In der ZDF-Sendung zofft sich das SPD-Urgestein Ralf Stegner heftig mit einer FAZ-Journalistin. Julian Nagelsmann lobt er für seine Deutschland-Äußerungen.

Ohne eine tagesaktuelle EM-Erörterung geht derzeit keine Talkrunde mehr über die Bühne – mehr dazu später -, denn richtig spannend und hitzig ist es bei Markus Lanz im ZDF am Dienstagabend erst im politischen Teil der Sendung über die Lage der SPD geworden.

 

Singt der Bundestrainer Julian Nagelsmann in seinen deutschlandpolitischen Betrachtungen, wonach man gesamtgesellschaftlich nicht „in Tristesse“ verfallen solle und aus Solidarität wie beim Fußball auch vielleicht mal die Hecke vom Nachbarn schneiden könne, den „Sound des Kanzlers“, fragte Markus Lanz.

Stegner: Die „Jammerei“ nervt

Die FAZ-Journalistin Julia Löhr konnte das indirekt bejahen. „Die deutsche Mannschaft hat gekämpft und etwas geschafft, aber übertragen auf ganz Deutschland lässt sich das nicht.“ Man dürfe den Fußball nicht überhöhen, der sei nicht geeignet, „uns aus der Misere zu ziehen“. Es handele sich auch nicht um Schwarzmalerei – ein Wort von Nagelsmann – wenn man die Lage betrachte: „Deutschland hat fundamentale Probleme.“ Die müsse man bedenken und lösen.

Ralf Stegner, SPD-Bundestagsabgeordneter und Ex-Innenminister aus Schleswig-Holstein, ist bekannt für seine scharfe Zunge und sah das etwas anders: Einige Äußerungen des Bundestrainers hätten ihm „gut gefallen“, so Stegner. Manche Leute täten so, als ob der deutsche Staat nicht mehr funktioniere.

„Diese Jammerei geht mir auf den Senkel.“ Wenn man in der Welt unterwegs sei, und Leute frage, wo sie leben wollten, dann laute die Antwort meistens: Deutschland. Man habe hierzulande „Luxusprobleme“ im Vergleich zu anderen Ländern, die Tristesse sei unangebracht, da habe der Trainer recht.

Fans im falschen Zug

Völlig unironisch meldete sich da der Ex-Sportmoderator Reinhold Beckmann zu Wort und brachte als Beispiel für den Niedergang Deutschlands allen Ernstes die Probleme der Bahn und sehr konkret wie kürzlich in Frankfurt ausländische Fans aufgrund einer verfehlten Lautsprecherdurchsage in einen falschen Zug eingestiegen seien.

Na und, mag sich da der neutrale TV-Zuschauer gedacht haben. Jedenfalls hob der zu EM-Fragen eingeladene Ex-Fifa-Schiedsrichter Knut Kircher die Debatte dann auf ein anderes Niveau mit dem Hinweis, Nagelsmanns Worte seien ein Appell an die Leute gewesen, nicht so egoistisch zu sein.

So antwortet Ralf Stegner auf die Frage von Markus Lanz

Ja genau, warf da Markus Lanz ein und stellte eine Frage an Ralf Stegner: „Wann schneiden Sie die Hecke von Christian Lindner?“ Der Sozialdemokrat antwortete, er sei dazu bereit, wisse aber nicht, ob der Bundesfinanzminister umgekehrt dies auch tun würde.

Das politische Feld war damit eröffnet, und scharf fiel die Analyse von Julia Löhr aus: Die Auftragseingänge und die Exporte gingen zurück, das Geschäftsklima und die Konjunkturprognosen verschlechterten sich. Man brauche Reformen, die weit über das hinausgingen, was letzte Woche beschlossen sei und sie frage sich manchmal, „was da eigentlich geraucht wird im Kanzleramt“, wo der Kanzler übrigens nie erwähne, dass man zehn Milliarden Euro an „Bestechungsgeldern“ für die Ansiedlung der Chip-Fabrik von Intel in Magdeburg bezahle.

Das seien aber „harte Worte“, unterbrach Ralf Stegner da die Journalistin: „Sie schreiben doch für die FAZ und nicht für die Bild!“ Nicht nur die Jusos, auch konservative Wirtschaftsinstitute sprächen sich jetzt für staatliche Investitionen aus, das machten andere Länder auch – von den USA bis hin zu Südkorea – und er verstehe nicht, „dass wir die Schuldenbremse verehren wie eine heilige Kuh“.

