Stuttgart - Wo kann man heutzutage noch eine echte Diva bewundern? Im Werbespot des Schokoriegels Snickers. In der schon seit einiger Zeit erfolgreichen Kampagne der Werbeprofis von BBDO taucht in großer, königlich blauer Robe die britische Schauspielerin Joan Collins – genau, die ewig böse Alexis aus „Denver Clan“! – in der Umkleide eines Fußballclubs auf. Um sie herum fallen schmutzige T-Shirts und Socken zu Boden, während sie selbst über den Schweißmuff in der Kabinenluft und vertauschte Deos zickt.
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Irgendwann wird es einem Spieler zu bunt: „Tim! Iss ein Snickers!“ Joan Collins stutzt: „Warum?“ Antwort: „Immer, wenn du hungrig bist, wirst du zur Diva!“ Folgsam beißt Collins zu – und verwandelt sich flugs zurück in einen vollbärtigen jungen Mann (ein herrliches Detail: Aus der hellblauen Robe der Collins wird ein schlichtes Herrenhemd). Sein zufriedener Kommentar: „Besser!“
So weit ist es im Abendland mit den Diven also gekommen: Sie dienen nur noch als ironisches Spiel-Material für Werbefritzen! Dabei leitet sich ihr Name vom lateinischen „divus“ her: „göttlich“. Als sich die römischen Kaiser zu Göttern erklärten, schmückten sie sich und ihre Gattinnen mit diesem Attribut. Und als im 19. Jahrhundert auf den Bühnen Europas, vor allem auf den Opernbühnen, Künstlerinnen immer zentralere und anspruchsvollere Partien bekamen, immer mehr Beifall, Jubel, Verehrung auf sich zogen, übernahmen sie eine Rolle, die sich auch nach Ende der Vorstellung im Privatleben zelebrieren ließ. Oder anders gesagt: Ihr Privatleben selbst wurde zur Inszenierung. Voilà – die Diva!
Wen holt sich die Diva ins Bett?
Kraft ihrer künstlerischen Fähigkeit wird die Diva bewundert, verehrt, wird unnahbar, selbstbestimmt, dominierend. Die Rolle, die ihr eigentlich nur in der Kunst und durch die Kunst zusteht, kann sie transferieren in den Alltag, in ihre privaten Verhältnisse. Welche Chance zumindest für einen kleinen Kreis von Frauen, Autonomie zu gewinnen in einer Epoche – wir sprechen vom späten 19. und frühen 20. Jahrhundert –, die Frauen diese Autonomie gar nicht gewährt, weder im Beruflichen noch im Privaten!
Autonomie hieß vor allem: Eine Diva war niemals vergeben. Nach der Vorstellung warten in ihrer Garderobe bereits die Blumensträuße der Verehrer. Während sie sich dann zwischen diesen Blumensträußen umzieht, balgen sich die Verehrer um die besten Plätze vor dem Bühneneingang. Wenn einer von ihnen Glück hat, darf er die Diva zum späten Essen einladen. Ob daraus dann im weiteren Verlauf der Nacht jenes erotische Abenteuer wird, auf das er hofft, entscheidet ganz allein sie. Sollte es tatsächlich dazu kommen, geht es jedenfalls in ihr Schlafzimmer, nicht in seines. Und ganz klar: Wenn am darauffolgenden Mittag der Diener hereinkommt, um die Vorhänge aufzuziehen, ist der nächtliche Gast längst schon wieder aufs heimische Sofa gezogen.
Diven dürfen nicht heiraten
Während auf der Bühne oder später auf der Kinoleinwand Diven ihre Einzigartigkeit der Kunst verdanken, müssen sie diese diesseits der Bühne anderweitig herausstreichen: durch Schönheit und Eleganz, durch außergewöhnliche Kleidung und Kosmetik, also durch Äußerlichkeiten. Vor allem aber durch Unnahbarkeit und Exzentrik. Die große Geste auf der Bühne muss auch im Alltag zelebriert werden – in einem Alltag, der natürlich nicht mehr alltäglich ist. Entscheidend für das Divenhafte der Diva: Ihre Präsenz ist hochgradig erotisch aufgeladen. Sie ist ein Objekt der Begierde, die aber stets signalisiert, nie erobert werden zu können. Oder gar genossen.
