gehen.
Herr Kleemann, was fällt Ihnen als erstes ein, wenn Sie an Ihre ersten 100 Tage im Amt denken?
Wir konnten in den ersten Wochen schon einiges gemeinsam in guter Stimmung bewegen und auf den Weg bringen, was mich sehr freut. Ein wichtiges Ziel ist den großen Sanierungsstau in der Stadt konsequent anzugehen, wozu die Modernisierung unserer Schulen zählt. Beschlossen haben wir hierzu bereits in meiner ersten inhaltlichen Gemeinderatssitzung fünf Baumaßnahmen an Schulen in Höhe von rund 37,5 Millionen Euro. Ein weiteres Herzensprojekt, das wir gleich in der ersten inhaltlichen Gemeinderatssitzung auf den Weg gebracht haben, ist das Zentrum für Bildung, Medien und Kunst (BMK) im bisherigen Gebäudekomplex aus Bibliothek, Oktogon und Galerie.
Das ging jetzt vergleichsweise rasch.
Mir ist es wichtig, die Themen und Projekte zügig anzupacken. Von der Verwaltung kam die Rückmeldung, dass das BMK im November oder Dezember in den Gremien behandelt werden soll. Ich fragte dann, was passieren müsse, um es im Oktober zu schaffen? Die Antwort war: Vor allem zügige Rückmeldungen vom Oberbürgermeister. Das habe ich gerne erfüllt – und siehe da, jetzt wurde die Vorplanung bereits beschlossen.
Ein anderes Projekt könnte ebenfalls mehr Tempo vertragen: Über das Badezentrum diskutiert man zehn Jahren.
Das Badezentrum ist eine wichtige Einrichtung für alle Generationen und viele Sporttreibende. Das bestehende Bad ist in die Jahre gekommen und muss dringend saniert werden. Wir wollen es in jedem Fall erhalten und allein die Sanierung kostet rund 50 Millionen Euro. Auf der anderen Seite steht die Idee eines Spaßbades, was jedoch mit geschätzten Kosten von 120 Millionen Euro eine enorme finanzielle Belastung wäre.
Im Wahlkampf haben Sie sich klar gegen die teure Variante ausgesprochen.
Ich möchte betonen: Ich möchte kein sehr teures Spaßbad. Mir ist es wichtig, dass wir eine Lösung finden, die sowohl den Bedürfnissen unserer Bürgerinnen und Bürger gerecht wird als auch die finanziellen Auswirkungen berücksichtigt.
Heißt?
Wir suchen nach einem guten Kompromiss: Eine Lösung, die mehr beinhaltet als nur die reine Sanierung, aber eben kein teures Spaßbad für 120 Millionen Euro ist. Wir wollen die Attraktivität des Bades steigern, insbesondere für Familien, ohne dabei die Kosten aus dem Blick zu verlieren.
Stichwort: Finanzen. Kann sich Sindelfingen so große Projekte überhaupt noch leisten?
Wir sind mittendrin in einer schwierigen Haushaltslage. Es ist leider so: Die Finanzen der Stadt Sindelfingen sehen nicht gut aus. Wir haben ein Haushaltsproblem, um nicht zu sagen ein großes. Wir geben derzeit deutlich mehr Geld aus, als wir einnehmen. Das geht nicht lange gut.
Wenn man in Sindelfingen über städtische Finanzen spricht, muss man auch über die Automobilindustrie reden.
Wir sind sehr froh, so ein tolles Unternehmen wie Mercedes-Benz in Sindelfingen zu haben. Es gibt sehr vielen Menschen Arbeit und hat über Jahrzehnte mit einer hohen Gewerbesteuer Dinge in unserer Stadt ermöglicht, die in anderen Städten nicht möglich sind.
Geht es bei der Gewerbestrategie auch darum, die Abhängigkeit von der Automobilindustrie zu verringern?
