Martin Sonneborn im EU-Parlament Lüge und Betrug gehört zu seinem Handwerkszeug

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Martin Sonneborn ist vielleicht die deutsche und freundliche Ausgabe dieser Art Spaßguerilla. Wie er da so sitzt auf der Caféterrasse und artig einen Milchkaffee bestellt, im hellblauen Polyesterhemd mit Strickjacke, wirkt Sonneborn zurückhaltend und nachdenklich, fast schüchtern. Vom Spreeufer her kommen ein paar junge Männer, erkennen ihn, und einer traut sich: „Hallo, ich wollte nur mal Guten Tag sagen.“ Höflich grüßt Sonneborn zurück. Als er so alt war wie sie, lernte er Versicherungskaufmann, ein braver Junge, der bei seiner ersten Wahl das Kreuzchen bei der CDU machte, weil das im Elternhaus so Brauch war. Dann studierte er Germanistik, Politik, Publizistik, natürlich mit Abschluss. Seine Magisterarbeit schrieb er zur Wirkungslosigkeit von Satire.

Immer noch trägt er dieses Gewand des wohlerzogenen Bürgers, wenn er seine Arbeit macht. Oft tut er etwas ganz Schlichtes: er stellt Leuten Fragen – Menschen, die Ämter bekleiden, oder Passanten. Dabei gibt er sich falsche Identitäten, er lügt, und er ist gemein. Tabus kennt Sonneborn nur insoweit, als dass er sie alle benutzt – vom Dritten Reich bis zu Sexismus.

„Ich fürchte“, sagt der Satiriker mit einem ganz feinen Lächeln, „das gehört zu meinem Werkzeug. Ich nutze Unwahrheiten und Unterstellungen, um satirische Situationen zu schaffen, die die Wahrheit herausarbeiten.“ Auch die Gemeinheit rechtfertigt er aufs Freundlichste. „Aggression ist ein Wesensmerkmal von Satire“, sagt der 49-Jährige. „Es unterscheidet sie von Klamauk und fast allem, was im Fernsehen existiert.“ Die Antworten jedenfalls, da hat er schon recht, die geben seine Gegenüber von ganz allein. Heraus kommen Szenen und Dialoge, bei denen man so lange lacht, bis man sich auf einmal fragt, ob das nicht eigentlich alles zum Heulen ist oder zum Verrücktwerden.

Einmal zum Beispiel gibt Sonneborn sich als Vertreter von Google Home View aus und fragt Leute, ob er sie in ihren Schlafzimmern fotografieren darf. „Jeder Dritte hat uns reingelassen.“

Er interviewt einen Piusbruder zur Pille danach, und der Zuschauer lernt, dass Abtreibung nach einer Vergewaltigung schlimmer ist als Mord. Als Jungliberaler zieht er auf den Höhepunkt der Möllemann’schen Profilierung in einen antisemitischen Wahlkampf und bittet einen Thüringer Kreisvorsitzenden, vor einem Plakat zu posieren: „Gib endlich Friedman – judenfrei und Spaß dabei.“ Der tut es und sagt: „Das ist Verpackung, gehört dazu.“

Auf einer Podiumsdiskussion stellt er aus dem Publikum Fragen an Thilo Sarrazin, der daraufhin das Intelligenzgefälle zwischen West- und Ostdeutschland erläutert. Fürs ZDF interviewt er einen Pharmalobbyisten, der sich kurz unterbricht, weil er aus Versehen die Wahrheit über billige Medikamente gesagt hat, die aber dann nicht herausgeschnitten, sondern gesendet wird. Der Mann wird gefeuert.

„Kollateralschäden“ nennt Sonneborn so etwas. Tut ihm das manchmal leid? Er zögert. „Das zeigt einfach die menschliche Dummheit, das darf man demonstrieren.“ Und wie rechtfertigt er die Bloßstellung all der kleinen Leute? „Es sind auch die kleinen Leute, die Ausländer schlagen oder FDP wählen. Wir zwingen ja niemanden vor die Kamera.“

Manchmal wird auch seine These von der Wirkungslosigkeit der Satire widerlegt. Wie zum Beispiel bei der Sache mit den Bestechungsfaxen. Vor der Wahl des Ausrichterlandes für die Fußball-WM 2006 erhielten Mitglieder des Exekutivkomitees der Fifa ein Fax in ihr Züricher Hotel zugestellt – für ihre Stimme für Deutschland sollten sie eine Kuckucksuhr und einen Fresskorb bekommen. Der DfB drehte am Rad, und Sonneborn musste eine mit 600 000 Mark bewehrte Unterlassungserklärung unterschreiben. „Wir wollten den Ruf der Korruption mit dieser Veranstaltung verbinden.“

Noch irrer als die Aktion aber die Reaktion: die „Bild“ veröffentlichte die Telefonnummer von „Titanic“ und rief ihre Leser auf, sich zu beschweren. Die besten Anrufe sind auf einem Mitschnitt im Internet zu hören. Kleiner Auszug: „In einem Rechtsstaat gehören Leute wie Sie ins KZ.“

Und jetzt? Wie geht es weiter mit Aktion, Provokation und Reaktion? Der Herr Abgeordnete wiegt den Kopf. „Erst habe ich gedacht, ich trete sofort zurück. Jetzt will ich mir die Sache mal anschauen“, sagt er und bittet, eines nicht zu vergessen: „Alles, was wir machen, dient unmittelbar der Weltverbesserung.“