Wien - Selbstzweifel gönnt sich Martin Kusej nicht. Auf dem Weg nach oben ist dieser Gefühlsluxus eher hinderlich. Und oben ist er jetzt – über Stationen als Hausregisseur in Stuttgart und Intendant in München – auch angelangt: an der Wiener Burg, dem größten und reichsten Haus im deutschsprachigen Raum, dessen Leitung er im August übernimmt. Aber selbst der mächtigste Mann unter der Theatersonne kann das Rad nicht neu erfinden. Er schaut sich anderswo um.
Zum Beispiel in Stuttgart, wo der neue Burgherr nach der Premiere des „Othello“ dem aus Tel Aviv stammenden Schauspieler Itay Tiran ein Angebot gemacht hat, das er nicht ausschlagen konnte. Der Star aus Israel, von Burkhard Kosminski mit Beharrlichkeit ins Schauspiel-Ensemble gelockt, wechselt nach nur einer Spielzeit nach Wien – und was er dort macht, weiß man jetzt, da Kusej sein Programm vorgestellt hat, auch. Itay Tiran führt Regie. Und zwar bei den „Vögeln“ von Wajdi Mouawad, mit denen auch Kosminski im November seine Intendanz eröffnet hat, damals als vielbeachtete deutsche Erstaufführung auf Deutsch, Englisch, Hebräisch und Arabisch – und mit niemand anderem als Tiran in der Hauptrolle, der dank dieser wunderbaren Vorarbeit bestens auf die Wiener Regie vorbereitet ist.
Die Stuttgarter Hilfestellung geht aber noch weiter, denn mit den „Vögeln“ hat sich Kusej gleich das ganze Kosminski-Konzept geschnappt. „Vielsprachigkeit am Wiener Burgtheater“ heißt nun auch dort das Motto, das von Regisseuren und Regisseurinnen aus 13 Ländern umgesetzt werden soll – dazu gehört auch Oliver Frljic, der in Wien die „Hamletmaschine“ inszeniert, zuletzt aber in Stuttgart mit Schauspielern aus Polen, Kroatien und Deutschland das „Europa-Ensemble“ gegründet hat. Internationalität ist eines der Themen von Burkhard Kosminski – und von Martin Kusej jetzt eben auch.
Der Theaterbetrieb ist klein. Man tauscht sich aus. Neuerdings kopiert man sich auch, aber das Copyright bleibt doch in Stuttgart.