Marssonde Curiosity Der Star der Nasa landet auf dem Boden der Tatsachen

Von Rainer Kurlemann 

Seit zwei Jahren untersucht der Nasa-Roboter Curiosity den Roten Planeten, inzwischen steht er am Fuß des fünf Kilometer hohen Mount Sharp. Doch viel hat er bisher nicht über den Mars herausgefunden, so dass er im internen Missionsranking der Nasa abfällt.

Ein Selbstporträt des Nasa-Roboters Curiosity vor dem fünf Kilometer hohen Mount Sharp  auf dem Mars – zusammengesetzt aus vielen Einzelaufnahmen Foto: Nasa/JPL-Caltech/MSSS
Ein Selbstporträt des Nasa-Roboters Curiosity vor dem fünf Kilometer hohen Mount Sharp auf dem Mars – zusammengesetzt aus vielen Einzelaufnahmen Foto: Nasa/JPL-Caltech/MSSS

Stuttgart - Der einstige Star der US-Raumfahrtbehörde Nasa ist fast in Vergessenheit geraten. Der Hype um den Marsroboter Curiosity ist abgeflaut. Das Rampenlicht, mit dem die Öffentlichkeitsarbeiter der Nasa regelmäßig mit großer Professionalität ihre Missionen erleuchten, fiel zuletzt auf die Raumsonde Maven, die die Umlaufbahn des Planeten erreicht hat. Der Roboter Curiosity, der im August seinen zweiten Jahrestag auf den Roten Planeten feierte, blieb hingegen im Hintergrund. Bobak Ferdowsi war es nicht einmal eine Mitteilung im Kurznachrichtendienst Twitter wert, dass Curiosity das vorläufige Ziel auf dem Mars erreicht hat: den Mount Sharp. Nicht dass Ferdowsi als Barometer für die Stimmung in der Nasa gewertet werden darf. Aber der Ingenieur, der während der Landung des Marsroboters an einem schwebenden Kran einen auffälligen Irokesen-Haarschnitt trug, ist immerhin mit diesem Gefährt weltberühmt geworden. Da hätte man doch mehr erwartet.

Der Mount Sharp, an dessen Fuß Curiosity inzwischen steht, ist ein etwa 5000 Meter hoher Berg, der vermutlich schichtförmig aufgebaut ist. Der Roboter, der etwa so groß ist wie ein Geländewagen, soll die niedrigen Hänge des Berges in den kommenden Monaten langsam hochfahren. Mindestens vier Orte für Bohrungen haben die Nasa-Techniker bereits durch die hochauflösenden Kameras der Satelliten in der Umlaufbahn des Mars identifiziert. Jede der Schichten am Hang des Mount Sharp beinhaltet eine Aufgabe für Curiosity: eine vermutlich sulfatreiche Zone, ein Gebiet mit eisenhaltigem Hämatit, eine Tonschicht und das Gestein am Fuß des Berges sollen Informationen über die Geschichte des Roten Planeten liefern.

Die Nasa verknüpft sie mit der alten Frage, ob es früher auf dem Mars Leben oder zumindest Wasser gab. Curiosity hat dazu schon Erkenntnisse geliefert, die die Wahl der Landestelle rechtfertigen. Der Roboter fand im Gale-Krater runde Steine wie von Wasser geschliffen. Und Mineralien, für deren Bildung auf der Erde Wasser nötig ist. Die Ebene könnte der Boden eines Sees oder eines Flusses gewesen sein. Solche Gesteinsanalysen sind die Stärke des Roboters. Schon nach einem Jahr hatte Curiosity 75 000 Laserschüsse abgefeuert, damit den Marsstaub verdampft und immer wieder dessen Zusammensetzung untersucht. Noch nie gab es so detaillierte Wetter- und Strahlungsdaten vom Mars. Curiosity entdeckte, dass die Marsatmosphäre wohl kein Methan enthält, was von Mikroorganismen hätte stammen können, und er hat einige Steine frei gebürstet.