Diven dürfen eigentlich nicht heiraten. Im Alter müssen sie einsam werden, sich aber natürlich trotzdem weiter wie eine Diva gebärden – Marlene Dietrich! Und wenn sie trotzdem heiraten, gestalten sich ihre Ehen katastrophal – Elizabeth Taylor! Oder das Schicksal schlägt sie furchtbar – Romy Schneider! Entscheidend ist: Obwohl die Diva Dinge tut, die in einer patriarchalen Gesellschaft Frauen eigentlich nicht zustehen, stellt sie selbst das Patriarchat nicht infrage. Im Gegenteil: Sie hat sich mit den Wünschen der Männer so perfekt arrangiert, dass diese ihr die entsprechenden Freiräume zugestehen. Deswegen kann es zu solch eigentlich grotesken, aber schlüssigen Bonmots kommen wie jenem von Zsa Zsa Gabor: „Ich glaube an die Großfamilie. Jede Frau sollte mindestens drei Ehemänner haben.“ Oder von Elizabeth Taylor: „Eine Frau tut, was der Mann will, wenn er verlangt, was sie wünscht.“
Madonna bringt alles durcheinander
Aber warum ist all das nur noch Geschichte? Denn Geschichte ist es ja, wenn man die Lage nüchtern betrachtet: Meryl Streep und Angelina Jolie, Pink, Beyoncé und Lady Gaga, ganz zu schweigen von Iris Berben, Natalia Wörner oder Helene Fischer – sie sind mehr oder weniger bedeutende Stars, aber keine Diven. Wie sollten sie es auch sein in einer Zeit, da der umfassende mediale Zugriff auf alle Bereiche der Gesellschaft die Diven-Qualität der Unnahbarkeit zur reinen Fiktion macht? Früher versuchte ein Verehrer, durch das Ergattern eines Autogramms der ganzen Welt zu dokumentieren, zumindest für einen Moment der Göttlichkeit ganz nahe gekommen zu sein. Heute machen sich auch gerade notorische Nicht-Fans einen Spaß daraus, mit ihren Smartphone-Kameras die Stars beim Joggen im Park, beim Einkauf im Supermarkt oder beim Nachwuchs-Windelwechseln auf der Ikea-Toilette aufzunehmen – um mit dem Ergebnis eben nicht die Göttlichkeit dieser Stars zu beweisen, sondern ihre ernüchternde Gewöhnlichkeit.
Der zweite, gewichtigere Grund für das Verschwinden der Diva ist aber natürlich das völlig gewandelte Frauenbild zumindest in der westlichen Welt. Und paradoxerweise hat an diesem Rad wegweisend jene Künstlerin mitgewirkt, die ihren Anspruch, eine Diva zu sein, schon als Programm in ihrem Künstlernamen ausdrückt: die hochmusikalische Tochter eines italienischen Automechanikers aus dem Provinznest Bay City im US-Bundesstaat Michigan – Madonna!
Der Kollege nervt schon wieder
Seit ihren ersten Auftritten Mitte der 1980er Jahre konnte niemand ernsthaft an Madonnas künstlerischen Qualitäten zweifeln. Und zugleich hat sie sich in ihrer Performance so selbstbestimmt, unnahbar und dominierend präsentiert, wie man es von einer Diva erwartet. Doch mit einem Unterschied: Von einer stillen Übereinkunft mit dem Patriarchat kann bei ihr wirklich keine Rede mehr sein. Sie arrangierte sich nicht mehr mit den Regeln der Männergesellschaft, und just die zeitweise ins Bizarre übersteigerte erotische Inszenierung ihres Körpers war letztlich eine Absage an den begehrenden Blick des Mannes: Sorry, Boy, aber ich bin eine Nummer zu groß für dich! In ihren grandiosen Shows tanzte Madonna nicht wirklich für ihre Zuschauer. Sie tanzte für sich selbst – und umgab sich auf der Bühne mit einer großen Schar höchst attraktiver junger Männer, die ebenfalls für sie tanzten.
Was nach diesem Entwicklungssprung nur noch übrig bleiben kann, ist die Diva als ironisches Zitat – in Travestieshows, da alle wissen, dass die Grande Dame auf der Bühne eigentlich ein Kerl ist. In Werbespots, die an gute alte Zeiten erinnern. Oder beim Kopfschütteln über den Kollegen drei Schreibtische weiter – der sich um jede Kleinigkeit dreimal bitten lässt. Der schon wieder über Kopfschmerzen jammert. Oder der sich wieder nicht genügend gelobt fühlt. Notorischer Wehleidigkeits-Weltschmerz als Mittel der Selbstinszenierung – gut, dass Marlene das nicht mehr miterleben muss.