Die Wirtschaft entwickelt sich deutschlandweit leider nicht so wie in den letzten Jahren, das ist gerade alles andere als erfreulich. Gleichwohl haben wir in Sindelfingen, Maichingen und Darmsheim glücklicherweise auch andere starke Unternehmen, die zu unseren Steuereinnahmen beitragen und Arbeitsplätze anbieten. Ich war bei Mercedes-Benz, aber auch bei mittelständischen Unternehmen und kleineren Handwerksbetrieben, um zu hören, wo der Schuh drückt.
Gibt es ein konkretes Ergebnis?
Das größte Problem ist die wirtschaftliche Gesamtsituation in Deutschland. Zudem ist es für viele eine Herausforderung, geeignetes Personal zu finden. Daher werden wir im kommenden Jahr mit der Wirtschaftsförderung eine Fachkräfte-Strategie auf den Weg bringen. Dazu zählt auch die Initiierung einer Fachkräfte-Allianz.
Dennoch muss im Haushalt der Rotstift angesetzt werden.
Wir müssen gemeinsam analysieren, welche konkreten Einsparmöglichkeiten es gibt. Deshalb machen wir Ende November eine Gemeinderatsklausur, bei der wir eine Bestandsanalyse machen. Danach soll die neu eingesetzte Haushaltsstrukturkommission Vorschläge zu Einsparungen erarbeiten.
Konnten Sie trotz der Anspannung woanders schon Knöpfe dran machen?
Ja, unter anderem ist mir – auch als neuer Mitbürger – das Thema Sauberkeit besonders aufgefallen. Die lässt an einigen Stellen in der Stadt zu wünschen übrig. Deshalb werden wir jetzt eine Sindelfinger Sauberkeitsstreife einführen.
Wie darf man sich das vorstellen?
Wir wandeln vorhandene Stellen im Ordnungsamt um und schaffen eine präventive Präsenz vor Ort. Die Streife soll kontrollieren, insbesondere Wilder-Müll-Hotspots, Menschen, die sich nicht korrekt verhalten, durch Ansprache sensibilisieren und Kleinmüllverstöße auch ahnden. Wir wollen Einsicht erreichen und zum Beispiel auch Taschenaschenbecher als Anreiz verteilen. Und wer nicht einsichtig ist, muss eben mit Konsequenzen rechnen. Wir setzen damit ein klares Zeichen für ein gepflegteres Stadtbild.
Immer wieder bemängelt wird auch die schleppende Digitalisierung, insbesondere an der Schnittstelle zwischen Verwaltung und Bürgerschaft.
Digitalisierung ist ein zentrales Zukunftsthema. Wenn wir es richtig machen, werden wir auch dadurch effizienter. Wir sind dazu nun auch aktiv. Zum 1. Januar planen wir zum Beispiel die Einführung der digitalen Kita-Anmeldung. Nach außen sichtbar werden unsere Bemühungen zudem durch die Erneuerung der städtischen Website.
Wie soll sich die städtische Seite dadurch verändern?
Die Website soll ein modernes, übersichtliches Design, eine neue Farbgebung, verbesserte Lesbarkeit, einen bürgerfreundlicheren Aufbau und eine optimierte Suche haben. Wir führen außerdem einen Chatbot sowie ein neues digitales Bürgerserviceportal mit allen Online-Diensten ein.
Wann wird es so weit sein?
Ziel ist es, die Website noch im Laufe dieses Jahres neu aufzusetzen. Angebunden sind außerdem die Websites von Maichingen, Darmsheim und der Stadtbibliothek, die ebenfalls das moderne Erscheinungsbild erhalten werden.
Geboren
wurde Markus Kleemann am 12. Juli 1984 in Heilbronn, er studierte nach dem Abitur in Konstanz und Friedrichshafen Politik- und Verwaltungswissenschaft.
Von 2011 bis 2015
war er Parlamentarischer Referent der CDU-Landtagsabgeordneten Friedlinde Gurr-Hirsch.
2015
wurde Kleemann mit 50,8 Prozent zum Bürgermeister von Oberstenfeld gewählt, verteidigte das Amt 2023 mit 95,2 Prozent.
Am 25. Mai 2025
gewann er die Sindelfinger Stichwahl hauchdünn gegen Max Reinhardt mit nur 80 Stimmen Vorsprung.