Markus Reiters Bestseller-Kolumne Mit Virus und Empörung leben

Das Virus ist kein Wesen, das einen hinterhältigen Plan verfolgt. Foto: dpa

In seinem Buch „Hotspot“ berichtet der Virologe Hendrik Streeck über seine Corona-Feldforschung in Heinsberg – und die Anfeindungen.

Stuttgart - Als Kind hatte ich einen sprechenden Teddybären. Der brummelte, drückte man auf seinen Bauch, ein einziges Wort. An diesen Teddy muss ich denken, wenn ich mir die Pressekonferenzen mit dem Chef des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn anschaue. Jede Woche die gleichen gebrummelten Worte: „große Besorgnis“, „gefährliche Mutante“. Und die Behauptung: „Das Virus zwingt uns zu dieser oder jener Maßnahme.“ Das ist Unsinn. Das Virus ist kein Wesen, das einen hinterhältigen Plan verfolgt. Es ist eine biologische Struktur aus eiweißummantelter RNA, die einem evolutionären Programm folgt. Es zwingt zu keinen Maßnahmen. Die Maßnahmen sind politische Entscheidungen. Sie werden von Menschen getroffen – und sie haben Konsequenzen.

 

Jenseits totalitärer Allmachtsfantasien, das Virus auf ewig vom Angesicht der Erde zu tilgen, gibt es letztlich zwei Alternativen. Erstens: Wir versuchen mit aller Macht, die Infektionen niedrig zu halten, damit auf so wenig Totenscheinen wie möglich „Covid-19“ vermerkt werden muss und so wenig Menschen wie möglich an den Langzeitfolgen der Krankheiten leiden werden. Das bedeutet einen mehr oder weniger strengen Lockdown bis September. Dann werden Hunderttausende Jugendliche ihre Bildungschance verlieren, Menschen ihre Existenz, Teile der Kultur gehen den Bach hinunter. Das ist der Preis, dazu muss man sich bei dieser Alternative bekennen. Zweite Möglichkeit: Wir ermöglichen mehr Freiheiten – und nehmen dafür hin, dass mehr Menschen den Folgen von Covid-19 erliegen. Mit anderen Worten: Wir lernen, mit dem Virus zu leben. Als einer der Ersten ausgesprochen hat ihn der Bonner Virologe Hendrik Streeck . Dafür sieht er sich seit Monaten heftiger Kritik ausgesetzt.

Wie hoch ist die Sterbehäufigkeit?

In seinem Buch Hotspot („Spiegel“-Sachbuchbesteller Hardcover Platz 15, Piper, 192 Seiten, 18 Euro) legt Streeck nun überzeugend dar, warum das „Leben mit dem neuen Coronavirus“ für ihn der sinnvollere Weg ist. Der HIV-Spezialist war der erste Wissenschaftler, der in Deutschland das gemacht hat, was man von Forschern in einer solchen Situation eigentlich erwarten würde: Feldforschung betreiben. In Heinsberg, dem ersten Hotspot der Pandemie in Deutschland, versuchte Streeck herauszufinden, wie viele Menschen ohne Symptome an Covid-19 erkranken, wer in der größten Gefahr ist, einen schweren Verlauf zu erleiden und wie hoch die Sterbehäufigkeit ist. Das war nicht so einfach, denn damals wusste man noch weniger über die Krankheit als heute. Sollte er im Vollschutz vor die Patienten treten oder in Alltagskleidung, fragte sich der Wissenschaftler. Konnte man sich an kontaminierten Oberflächen infizieren? Wie verläuft eine Erkrankung genau? Man sollte meinen, dass die Öffentlichkeit sich für solche Fakten hätte interessieren müssen. Stattdessen hagelte es nach der Vorstellung erster Studienergebnisse Beschimpfungen. Hauptvorwurf: Die Studie sei von einer PR-Agentur begleitet worden, die von einem Mann geleitet wird, der mal Chefredakteur einer Boulevardzeitung gewesen war, die die Kritiker nicht mögen. Offenbar gibt es eine Menge Epidemiologen, Journalisten und Social-Media-Empörte, die es für sinnvoller halten, im Home-Office mit Statistikprogrammen herumzuspielen als Daten vor Ort zu erheben. Selbst wer Streecks Schlussfolgerungen nicht teilt, sollte zugeben, dass hier jemand ernsthaft versucht, das Virus zu verstehen. Und Wege zu finden, wie wir aus der Pandemie so gut wie möglich herauskommen.

So ist das, wenn man nach oben will

Auf die neue Vizepräsidentin der USA wartet vermutlich auch bald eine Empörungswelle. Noch ist sie in der Phase, in der ihre Biografie eher als Heldinnenepos erzählt wird: Tochter eines Jamaikaners und einer Inderin kämpft sich nach oben. Der US-Journalist Dan Morain verschweigt in seiner Biografie Kamala Harris („Spiegel“-Sachbuchbestseller Hardcover Platz 19, Heyne, 384 Seiten, 22 Euro) hingegen nicht, dass Harris als Generalstaatsanwältin von Kalifornien und als Senatorin durchaus taktisch agiert hat. So manche Schlacht für das Gute, Wahre und Edle hat sie vermieden, um ihre Wahlchancen nicht zu gefährden. Mal hat sie in der LGBTQ-Debatte über die Homo-Ehe weitgehend geschwiegen, mal einem unschuldig zum Tode Verurteilten nicht zu seinem Recht verholfen. So ist das halt, wenn man nach oben will. Wir sind Menschen in unserem Widerspruch.

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