Martin Grubinger hat stets ein Handtuch dabei, wenn er die Bühne betritt: um sich die Schweißperlen von der Stirn zu wischen. So auch an diesem Abend im Stuttgarter Beethovensaal, in einem seiner letzten Konzerte. Grubinger hört auf. Im kommenden Mai wird er 40. Der weltberühmte Multi-Perkussionist hat diesen Schritt schon lange angekündigt. Denn die körperlichen Anforderungen an seine Kunst bewegen sich auf Hochleistungssportniveau.
Wie viel Training in seiner Trommelkunst steckt, in der er zigtausend Bewegungsabläufe zu koordinieren hat, kann man nur erahnen. Grubinger hat die Grenzen der Konzertliteratur für Schlagzeug um ein Beträchtliches erweitert, ja, er hat es im Klassik-Bereich erst als Solo-Instrument etabliert. Etliche Konzerte wurden für ihn komponiert, jedes einzelne ein Klang-Erforschungsprojekt. So auch „The Tears of Nature“ von Tan Dun, das Grubinger an diesen Abend zusammen mit dem SWR Symphonieorchester in der Leitung des lettischen Dirigenten Andris Poga aufführte.
„The Tears of Nature“ beginnt mit wohlgeformtem Steine-Klopfen, dessen Echo von der Orchester-Schlagzeug-Gruppe effektvoll zurückgeworfen wird. Das Stück hat viele solcher poetischen Momente in all den Trommelkaskaden, Donnerwolken, massiven Eruptionen, die tonmalerisch für Katastrophen stehen: Erdbeben, Tsunamis und den Gau von Fukushima. Grubinger weiß eben auch aus der Ruhe heraus zu berühren – etwa, wenn er die Marimba eine chinesische Melodie wispern lässt, wenn er solo ein ganzes Klanggemälde aufbaut: in der linken Hand den Regenmacher rauschen lässt, in der rechten mit Schlägeln auf Vibraphon, Roto-Drums und Glockenspiel sanft das chinesische Lied nachhallen lässt. Als charismatischer Teamplayer spielt er seine Zugabe dann natürlich gemeinsam mit der Orchester-Schlagwerk-Gruppe: einen Ragtime – in zirzensischem Tempo.
Beim Dirigenten Andris Poga war das Stück in den richtigen Händen
Das Orchester, in „The Tears of Nature“ vor allem mit dem metrisch-rhythmischen und melodischen Einbetten und Verbinden der Schlagwerk-Inseln beschäftigt, konnte dann in dem genialen sinfonischen Erstlingswerk des jungen Schostakowitsch noch einmal richtig hochfahren in Sachen Ausdruck, Transparenz und die plastische Artikulation all der ironischen und melancholischen Gedanken. Beim elegant und delikat dirigierenden Andris Poga war auch dieses Stück in den richtigen Händen.