Der Anruf kam an einem Freitag im Februar dieses Jahres: Die Kinder müssten so schnell es geht abgeholt werden. Die Kita sei von Schimmel befallen. „Danach hatte ich zwei Monate lang beide Kinder daheim“, sagt Nina Baumhauer. Weil die Mutter gerade in Elternzeit mit ihrem dritten Kind war, hatte sie keinen Anspruch auf Notbetreuung.
Wie die Baumhauers waren knapp 40 weitere Familien betroffen, deren Kinder die städtische Kita in der Memeler Straße in Stuttgart-Mühlhausen besuchten. Wegen des Schimmelbefalls musste diese Anfang des Jahres von einem Tag auf den anderen schließen. Nach ein paar Tagen wurde eine Notbetreuung in einer Kita in Münster eingerichtet. Erst im April konnten Übergangsräume im Kafkaweg in Mühlhausen bezogen werden. Dank Spielzeugspenden aus anderen Einrichtungen und von Eltern, sind diese mittlerweile einigermaßen für die Kinder zwischen drei und sechs Jahren ausgestattet. Das Inventar aus der Memeler Straße kann wegen des Schimmels nicht benutzt werden. Es wird derzeit gereinigt.
Das alte Gebäude soll im Herbst abgerissen werden
Der Stadt ist schon länger klar, dass das Gebäude dringend erneuert werden muss. Ein Neubau, der dann rund 55 Kindern Platz bieten soll, wird seit Anfang 2022 geplant. Laut Elternvertreterin Nina Baumhauer wurde den Eltern angekündigt, dass die Arbeiten im Sommer 2023 beginnen. Aber nichts geschah. Laut Stadt ist der Abbruch des alten Gebäudes nun für Oktober 2024 vorgesehen. Allerdings sei die Baugenehmigung noch nicht erteilt. Sobald die vorliege, „ist der Baubeschluss für November 2024 vorgesehen mit Baubeginn des Neubaus Anfang des neuen Jahres 2025“, heißt es von der Pressestelle.
Für die betroffenen Eltern ist die Situation unbefriedigend. Die Übergangsräume liegen nicht in Mühlhausen, sondern in Freiberg. Nina Baumhauer zum Beispiel wäre jetzt statt fünf Minuten fast eine halbe Stunde zu Fuß unterwegs.
Außerdem braucht der Bezirk Mühlhausen dringend den Neubau in der Memeler Straße, der dann mehr Kindern als bisher Platz bieten soll. Mühlhausen ist der Bezirk mit der schlechtesten Versorgung an Kitaplätzen für 3- bis 6-Jährige. Rechnerisch stehen dort nur für rund 70 Prozent der Kinder in diesem Alter Kindergartenplätze zur Verfügung. Durchschnittlich sind es in Stuttgart 99 Prozent.
Schlechte Lage, unglaubliche Zustände
Zu Extremsituationen wie aktuell in Mühlhausen kommt es selten. Doch viele Kitas sind in die Jahre gekommen. „Wir, eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern, die in Zuffenhausen lebt, sind sehr überrascht über die Zustände, die in den Einrichtungen für Kinder vorzufinden sind“, sagt Benjamin Zöller. Er hat sich an unsere Redaktion gewandt, weil die Situation in der Kita seiner Tochter „einfach unglaublich“ und „desolat“ sei.
Die Dreijährige geht in den Kindergarten Burgunder Straße. Die Lage am Bahnhof sei ohnehin nicht die Beste, und die Bänke direkt neben dem Kindergarten würden problematisches Klientel anziehen, schildert der Elternbeirat. Hinzu käme, dass die Möblierung alt sei, eine Garderobe fehle, in den Sanitärräumen Wasserhähne nicht funktionieren, der Zaun im Garten teilweise kaputt sei und das Gelände Verletzungsgefahren berge. „Die Leitung der Einrichtung ist im ständigen Austausch mit der Stadt, und auch wir Eltern verteilen regelmäßig gelbe Karten an die zuständigen Abteilungen, allerdings passiert wenig beziehungsweise gar nichts“, beschwert sich der Familienvater.
