Martin Loydl über die Krankenhäuser in Böblingen und Calw „Wir brauchen die kleinen Kliniken“
Martin Loydl verlässt den Klinikverbund Südwest– mit klaren Worten zur Behandlung der Zukunft – und zu Querelen der Vergangenheit.
Martin Loydl verlässt den Klinikverbund Südwest– mit klaren Worten zur Behandlung der Zukunft – und zu Querelen der Vergangenheit.
Von Beginn an arbeitet Martin Loydl beim Klinikverbund Südwest. Nach 17 Jahren, davon die letzten sechs Jahre als Geschäftsführer, hat er nun genug. Im Interview erzählt er von den Schwierigkeiten und Herausforderungen, sechs Krankenhäuser durch politisch und wirtschaftlich schwierige Zeiten zu navigieren.
Herr Loydl, warum werfen Sie nach 17 Jahren das Handtuch?
Ich würde nicht sagen, dass ich das Handtuch werfe. Nach so langer Zeit will ich jetzt, mit Anfang 50, noch einmal etwas Neues machen. Ich habe mein Bestes für den Klinikverbund gegeben. Aber jetzt ist es, denke ich gut, wenn jemand Neues mit einem Blick von außen kommt. Meinen Nachfolger Herr Schmidtke arbeite ich bereits seit Juli ein.
Auf was sind Sie besonders stolz, das Sie erreicht haben?
Die Medizinkonzeption habe weitestgehendst ich entwickelt und zum großen Teil schon umgesetzt. Dabei geht es um die standort- und fachübergreifende Zusammenarbeit aller Krankenhäuser im Verbund. Schwerpunktkliniken entstehen auf dem Flugfeld und in Nagold. Die anderen Krankenhäuser werden zunehmend ambulante Strukturen und Notfallstrukturen bereithalten und ausgewählte Schwerpunkte haben. Herrenberg zum Beispiel entwickelt sich mit seiner breiten Struktur an Facharztpraxen schon seit längerem zu einer Anlaufstelle für ambulante Behandlungen. Das ist wichtig, gerade jetzt, wo es an niedergelassenen Ärzten fehlt. Leonberg könnte einen Schwerpunkt in der Geriatrie oder Orthopädie haben. Die Leute brauchen eine wohnortnahe Versorgung.
Nun will der Gesundheitsminister Karl Lauterbach weitere Klinken schließen. Haben die kleinen Häuser Bestand?
Gerade unsere Medizinkonzeption ist ein Baustein zur Sicherung auch der kleineren Häuser. Bestimmte Vorgaben der Politik und Kassen – zum Beispiel eine gewisse Mindestmenge an Operationen, die ein Haus durchführen muss – können wir so im Verbund erfüllen. Künftig werden komplizierte OPs auf dem Flugfeld stattfinden – mit Einbindung der Ärzte der anderen Krankenhäuser. So kann auch ein Arzt aus Leonberg seinen Patienten auf dem Flugfeld operieren. Die kleineren Häuser werden künftig wichtige Anlaufstellen in der ambulanten Behandlung sein. Die Politik will 25 Prozent der stationären Behandlungen in ambulante umwandeln. Dafür brauchen wir die kleinen Kliniken. Im Kreis Böblingen haben wir eine klare Konzeption. Im Kreis Calw ist es mit zwei Mittelzentren auch geografisch schwieriger, Nagold wird Schwerpunktversorger, Calw eingebettet in einen Campus mit ambulanten Angeboten.
Was war das Schwierigste in den vergangenen 17 Jahren?
Eine sehr schwierige Phase war die Pandemie. Da sind die Kliniken an ihre Kapazitätsgrenzen gekommen, die Mitarbeiter an die Belastungsgrenzen. Hinzu kommt das Dauerproblem mit dem Personalmangel. Besonders gestresst haben mich aber die Querelen. Erst verließ mein Co-Geschäftsführer Jörg Noetzel den Verbund. Dann gab es Unstimmigkeiten im Aufsichtsrat und sehr unterschiedliche Positionen der Trägern, den beiden Landkreisen. Ein großes Problem ist, dass wir als Klinikleitung ein klares Konzept haben, das aber nicht immer zu den Vorstellungen der Kommunalpolitik passt.
Können Sie etwas konkreter werden?
Kein Bürgermeister will seinem Gemeinderat und seinen Bürgern sagen, dass ein Krankenhaus verkleinert werden und Kompetenzen abgeben muss. Doch darum kommen wir nicht herum, wenn wir die Standorte halten und wirtschaftlich arbeiten wollen. Die Bürger sind da viel weiter als die Politik. Sie gehen in die Klinik, die die beste Behandlung bietet, auch wenn die etwas weiter weg ist.
Der Calwer Landrat Riegger sagt, wirtschaftliches Handeln sei die Aufgabe des Geschäftsführers.
Bei sechs Kliniken und zwei Trägerkreisen mit einer Struktur aus vielen verschiedenen politischen Gremien kommt man als Geschäftsführer schnell an seine Grenzen. Ich kann nicht gegen die Kommunalpolitik arbeiten.
Die Zahlen sind nicht gerade rosig. Der Klinikverbund macht dieses Jahr ein Defizit von mehr als 40 Millionen Euro. Vielleicht hat Herr Riegger doch recht?
