Marode Orgel im Stuttgarter Westen Pauluskirche braucht eine halbe Million Euro

Sabine Steinmetz, Kirchenmusikerin und Kantorin der Pauluskirche, sieht in der Erneuerung ihrer Orgel den Schutz eines kulturellen Erbes Foto: Mario Esposito
Sabine Steinmetz, Kirchenmusikerin und Kantorin der Pauluskirche, sieht in der Erneuerung ihrer Orgel den Schutz eines kulturellen Erbes Foto: Mario Esposito

Die Orgel des Gotteshauses im Stuttgarter Westen ist marode. Nun soll das Instrument kostspielig erneuert werden. Obwohl seit Jahren die Besuchszahlen der Gottesdienste sinken – und obwohl die Johanneskirche in der Nähe Orgelmusik vom Feinsten bietet.

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Stuttgart - Die Orgel der Pauluskirche kann nicht mehr. Seit 1965 erfreut sie Zuhörer mit Klängen von Bach oder Paul Gerhardt: bei Gottesdiensten, Taufen und Trauungen. Nun ist sie in die Jahre gekommen. „Die Orgel ist altersschwach. Die Elektrik hat Aussetzer. Der Unterbau ist marode“, sagt Sabine Steinmetz, die Kantorin der Pauluskirche.

Doch Paulus zählt zu den traditionsreichen Konzertkirchen in Stuttgart, und die Pläne zur Wiederherstellung der Orgel haben bereits Form angenommen. „Wir rechnen mit Kosten von knapp 500 000 Euro, um die Orgel zu erneuern“, erklärt Pfarrer Christoph Dinkel, der geschäftsführende Pfarrer der drei Westgemeinden.

Dieser Verbund wurde Ende 2019 aus den bisherigen Gemeinden Johannes, Paul-Gerhardt und Paulus gebildet. Allerdings verfügen die Nachbarkirchen Johannes und Paul-Gerhardt ebenfalls über jeweils eine stattliche Orgel. Zudem hat die Johannesgemeinde in Kantor Georg Ammon einen Virtuosen an den Registern. All das wirft die Frage auf: Braucht es da eine dritte Orgel für knapp eine halbe Million Euro? Zumal die Bänke von Paulus bei den Gottesdiensten immer schwächer besetzt werden. Täte es da nicht auch ein preisgünstigeres Instrument?

Seelsorge in Gefahr

Natürlich berührt die Frage nach dem Sinn der Investition eine grundsätzliche Frage: Nämlich die, ob und wie lange die Kirche am Parochialprinzip, das System geografisch definierter Ortsgemeinden um einen Kirchenbau, noch festhalten kann. Der Stadtdekan Søren Schwesig stellt dazu klar: „Wo Kirche nur noch in Form von Events stattfindet, ist die Seelsorge in Gefahr. Seelsorge braucht die Verbindlichkeit einer Ortsgemeinde.“

Dort, wo vorher der im Krieg zerstörte, frühgotisch inspirierte Bau stand, wurde 1961 der Neubau der Pauluskirche mit seinem 46 Meter hohen Turm eingeweiht. Wenige Jahre später folgte die Einweihung einer Orgel der Ludwigsburger Firma Walcker, deren Klang den imposanten Innenraum auszufüllen vermochte. Seit weit mehr als einem halben Jahrhundert also ist die Orgel in Betrieb. „Paulus gilt als bedeutende Konzertkirche. Seit Jahren bereichert die Orgel das musikalische Angebot der Stadt,“ sagt Dinkel.

Doch die Jahre haben Spuren hinterlassen. Ein Gutachten des Sachverständigen der Landeskirche Thomas Haller vom Dezember 2020 spricht von einem „technisch problematischen Zustand“ und „großen Sicherheitsbedenken in Statik, Zugänglichkeit und Elektrik“. Das Grundproblem ist lange bekannt: Beim Bau kamen billigste Materialien zum Einsatz. Jeder, der die Empore betritt, kann sie sehen, die zusammengeschusterten Winkelprofilbleche, die Teile der Orgel mehr schlecht als recht tragen.

Das frühere Konzept einer nur teilweisen Reparatur haben die Verantwortlichen daher längst verworfen. Eine solche Ausbesserung wäre mit um die 300 000 Euro zwar günstiger, aber kaum nachhaltig. Auch andere Ideen sind aus dem Rennen. Für Kantorin Steinmetz steht daher fest: „Ein kompletter Neubau wäre zu teuer und eine günstige, gebrauchte Orgel müsste man für viel Geld abtragen und wieder aufrichten. Möglich wäre freilich die Anschaffung einer kleineren Orgel. Angesichts der räumlichen Ausmaße der Pauluskirche wäre das Ergebnis musikalisch aber kaum befriedigend.“

Gesamte Technik betroffen

Die Verantwortlichen bevorzugen daher einen „technischen Neubau“. Sie wollen, was gut ist, erhalten. Und das sind im Wesentlichen die Orgelpfeifen. Der Unterbau, also Register, Windladen und Spielanlage, im Grunde die gesamte Technik, sollen ausgetauscht werden. So bliebe die Erneuerung im Bereich des Finanzierbaren, heißt es. Vor allem aber behielte die Orgel ihren besonderen Klang. Sie ist eine von wenigen noch erhaltenen Vertreterinnen eines typischen 60er-Jahre-Klangs „Es geht nicht nur darum, der Kirche ihre Orgel zu erhalten. Es gilt auch ein kulturelles Erbe für kommende Generationen zu schützen“, sagt Sabine Steinmetz. Professor Ludger Lohmann, Orgelsachverständiger der Diözese Rottenburg-Stuttgart spricht gar von „Denkmalqualitäten, wie sie andernorts mittlerweile den Veränderungen des Zeitgeschmacks zum Opfer gefallen sind“ und einem „ungewöhnlich gut ausgestatteten Klangfundament“.

Es scheint entschieden. Allerdings darf die Ausschreibung erst erfolgen, wenn die Gemeinde über einen Betrag in Höhe der Hälfte der veranschlagten Kosten, also etwa 230 000 Euro, verfügt. Einiges davon hat Pfarrer Dinkel bereits beisammen. Er hat die Möglichkeit sogenannter „Klangpatenschaften“ geschaffen, bei dem Interessierte für eine bestimmte Orgelpfeife spenden können. Der Pfarrer zeigt sich zuversichtlich, sowohl was Paulusorgel, als auch die Ortsgemeinde anbelangt. Trocken bemerkt er zuletzt: „Das Parochiat wird seit gut 200 Jahren totgesagt. Es ist also eine recht lebendige Leiche. Die Menschen brauchen Orte, Räume für die Seele. Daran hat sich nichts geändert.“




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