Marquardt in China Beschäftigte übernachten in der Fabrik

Blick in die Montage bei Marquardt in Shanghai, wo Mitarbeiter im Betrieb übernachten. Das Foto entstand vor der Pandemie, daher trägt die Mitarbeiterin keine Maske. Foto: Marquardt/Michael Ryan

Warum die Beschäftigten des Autozulieferers Marquardt freiwillig im Werk im chinesischen Shanghai übernachten und der Zulieferer sie mit dem Nötigsten versorgt.

Wirtschaft: Imelda Flaig (imf)

Wegen des Corona-Lockdowns in Shanghai übernachten rund 200 Mitarbeiter des Autozulieferers Marquardt im dortigen Betrieb. Sie machten das freiwillig, bestätigte ein Marquardt-Sprecher. Man habe in dem Werk in Shanghai Matten und Schlafsäcke bereitgestellt, in den Toiletten provisorische Duschen eingerichtet und versorge die Beschäftigten mit Lebensmitteln.

 

Hintergrund sind die strengen Quarantäneregeln in der chinesischen Millionen-Metropole. Teils lassen die Behörden Beschäftigte nicht nach Hause, andere fürchten, dass sie nach einer Rückkehr in ihre Wohnungen diese nicht mehr verlassen dürfen. Sie bleiben daher lieber im Werk von Marquardt, wo weiter produziert wird, wie der Sprecher sagte.

Auch andere deutsche Unternehmen lassen Beschäftige in ihren Werken übernachten – darunter Bosch, Maschinenbauer Voith, Autozulieferer ZF und Mahle. Anders könnte die Produktion gar nicht aufrecht erhalten werden. Shanghai ist für viele deutsche Unternehmen ein wichtiger Standort in China.

Zwei Werke in China

Marquardt zählt damit auch zu den wenigen Betrieben, die dort noch liefern können. In dem Werk in Shanghai produziert das Familienunternehmen aus Rietheim-Weilheim (Kreis Tuttlingen) Automobilsysteme und Fahrzeug-Applikationen – darunter beispielsweise Bedienfelder, Lenkradverriegelungen und -schalter sowie Autoschlüssel. Außerdem werden dort Geräte- und Elektrowerkzeugschalter für den asiatischen Markt entwickelt und produziert.

Neben Shanghai hat Marquardt noch ein weiteres Werk in China, in Weihai, das rund 1000 Kilometer von Shanghai liegt und auch von den Auswirkungen des Corona-Lockdowns getroffen ist. Dort übernachten allerdings keine Beschäftigten im Betrieb. Der Umgang mit der Coronapandemie in China habe noch nicht überschaubare Auswirkungen, teilte Marquardt mit.

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Im vergangenen Jahr hat sich Zulieferer Marquardt nach eigenen Angaben „sehr ordentlich“ geschlagen – trotz anhaltender Coronapandemie, Materialengpässen und steigender Preise. Der Umsatz stieg um mehr als zwölf Prozent auf knapp 1,3 Milliarden Euro. Profitiert hat der Mechatronik-Spezialist unter anderem von zahlreichen Aufträgen im Bereich Elektromobilität, darunter ein weiterer Großauftrag über Hochvolt-Boxen für elektrisch betriebene Premiumfahrzeuge. Hinzu kamen Projekte für Batteriemanagementsysteme von Kunden aus Europa und Asien. Das Geschäft mit der Automobilindustrie macht rund drei Viertel des Umsatzes aus. Den Gewinn nennt das Familienunternehmen traditionell nicht.

Das Handy als Autoschlüssel

Auch hat das Unternehmen mit neuen Technologien in Asien gepunktet – App-Steuerungen für Smartphones, mit denen verschiedene Fahrzeugfunktionen bedient werden können. Die sichere Weitergabe des digitalen Schlüssels eröffne auch Flottenmanager, Car-Sharing-Anbieter und Autovermietern neue Geschäftsmodelle und Angebote, so das Unternehmen.

Ende 2021 beschäftigte Marquardt weltweit rund 10 200 Mitarbeiter. In den vergangenen Jahren hatte das Unternehmen Jobs abgebaut, etwa 1000 binnen drei Jahren. Im laufenden Geschäftsjahr sollen wieder Stellen aufgebaut werden – auch in Deutschland, wo Marquardt allein am Stammsitz Rietheim rund 2000 Beschäftigte hat. Derzeit hat das Unternehmen nach eigenen Angaben mehr als 400 offene Stellen, meist im höher qualifizierten Bereich.

Das laufende Jahr bleibe herausfordernd, sagte Firmenchef Harald Marquardt mit Blick auf die Halbleiterkrise, Materialengpässe und die wirtschaftlichen Verwerfungen aufgrund des Krieges in der Ukraine.

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