Ein Problem ist, dass unsere Umsatzzahlen zurückgegangen sind – wie fast überall bundesweit. Da hat sicher viel mit Corona zu tun. Nun sind die Verluste aber im Kreis Calw gemessen an den Patientenzahlen größer als im Kreis Böblingen. Die Gründe dafür liegen nicht bei der Geschäftsführung.
Herr Riegger gilt als Ihr Hauptgegner. Er soll der Grund für Ihren Weggang sein.
Es geht nicht um persönliche Belange, das Problem sind vor allem die Strukturen. Es gibt noch keine einheitliche Gesellschaftsstruktur, hinzu kommt sicher die Konkurrenz und die unterschiedliche wirtschaftliche Situation der Kreise. Ich gebe zu, mit dem Böblinger Landrat Roland Bernhard klappt es besser: Im Kreis Böblingen gibt es eine klare Linie. Dass ich nun nach sechs Jahren als Geschäftsführer gehe, hat aber natürlich auch mit den Querelen zu tun. Andererseits habe ich viel länger durchgehalten als meine drei Vorgänger und auch deutlich länger als Geschäftsführer vieler anderer Kliniken und Verbünde. Der Druck im Gesundheitswesen ist enorm, manche Klinikverbünde gibt es nicht mehr. Der Klinikverbund Südwest hat nicht alles falsch gemacht.
Die Strukturen konnten Sie nicht ändern. Etwas anderes?
Vor allem hat sich mein Denken geändert. Ich kam Anfang 2006 mit dem damaligen Geschäftsführer Gunther Weiß zum neu gegründeten Klinikverbund Südwest. Wir hatten die Aufgabe, die Kliniken zusammenzuführen. Dr. Weiß war ein Visionär, hat schon damals gesehen, wohin der Weg geht. Was wir damals nicht im Blick hatten, waren die Menschen im Verbund, die Patienten, vor allem aber die Mitarbeiter. Mir ist im Laufe der vergangenen Jahre klar geworden, wie wichtig diese für unsere Arbeit sind. Ohne Menschen kann keine Klinik arbeiten. Heute beziehen wir die Mitarbeiter ganz anders in die Arbeit ein.
Wie?
Ich bin stolz auf unser Führungsgremium, eine Topmannschaft. Wir haben die inneren Strukturen sehr verschlankt. Ärztliche Direktoren:innen und die Pflegedirektor:innen tagen 14-tägig gemeinsam mit der Geschäftsleitung. So arbeiten wir alle auf Augenhöhe zusammen. Diese Entwicklung entspricht meinem Führungsansatz. Ich bin ein ausgesprochener Teamplayer.
Anders wird es wohl auch nicht gehen. Der Fachkräftemangel ist ein Riesenproblem für alle Krankenhäuser in Deutschland. Wie kann man das lösen?
Das Problem betrifft alle Kliniken. Wir sind da sehr aktiv. Wir haben unsere eigene Akademie, wo wir Leute ausbilden. Wir betreiben seit Jahren eine intensive Akquise im Ausland. Und wir haben leider viele Leasingkräfte von Agenturen. Die sind wesentlich teurer als festangestellte Leute. Aber wir kommen ohne sie nicht aus. Das alles wird dennoch nicht reichen, das Personalproblem zu lösen. Ich denke, wir kommen nicht um das Konzept der Politik herum, mehr ambulant zu behandeln. Das wird ganz sicher so kommen.
Was planen Sie persönlich nun?
Zunächst mal eine kleine Auszeit. Eine Reise nach London und dann zwei Monate in einer Hütte in die Berge. Was danach kommt, weiß ich noch nicht genau. Ich weiß nur eins: Ich will nicht mehr im Krankenhausbetrieb arbeiten, auch wenn ich dort über die Jahre viele tolle Menschen kennenlernen durfte und ich dem Klinikverbund Südwest für die Zukunft nur das Beste wünsche. Mich zieht es wieder in die Beratung.
Person
Martin Loydl ist gebürtiger Metzinger. Der 52-Jährige hat an der Berufsakademie Stuttgart, heute Duale Hochschule, Betriebswirtschaft mit dem Schwerpunkt Krankenhauswesen studiert. Nach mehreren beruflichen Stationen bei den Kreiskliniken Reutlingen, einer Planungsgesellschaft sowie an der Uniklinik Tübingen kam er im Jahr 2006 mit dem damaligen Geschäftsführer Gunther Weiß zum neugegründeten Klinikverbund Südwest. Seit 2016 ist er der Geschäftsführer, zuvor war er unter Elke Frank jahrelang stellvertretender Geschäftsführer.
Klinikverbund
Der Klinikverbund Südwest wurde 2006 von den Kreisen Böblingen und Calw sowie der Stadt Sindelfingen geschlossen. Sindelfingen schied 2014 als Gesellschafter aus. Seither wechseln sich die beiden Landräte Roland Bernhard (Böblingen) und Helmut Riegger (Calw) im Vorsitz des Aufsichtsrats ab. Der Verbund betreibt aktuell sechs Klinken in Böblingen, Sindelfingen, Herrenberg, Leonberg, Calw und Nagold. Etwa 6000 Mitarbeiter aus 70 Nationen behandeln pro Jahr 550 000 Patienten stationär und 300 000 ambulant. Im Jahr 2025 soll die sich im Bau befindliche Zentralklinik auf dem Flugfeld zwischen Böblingen und Sindelfingen in Betrieb gehen.