Martin Hohnecker ist tot Grandseigneur mit spitzer Feder

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Martin Hohnecker, der frühere stellvertretende Chefredakteur und Lokalschef der Stuttgarter Zeitung, ist gestorben.

Martin Hohnecker 1939 – 2012 Foto: Steinert
Martin Hohnecker 1939 – 2012 Foto: Steinert

Stuttgart - Wo bin ich? „Mainstation, Ausstieg in Fahrtrichtung, links, hat der Lautsprecher in mein Hörgerät gequäkt. Ich bin aus dem Superzug gehüpft, hinein nach Stuttgart-Underground. ,Da liegst du nun im Sonnenglanz, schön, wie ich dich je sah . . .‘ Oh Karl Gerok!“ So beginnt eine preisgekrönte Geschichte, die vor fünf Jahren in der Stuttgarter Zeitung erschienen ist. Martin Hohnecker, der Autor, unternimmt dabei eine persönliche Expedition ins Jahr 2022 durch futuristische Tunnellabyrinthe und urbane Betongebirge. Als 83-jähriger Mann, so die Fiktion, geht er am Stock durch das Einundzwanziger-Paradies des neuen Hauptbahnhofs und versucht, sich selbstgesprächig zurechtzufinden, irgendwie: „O Karl Gerok! Nix Sonnenglanz, riesige leuchtende Spiegeleier illuminieren rollende Züge, rennende Reisende, riechende Frittenbuden. Oha, das sind die Frosch-Glupschaugen, die ,Visitenkarten‘ der Stadt, von unten – und ich mittendrin in der Nullenergiestation, wo das Leben wie auf Schienen läuft. Nur ich will raus, wie Orpheus aus der Unterwelt.“

Erleben wird Martin Hohnecker dies nun nicht mehr. Am vergangenen Sonntag ist der langjährige Lokalchef und stellvertretende Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung wenige Wochen nach seinem 73. Geburtstag an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Die Trauerfeier fand am Mittwoch auf seinen letzten Wunsch hin im engsten Familienkreis an seinem Wohnort in Freiberg-Heutingsheim im Kreis Ludwigsburg statt.

Martin Hohnecker hat die StZ, der er auch nach seiner Pensionierung 2004 als Autor treu blieb, in mehr als vier Jahrzehnten geprägt wie kein anderer Redakteur. Er war ein Sprachvirtuose, ein exzellenter, unter den Leserinnen und Lesern besonders beliebter Schreiber, er war ein innovativer, kreativer Geist. Er verschaffte dem lange umstrittenen Farbfoto Platz im seriösen Blatt und gab der lokalen Kultur ein eigenes Podium. Und er war an vielen wichtigen strategischen Weichenstellungen des Verlages wie dem Ausbau der Berichterstattung in den Landkreisen rund um Stuttgart maßgeblich beteiligt – all dies immer mit dem Ziel, die Rolle der StZ als führende Landeszeitung zu stärken und sie zugleich in der Landeshauptstadt und der gesamten Region fest zu verankern.

Eigentlich hatte Martin Hohnecker bei seinem Eintritt am 1. April 1969 in die Baden-Württemberg-Redaktion nur zwei Jahre bleiben wollen, das war jedenfalls seine Absicht gewesen. „Dass der prinzipienfeste Schwabe seinen Vorsatz vergaß und fast sein ganzes Journalistenleben bei der Stuttgarter Zeitung verbrachte, war ein Glücksfall für die Zeitung“, schrieb der frühere Chefredakteur Peter Christ als „hoh“ aus der Redaktion ausschied – „und wohl auch für ihn.“

Hohnecker, Sohn eines Architekten, kam am 9. April 1939 im pietistischen Korntal zur Welt. Das hat seine Einstellung lebenslang geprägt. Ein tiefes Pflichtbewusstsein zeichnete ihn aus. Zugleich hatte er die wunderbare Gabe der Selbstironie und eines handfesten, bisweilen frivolen, aber nie verletzenden Humors. Im Anschluss an das Abitur gab er nach eigenem Bekenntnis ein „kunterbuntes Zwischenspiel als Hilfsarbeiter, Babysitter, Fotograf und Musiker“. Dann ließ er sich in der Buchhandlung am Bubenbad im Stuttgarter Osten zum Verlagsbuchhändler ausbilden. Doch bald zog es ihn zum Journalismus. „Nach zweijähriger Berufsausübung Nase voll“, notierte er in einem Lebenslauf an die Adresse von Josef Eberle, der die StZ als Herausgeber fast drei Jahrzehnte gelenkt und verkörpert hat: „In der Mittagspause telefonische Rundfrage bei den Zeitungen Nordwürttembergs: Wer sucht Volontär?“ Den Zuschlag erhielt zunächst die „Ludwigsburger Kreiszeitung“, weil die sich nicht lange zierte, doch schon 1969 erfolgte der Wechsel zur StZ. „Ich hoffe, die Erwartungen erfüllen zu können“, schrieb Hohnecker an Eberle, „bemühen werde ich mich jedenfalls darum.“

Die Werte der Zeitung hochgehalten und weiterentwickelt

Eberle und dessen langjährigem Mit­herausgeber Erich Schairer hat Hohnecker sich im Geiste eng verbunden gefühlt. Dabei ging es ihm immer um die Tradition und die Werte eines Blattes, das – im Sinne seiner Gründerväter – für das freie Wort, den unabhängigen Standpunkt, für Toleranz, Gerechtigkeit und praktische Hilfsbereitschaft eingetreten ist, wie er einst formulierte. Zupass kam Hohnecker von Anfang an seine umfassende Bildung, seine Klugheit als Voraussetzung für ein sicheres Urteil. Er war ein Bildungsbürger alter Schule. Nicht nur geist-, sondern bis in Details hinein kenntnisreich war er: sei es in Sachen Stadt- und Landesgeschichte, sei es in der Politik, beim Wetter, in der Literatur, in biblischen Dingen, der Musik oder rund um den Wein und gutes Essen. Seine Liebe gehörte dem Jazz.

„Was unterscheidet den Weingenießer vom schlichten Weintrinker?“, hat er einmal gefragt und auch gleich geantwortet: „Dass er das Riechen, Schmecken, Schlucken mit dem Wissen verbinden will: Wo kommt der Rebensaft her, wie lagert man ihn, welches sind die feinsten Jahrgänge?“ Hohnecker wollte es immer genau wissen. Diese Ernsthaftigkeit, sein eigenes Interesse am Gegenstand, vermochte er den Leserinnen und Lesern zu vermitteln wie wenige andere in der Redaktion. Denn das breite Wissen paarte sich bei ihm auf außergewöhnliche Weise mit einem herausragenden Ausdrucksvermögen und der Gabe, nie in einen akademischen Ton zu verfallen. Jenseits üblicher, der Hektik des Tageszeitungsgetriebes geschuldeter journalistischer Prosa findet sich im StZ-Archiv aus Hohneckers Feder eine Fülle an Beiträgen von literarischer Qualität.

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