Markus-Passion in der Sindelfinger Martinskirche In Töne gegossene Tragik

Florence Awotula und die anderen Solisten sangen auf hohem Niveau. Foto: Eibner-Pressefoto/Michael Memmler

Johann Sebastian Bachs fragmentarische Markus-Passion erklang am Wochenende in einer ungewöhnlichen Fassung in der Sindelfinger Martinskirche – und wurde zu einem großartigen Erlebnis.

„…und ich erzähle…“ heißen die Text- und Musikstücke des Freiburger Komponisten Otfried Büsing, mit denen er die fragmentarische Markus-Passion von Johann Sebastian Bach überhaupt aufführbar gemacht hat. Die Rezitativtexte stammen von niemand geringerem als dem Tübinger Literaturhistoriker und Schriftsteller Walter Jens. Einige der Bachsätze stammen aus der Matthäuspassion, aus einer Motette und einer Kantate. Sie sind von dem Musikforscher Dieter Hellmann vor 60 Jahren in eine aufführbare, quasi barocke Fassung gebracht worden.

 

Es war eine mutige Zusammenstellung von Sindelfingens Bezirkskantor Daniel Tepper, für das Konzert in der Martinskirche am Samstag die barocken Chorsätze den gesprochenen, von Büsing kompositorisch realisierten Rezitativen gegenüber zu setzen. Büsings Werke sind in ihrer polyphonen Anlage durchaus an den barocken Vorbildern orientiert, im Klanggewand aber atonal bis freitonal ausgeführt. Das führt zu einer großen Binnenspannung zu den Originalbarocksätzen, was der Aufführung eine ungeheure Expressivität verlieh, die auch nach 90 Minuten mit begeistertem Applaus und einigen Bravorufen belohnt wurde.

Ausdrucksstarke Solisten

Neben den Rezitativen erklingen nur relativ wenige Arien, häufig musiziert in der charakteristisch konzertierenden Version durch Begleitung der Instrumentalsolisten – wie im 18. Jahrhundert. Eins ums andere Mal werden die Gedanken des altbiblischen Stoffes erschreckend an die heutigen, aktuellen Geschehnisse ins Bewusstsein geholt. Im Geburtsland von Jesus Christus erinnern eine gewaltbereite Soldateska, auf den eigenen Vorteil bedachte Herrscher und ohnmächtige Zivilisten an die seelenlose Gewalt und Unmenschlichkeit vor über 2000 Jahren.

Daniel Tepper hatte an diesem Abend beeindruckende Musiker um sich herum geschart. Johanna Pommranz (Sopran), Florence Awotula (Alt), Jo Holzwarth (Tenor) und Hans Porten (Bass) sangen auf hohem Niveau und verliehen den Texten, insbesondere den Rezitativen aus der Feder von Walter Jens, betroffen machende Expressivität.

Besonders bewegende Momente

Ein eingespieltes Team sind auch die Cappella Nova Sindelfingen und das Stiftshoforchester, das durch Instrumentalsolisten unterstützt wurde. Keine lauten, manchmal aber betroffen machende, gezupfte Töne realisierte Bibiana Rost an der Harfe, etwa bei dem Bassrezitativ „…und ich erzähle…“. Und immer wieder waren es während der 90-minütigen Aufführung einzelne Passagen, die besondere emotionale, musikalische Eindringlichkeit verbreiteten, wie etwa die klanglich aufblühenden Holzbläser im ersten Chor „Geh Jesu“. Gleiches gilt dann für das begleitende, tiefe Kontrafagott in dem Rezitativ über den Verrat des Judas. Besonders bewegend auch die Arie „Welt und Himmel“, in dem Bass und Sopran äußerst gegensätzliche Stimmungen realisieren. Pommranz bewegt sich lyrisch mit einer sehnsuchtsvollen Melodie, zu der der Bass Portens als Gegensatz erregt springende Linien artikuliert.

Nach all der in Töne gegossene Tragik und Leidensaufregung erklingt kurz vor Schluss mit der Musica crucis ein rein instrumentales Stück, dem Büsing trotz seiner sehr modernen Tonsprache eine kontemplative Ruhe und Introvertiertheit angedeihen lässt. Großartig gelingt den Musikern auch der Schlusschor mit dem dramatischen Wechsel zwischen Forte und Piano, das offensichtlich die Seelen der Zuhörer in der Martinskirche ergriffen hat. Der ungewöhnlich leise Schluss dieser Passion zieht eine auffällig lange Stille im romanischen Kirchenschiff nach sich, ehe das Publikum seiner Anerkennung Ausdruck verleiht.

Intensives Bedürfnis nach Kommunikation

Die musikalische Meisterschaft von Dirigent Daniel Tepper bestand vor allem darin, die manchmal wogenden Gegensätze der musikalischen Dramatik zu formen. Die Markus-Passion in dieser hybriden, also modernen wie auch historischen Fassung, wurde so zu einem großartigen Erlebnis. Und es ist der Anerkennung wert, dass so etwas mit den eigenen Kräften vor Ort, die Solisten einmal ausgenommen, zu machen ist. Bemerkenswert wie fast immer in der Martinskirche nach so eindrucksvollen Konzerten ist das intensive Bedürfnis nach Kommunikation im Publikum.

Die Markus-Passion

Lückenhaft erhalten
 Nicht weniger als 14 Komponisten haben im 20. Jahrhundert versucht, die höchst lückenhafte Markus-Passion zu vervollständigen. Streng genommen sind von ihr nur Texte übrig. Im Sinne einer sogenannten Parodie, die in der Barockzeit sehr beliebt war, hat man Kompositionen aus anderen Bachkantaten mit herangezogen.

Musikästhetik
Die jetzt vorgestellte Version, die sowohl am Samstagabend als auch am Sonntagabend erklang, bezieht ihren Reiz aus der gegensätzlichen Musikästhetik zwischen barock und freitonal. Sie ist im Gegensatz zur Matthäus- oder Johannes-Passion ein Werk, in dem bei den Barocksätzen eine Melodiebetonung vorherrscht und das Werk weniger streng erscheinen lässt als bei jenen Kompositionen, die stark von der Mehrstimmigkeit geprägt sind.

Austausch
 Es gilt inzwischen als gesichert, dass Bach und Telemann sogar Kompositionen untereinander ausgetauscht haben, damit nicht jeder jeden Sonntag eine eigene Kantate komponieren musste. Darüber hinaus hat Bach die Werke verschiedenster Komponisten für sich adaptiert, andere Komponisten haben Bach‘sche Werke als Grundlage für eigene Fantasien und Variationen genutzt. Und wenn es nur von Franz Liszt die Buchstaben BACH waren, die ja auch klingende Töne sind

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