Martin Roths letztes Buch Runter vom Sofa, wir müssen reden!

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Drei Wochen nach seinem Tod erscheint Martin Roths letztes Buch „Widerrede! Eine Familie diskutiert über Populismus, Werte und politisches Engagement.“ Es ist sein Vermächtnis an die Gesellschaft und ein Plädoyer gegen Gleichgültigkeit.

Europa ist besser, als  Populisten behaupten, findet  Martin Roth. Foto: Lg/Max Kovalenko
Europa ist besser, als Populisten behaupten, findet Martin Roth. Foto: Lg/Max Kovalenko

Stuttgart - Man muss es wohl so sagen: Dieses Buch Martin Roths, nur drei Wochen nach seinem Tod erschienen, ist das Vermächtnis eines empathischen Verfechters der Demokratie und gleichzeitig geerdeten Menschen an die Zivilgesellschaft. Denn wer „Widerrede! Eine Familie diskutiert über Populismus, Werte und politisches Engagement“ liest, geht eine unausgesprochene Verpflichtung ein. Die nämlich, das Zeitgeschehen nicht mehr länger unkommentiert einfach nur an sich vorbeiziehen zu lassen, sondern sich einzumischen und Position zu beziehen. Für all das, was aus dem nach dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern liegenden Kontinent ein im Kern friedliches Europa gemacht hat. Es ist höchste Zeit, meint Roth.

„Dieses Schweigen macht mich fertig“, schreibt er in seinem Vorwort an die Adresse derer, die sich auf „schöne Themen und in schöne Häuser“ zurückziehen. „Wenn ich nur einen einzigen Vortrag halten dürfte in meinem Leben, dann wäre dies ein Plädoyer, sich zu informieren, sich zu engagieren, die offene Gesellschaft nicht nur bei Wahlen, aber eben auch bei Wahlen zu verteidigen. Und vor allem: Bitte machen Sie sich stark für das, was eine offene Gesellschaft bedeutet“, appelliert er an den Leser.

Plädoyer für Gespräche zwischen den Generationen

Der mit 62-Jahren viel zu früh verstorbene Kulturwissenschaftler, Ausstellungsmacher und Querdenker muss reden, das spürt man. Wer das Glück hatte, Martin Roth jemals bei einem seiner Auftritte zu erleben, hört seine Stimme beim Lesen und bemerkt die Lücke, die der mitreißende Denker und Redner hinterlassen hat.

Das Buch protokolliert ein Stück gelebter Familiengesprächskultur. Roth diskutiert mit seinen drei erwachsenen Kindern. Clara (20) hat in Vancouver Politikwissenschaften und Wirtschaft studiert, engagiert sich für Drogenabhängige und Obdachlose. Roman (27), Medienwissenschaftler und Kommunikationsdesigner, interessiert sich für alles, „was man im weitesten Sinn als visuelle Kultur bezeichnen kann“, wie sein Vater ihn beschreibt. Mascha (28) hat einen Studienmix aus Sinologie, Anthropologie und Global History mit Abschluss an der London School of Economics beendet, ist bei der Initiative „Offene Gesellschaft“ aktiv. Zugegeben, die drei haben privilegierte Startbedingungen, aber sie stehen damit für die Generation Erasmus, der aufgrund der vielen Erfahrungen, die sie gemacht hat, der Zustand Europas nicht egal ist. Der Dialog kreist um die Folgen der Bankenkrise, Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit, Demokratie und die Frage, was sie bereit sind, in ihren Leben zu ändern. Roth bewegt vor allem, was bei seinen Kindern von seinen Idealen angekommen ist.

Er ist überzeugt, dass der lebendige Diskurs zwischen den Generationen eine Möglichkeit ist, der Vertrauens- und Wertekrise entgegenzutreten. In diesen Gesprächen verdichten sich für ihn die Erzählungen der Vergangenheit und Gegenwart zu Zukunftsvisionen. In ihnen treffen die ethischen und demokratischen Standards auf die Fragen nach Künftigem.

Nicht nur beim Reden bleiben

Diese Tischgespräche liefern natürlich keine verbindlichen Antworten. Aber sie weisen einen Weg und sind eine Gedankensammlung. In der finden sich das Postulat, nicht „alles den Politikern zu überlassen“, und die Überzeugung, dass Reden auch zu etwas führen müsse. „Aus unserer Generation müsste das Gegengift zum europäischen Populismus kommen“, hofft Roman. Aber das gehe nur, wenn wir aus diesem „Jetzt ist alles gut“-Modus herauskommen, mahnt Mascha. Sich nur auf den europäischen Vorzügen auszuruhen ist für sie zu wenig. Es gehe um eine Bestandsaufnahme der europäischen Wirklichkeit, die auch die berücksichtigt, deren Lebensumstände verbesserungswürdig sind. „Ich will ein Europa, das darauf eingeht und darauf besteht, dass es viel weniger schlecht ist, als die Populisten behaupten“, fordert Mascha – ganz im Sinn ihres Vaters.