Alle anderen Missionen sind der Nasa wichtiger

Doch es erscheint fraglich, ob Curiosity damit die Ansprüche erfüllt. Sicher ist es eine enorme Ingenieurleistung, dass der Roboter noch fährt und seine Instrumente trotz aller Widrigkeiten der Marsatmosphäre noch funktionieren. Begehrt sind auch die Bilder der Kameras: 170 000 Fotos sollen mittlerweile entstanden sein, daraus wurden etliche Panorama-Aufnahmen zusammengesetzt. Aber als die Nasa vor ein paar Wochen die Zukunft ihrer Forschungsprojekte im All bewertete, geriet der einstige Liebling unter Beschuss. Curiosity landete nur auf dem siebten Rang der sieben Missionen. Selbst die Pläne für den kleineren Roboterveteranen Opportunity, der seit 2004 den Mars untersucht und sich jetzt tonhaltigen Mineralien nähert, fanden in der externen Expertenkommission größeren Anklang.

Die Ergebnisse von Curiosity seien gering im Vergleich zu den Kosten der Mission, lautete die Kritik. 2,5 Milliarden US-Dollar kostete der Start der Flaggschiff-Mission. Mit etwa 60 Millionen Dollar (47 Millionen Euro nach aktuellem Wechselkurs) pro Jahr gehört der Betrieb des Fahrzeuges zu den größeren Posten im Nasa-Etat, vergleichbar mit der Cassini-Mission im Orbit des Saturns. Diese Nasa-Raumsonde wird sich in drei Jahren in die Ringe des Saturn stürzen und dabei Messwerte liefern, die es bislang noch nicht gibt. Cassini steht deshalb im Ranking ganz vorn, Curiosity landete auf dem letzten Platz.

Die bewährten Marsorbiter werden für konkrete Aufgaben gebraucht. Odyssey, der älteste Satellit, seit 2001 aktiv, soll weiter Strahlungswerte zur Vorbereitung einer bemannten Mission zum Mars messen. Beim europäischen Orbiter Mars Express (seit 2004) unterstützt die Nasa Untersuchungen der Marsatmosphäre. Reconnaissance (seit 2006) kann nach der Kartierung des Mars unzählige wissenschaftliche Veröffentlichungen aufweisen, entdeckte Eis und dient als Relaisstation für die Rover.

Die neue Marschroute: „Weniger fahren, mehr bohren“

Die Projektleiter werden den Arbeitsauftrag für Curiosity überarbeiten müssen. Sie hatten eine Strecke von acht Kilometern für die nächsten beiden Jahre vorgeschlagen, derweil sollten acht Bodenproben in vier Gebieten genommen und ausgewertet werden. John P. Grotzinger brachte die Expertenempfehlung auf eine einfache Formel: „Weniger fahren, mehr bohren.“ Diese Woche schickte Grotzingers Team den Auftrag für das nächste ungefähr sechs Zentimeter tiefe Bohrloch zum Mars.

Das Fahren hat dem Roboter zugesetzt. Etwa neun Kilometer war das Gefährt seit Juni 2013 von der Landestelle bis zum Mount Sharp unterwegs. Sein Reisebericht enthält einige unglückliche Episoden. Scharfe Steine haben Dellen und Löcher in Aluminiumräder von Curiosity geschlagen, welche die ohnehin schwierige Navigation zusätzlich erschweren. Einmal hätte sich das Fahrzeug fast im weichen Sand festgefahren, doch die Techniker bemerkten rechtzeitig, dass die Räder durchdrehten und konnten umkehren. Dann scheiterte der Versuch, ein Loch in eine tellergroße Felsplatte zu bohren, weil der Stein durch den Bohrer ins Rutschen geriet.

Derweil plant die Nasa den nächsten Roboter nach dem Muster von Curiosity. Er trägt weniger Forschungsballast mit sich, seine Laserpistole und Kameras werden besser sein. Er soll Aufgaben erledigen, für die der Vorgänger nicht ausgestattet ist. So fand Curiosity im März 2013 in einer Bodenprobe Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Phosphor und Schwefel – diese chemischen Elemente bilden auf der Erde die Basis für Leben. Doch Curiosity kann Steine und Fossilien nicht unterscheiden. Es fehlt ein Gerät, das Rückstände von Mikroben als solche identifizieren könnte. 2020 soll der nächste Nasa-Roboter auf dem Mars landen. Er soll weniger im Staub wühlen, sondern vielmehr neue Missionen vorbereiten. Geplant ist etwa ein Experiment, bei dem Kohlendioxid aus der Marsatmosphäre in Sauerstoff umgewandelt wird.