Eine Grundsanierung der Kita sei nicht vorgesehen, so die Stadt in einer schriftlichen Stellungnahme. Eine neue Garderobe sei geplant, es werde aber noch „nach einer guten baulichen Lösung gesucht“. Die Mängel im Garten und Sanitärbereich seien mittlerweile behoben. Aufgrund einer starken Auslastung der Firmen und langen Lieferzeiten für Material sei es zu Verzögerungen gekommen.
Vater einer Tochter: Die Kinder haben was Besseres verdient
Dennoch findet Benjamin Zöller: „Die Kinder sollten in den Einrichtungen bessere Bedingungen vorfinden, da gerade in Zuffenhausen für die meisten die Lebensumstände eher schwierig sind.“ Der Gesellschaft müsse bewusst werden, wie wichtig frühkindliche Bildung sei.
„Die Stadt betreibt etwa 180 Kita-Gebäude unterschiedlichster Baujahre, von denen sicherlich nicht alle in einem optimalen baulichen Zustand sind“, räumt die Pressestelle ein. Die zuständigen Ämter seien kontinuierlich im Austausch über die notwendigen Maßnahmen, die jeweils priorisiert und sukzessive abgearbeitet würden. Das Geld müsse der Gemeinderat in den Haushaltsberatungen bereit stellen.
Fezer: Können keine Grundstücke herzaubern
Auch in der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses kam das Thema „Marode Kitas“ auf. CDU-Rat Klaus Nopper sprach zwei Fälle von drohenden Kita-Schließungen in Heslach und Sillenbuch an, über die auch unserer Zeitung berichtet hatte. In Heslach soll die katholische Bruder-Klaus-Kita dicht machen, weil für den Neubau des maroden Gebäudes bislang kein neuer Standort gefunden werden kann. Auch einem Waldorfkindergarten in Sillenbuch droht die zeitweise Schließung, weil er saniert werden muss und kein Interimsgebäude gefunden wird.
In beiden Fällen verwahrte sich die zuständige Bürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) dagegen, dass die Stadt untätig oder unwillig bei der Suche nach neuen Standorten oder Ausweichquartieren sei – zumal man in der ohnehin schon angespannten Kitaplatz-Situation in Stuttgart jeden Platz dringend brauche. „Wir tun, was wir können“, sagt Fezer. Die Verwaltung sei ständig auf der Suche nach geeigneten Grundstücken und Gebäuden. Aber in Stuttgart gebe es nun mal wenig Platz, die baurechtlichen Hürden seien hoch, Einsprüche von Anwohnern nicht selten. „Wir können uns die Grundstücke nicht herzaubern“, sagte Fezer.
Sanierungsfälle in Stuttgart
Kita Bruder Klaus in Heslach
Der katholische Kindergarten mit 44 Plätzen soll im Sommer 2026 geschlossen werden. Der Grund ist laut Stadtdekanat der bauliche Zustand des in die Jahre gekommenen Gebäudes an der Finkenstraße 39. Der Neubau einer größeren Einrichtung am alten Standort sei wegen Verstößen gegen bestehendes Planungsrecht und gleichzeitig erhobener Anwohnereinwendungen nicht genehmigungsfähig gewesen. Eine Generalsanierung des alten Gebäudes mit Anpassungen an die neuen Standards sei nicht möglich. Dennoch prüft das Stadtdekanat aktuell noch einmal die Situation, teilt die Pressesprecherin Nicole Höfle mit. Derweil haben betroffenen Eltern 1151 Unterschriften für den Erhalt der Kita gesammelt. Die Petition soll am 25. Juli an Oberbürgermeister Frank Nopper und Bürgermeisterin Isabel Fezer übergeben werden .
Waldorfkindergarten in Sillenbuch
Der Waldorfkindergarten am Himbeerweg muss saniert werden. Doch es kann partout kein Ausweichquartier für die nahezu 100 Kinder gefunden werden. Nun droht während der Bauphase die Schließung. Um das zu verhindern, wollen im September Vertreter des Kindergartens, des Bezirksbeirats und verschiedener städtischer Ämter zu einem Runden Tisch zusammenkommen.