Markus Reiters Bestseller-Kolumne Das Böse im Norden

Um diese beiden Titel geht es dieses Mal. Foto: Verlag
Um diese beiden Titel geht es dieses Mal. Foto: Verlag

Jedem Monat durchforstet unser Kolumnist für Sie die Bestsellerliste: Diesmal prüft er zwei Thriller aus Skandinavien – mit sehr unterschiedlichem Ergebnis.

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Stuttgart - Als ich vor einiger Zeit in einem Essay in dieser Zeitung darauf hinwies, dass wir alles in allem in diesem Land in erstaunlich friedlichen Zeiten leben, bekam ich jede Menge böser Leserbriefe. Deren Autorinnen und Autoren widersprachen heftig. Sie bestanden darauf, dass man heutzutage kaum noch gefahrlos vor die Tür gehen könne – anders als früher. Heute lauere das Verbrechen an jeder Ecke.

Zufällig war ich wenige Tage vor Weihnachten auf einem neurowissenschaftlichen Fachkongress. Dort trat unter anderen der Psychologe Gerd Gigerenzer auf. Er ist Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Gigerenzer befasst sich mit der Frage, warum Menschen unbedeutende Risiken als bedrohlich wahrnehmen, während sie die wirklichen Gefahren ignorieren. So fürchteten Deutsche ebenso wie US-Amerikaner am meisten, Opfer einer Terroranschlages zu werden. In Wirklichkeit, rechnete Gigerenzer vor, sei es zum Beispiel in den USA sehr viel wahrscheinlicher, von einem Kleinkind aus Versehen erschossen zu werden als von einem Terroristen mit Absicht. In Deutschland sollte man weitaus mehr Angst davor haben, überfahren zu werden als Opfer eines Verbrechens. Ganz zu schweigen von der Todesursache Nummer eins: Herzversagen aufgrund von Übergewicht.

Ein Bestseller mit dem Titel „Verfettung“?

Aber mal ehrlich: Hätten Sie von den Bestsellerautor Jussi Adler-Olsen nach all seinen Thrillern um das Kopenhagener „Sonderdezernat Q“ mit so schönen Titeln wie „Erbarmen“, „Verachtung“ und „Schändung“ eine neue Folge mit einem Titel wie „Verfettung“ oder „Verkehrsunfall“ erwartet? In diesen Fällen gäbe es ja auch nix zu tun für die Superermittler aus Dänemark. Anders als in „Opfer 2117“, den Roman, den Adler-Olsen in Wirklichkeit geschrieben hat (Spiegel-Bestseller Hardcover Belletristik Platz 4, dtv, 592 Seiten, 24 Euro). In diesem achten Band der Reihe muss Carl Mørck, der Chef des Sonderdezernats, sogar in zwei Fälle gleichzeitig eingreifen: Zum einen kündigt ein durchgeknallter Video-Gamer einen Amoklauf irgendwo in Dänemark an und zum anderen droht ein abgrundtief böser Iraker mit einen islamistischen Terroranschlag irgendwo in Europa. Mit jenem Iraker ist Mørcks syrisch-stämmiger Kollege Assad ganz zufällig schicksalhaft verbandelt. Um genau zu sein: absurd konstruiert schicksalhaft. Denn wie fast immer in skandinavischen Thrillern steckt hinter dem Verbrechen in Wahrheit ein persönlicher Rachefeldzug, bei dem der Täter den Ermittler auf eine blutige Schnitzeljagd schickt. Der Terrorist, will der Autor seinen Lesern glauben machen, hält seit Jahren Assads Frau und Töchter als Geiseln und will nun die Flüchtlingswelle aus Syrien nutzen, um seine Rache zu inszenieren. Dem Routinier Adler-Olsen gelingt es, mit Ach und Krach einigermaßen Spannung aufzubauen – aber letztlich scheitert er sprachlich wie inhaltlich an seinem Thema.

1794 ist Stockholm ein Dreckloch

Ganz anders sein schwedischer Kollege Niklas Natt och Dag. Dessen erster Roman „1793“, der in ebendiesem Jahr im kriegszerrütteten Stockholm spielt, war bereits eine geniale Mischung aus historischem Roman, Krimi und Horrorgeschichte. Die Fortsetzung „1794“ (Spiegel-Bestseller Paperback Belletristik, Platz 11, Piper, 560 Seiten, 16,99 Euro) ist noch düsterer. Gewalt, Wahnsinn, Korruption, Sadismus – all die Abscheulichkeiten des Menschseins verdichtet der Autor zu einem Krimi, in dem niemand an Leib und Seele unbeschadet bleibt: Das Stockholm des Jahres 1794 ist ein Dreckloch. Das Land wird regiert vom paranoiden Statthalter Baron Reuterholm im Namen des minderjährigen Königs. Cecil Winge, der Ermittler aus dem ersten Band, ist der Schwindsucht erlegen, sein Assistent Jean Michael Cardell, ein ehemaliger Stadtknecht, gerade dabei, sich zu Tode zu saufen. Da taucht Winges Bruder Emil auf, auch er eine lädierte Seele. Gemeinsam ermitteln sie im Fall einer jungen Frau, die in ihrer Hochzeitsnacht grausam zugerichtet und ermordet wurde.

Anders als Adler-Olsen findet Natt och Dag eine Sprache, die präzise ist und sich ihrem Stoff anpasst. So gleicht der erste Teil in Stil und Ästhetik jenen Schauerromanen in Briefform, wie sie im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts beliebt waren. Wie im Vorgängerroman gelingt es dem Autor, die archaischen Abgründe des Menschen auszuloten – geschickt angesiedelt in einer Zeitenwende zur Aufklärung, die so viel Hoffnung versprach, und doch die Natur des Menschen nicht zu ändern wusste. Wer immer noch ernsthaft glaubt, früher sei alles besser gewesen, sollte zur Ausnüchterung diesen Krimi lesen.




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