SPD jetzt eine „Sozialhilfepartei“?

Auch beim Thema Bürgergeld beharkten sich Löhr und Stegner, die Journalistin hält die Ausgaben von 47 Milliarden Euro für zu hoch und warf der SPD vor, sie sei zur „Sozialhilfeempfängerpartei“ geworden, wobei sie doch eigentlich die Interessen der Arbeitenden vertreten müsse.

Der SPD-Politiker entgegnete, dass ein Viertel der Bürgergeldempfänger sogenannte Aufstocker seien, die aus dem Bezug herausfallen würden, wenn man ihnen „anständige“ Löhne bezahlen würde, im Übrigen wollten die Konservativen immer „bei den Schwächsten“ sparen.

Auch der Konfliktmodus innerhalb der SPD war ein strittiges Thema. Löhr analysierte, dass es zwei SPD-Parteien gebe, die eine sei die Scholz-SPD, die einen gemäßigten Kurs fahre und hinter dem in der Ampel vereinbarten Einhalten der Schuldenbremse stehe, die andere sei die SPD im Bundestag, die dem Kanzler in den Rücken falle und die das Ausrufen einer Notlage zur Umgehung der Schuldenbremse verlange: „Dabei läuft der Ukraine-Krieg schon seit 2022. Das ist keine außergewöhnliche Notlage mehr.“

Diese Analyse der zwei SPDen sei „Unfug“, meinte Ralf Stegner. Er selbst unterstütze Kanzler Olaf Scholz „an jeder Stelle“, aber das Parlament habe das vornehme Recht, einen Haushaltsentwurf – und den gebe es jetzt – zu diskutieren und darüber zu entscheiden. „Wir als stärkste Fraktion werden uns den Entwurf genau anschauen.“

Beckmann: Das wird ein „Desaster“

Etwas still im Studio wurde es, als Reinhold Beckmann ein düsteres Szenario für die SPD bei den anstehenden Landtagswahlen im Osten ausmalte: Das werde ein „Desaster“, die Sozialdemokraten hätten „die Fühlung für draußen nicht mehr“. Als Beispiel brachte er den für viele – auch auf dem flachen Lande – nicht mehr erfüllbaren Wunsch vom Eigenheim. „Der Traum ist nicht mehr realisierbar. Die Leute glauben nicht mehr an die SPD.“ Das SPD-Wunder von 2021 werde sich nicht wiederholen.

Wieder hielt Ralf Stegner dagegen. Der Wahlkampf habe ja noch gar nicht begonnen, aber mit den Themen Arbeit, Rente, Miete und Gesundheit werde man punkten. Er sei oft im Osten unterwegs und die Leute stützen den Friedenskurs des Kanzlers: Die SPD sei die einzige Partei, die „nicht nur“ über Waffen rede. Die Bürger honorierten das, sie sagten, sie wollten „nicht in einen Krieg hineingezogen werden“.

Furchtlosigkeit als Schiedsrichter gelernt

Ralf Stegner war früher auch einmal Schiedsrichter im Fußball und berichtete am Anfang der Talkrunde, dass er da im Ehrenamt „die Furchtlosigkeit“ gelernt habe, die er auch in der Politik brauche. Bei der Analyse des Spanien-Frankreichs-Spiels bemerkte Reinhold Beckmann, dass der „Maschinenfußball“ der Franzosen jetzt endlich beendet sei und die Spanier mit ihrem „modernen Team“ einen „hinreißenden Fußball“ gespielt hätten.

Zur noch lodernden Debatte um den nicht gegebenen Handelfmeter im Spiel Deutschland-Spanien bemerkte der Schiedsrichter Kircher, dass für ihn „die Indikatoren mehr Richtung Handspiel“ gezeigt hätten. Bemängelt wurde von Stegner, dass die Spieler wegen der neuen Handregeln „so komisch rumrennen“ und ihre Arme verbiegen.

Eine Rückkehr zu den alten Handspiel-Regeln („Hand ist Hand“) schloss der Experte Kircher aber aus. Da sei es einfach gewesen, einen Elfmeter zu erhalten, wenn ein Spieler gezielt angeschossen worden sei.