Martin Strobel zu Parallelen Deutsche Handballer – auf den Spuren der Europameister von 2016?

Martin Strobel nach dem Gewinn des EM-Titels 2016 in Krakau mit der Siegertrophäe. Foto: imago/Camera 4/imago sportfotodienst

Für die deutschen Handballer läuft es bei der WM besser als erwartet. Es gibt einige Parallelen zu den EM-Helden 2016. Wir haben den Balinger Europameister Martin Strobel dazu befragt.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Alles läuft nach Plan, und es gibt viele positive Aspekte bei dieser WM – erreicht hat die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) vor dem ersten Hauptrundenspiel an diesem Donnerstag (18 Uhr/ARD) gegen Argentinien aber noch nichts. Dennoch drängen sich auch für den Europameister Martin Strobel Parallelen zum EM-Überraschungscoup von 2016 auf.

 

Teamchemie Alle ziehen an einem Strang, jeder fiebert für den anderen mit, alle pushen sich gegenseitig. Auch wenn einige Spieler aus dem DHB-Kader in den wichtigen Spielen nur kaum oder gar nicht zum Einsatz kommen: Von schlecht gelaunten Spielern ist weit und breit nichts zu sehen. „Wie wir 2016, funktioniert auch die aktuelle Mannschaft als Kollektiv. Wichtig ist dabei, dass man sich nicht nur untereinander versteht, sondern auch mit dem gesamten Staff und dem Trainerteam“, sagt Strobel, der frühere Spieler des HBW Balingen-Weilstetten.

Außenseiterrolle Die deutschen Handballer hatten 2016 nichts zu verlieren – und gewannen alles. Sie kamen damals nach Polen (wie diesmal zumindest in der Vor- und Hauptrunde), um zu lernen – und räumten alles ab: den EM-Titel, die direkte Olympiaqualifikation für Rio, die Qualifikation für die WM 2017. Sie haben vor sechs Jahren den Ernstfall proben wollen, richtig fertig sollte die Mannschaft erst zur Heim-WM 2019 sein. Auch diesmal galten vor dem WM-Start für viele die Titelkämpfe nur als Durchgangsstation für das EM-Turnier im eigenen Land 2024. „Uns traute 2016 keiner etwas zu. Das war vor dieser WM genauso. Diese Underdog-Rolle tut uns gut“, ist sich der ehemalige Spielmacher sicher.

Absagen 2016 fehlten Uwe Gensheimer, Patrick Groetzki und Patrick Wiencek verletzt. Während des Turniers kamen Christian Dissinger und Steffen Weinhold hinzu. Auch diesmal tritt die DHB-Auswahl nicht in Bestbesetzung an: Wiencek hat die Nationalmannschaftskarriere beendet, Hendrik Pekeler pausiert, und Fabian Wiede sagte wegen einer Kiefer-OP ab. „Wir sind 2016 enger zusammengerückt, von Spiel zu Spiel gewachsen und haben uns in einen Flow gespielt, das deutet sich auch diesmal an“, sagt Strobel. Zumal auch der zweite Anzug knitterfrei zu sein scheint. Gegen das allerdings schwache Algerien zahlten Luca Witzke, Djibril M’Bengue, Rune Dahmke, Paul Drux, Christoph Steinert und Simon Ernst das in sie gesetzte Vertrauen zurück. Strobel: „Sie deuteten zumindest an, dass sie auch für stärkere Gegner bereit sind. Aber die wahren Bewährungsproben kommen erst noch.“

Kapitän „Der beste Kapitän ist der, den man gar nicht bemerkt“, findet Strobel. Deshalb war für ihn Steffen Weinhold 2016 der optimale Mannschaftsführer. Deshalb ist für ihn aktuell Johannes Golla der optimale Kapitän. Beide füll(t)en ihre Rolle nicht mit markigen Sprüchen aus, sondern mit der Übernahme von Verantwortung auf und neben dem Platz. Strobel: „Auch Johannes behält kühlen Kopf, bleibt stets absolut fokussiert, hat eine hohe Sozialkompetenz und lässt sich nicht von Emotionen leiten.“

Kein Superstar Weder 2016 noch heute hat(te) das DHB-Team einen Superstar in seinen Reihen. Frankreich oder Dänemark hatten und haben immer wieder Spieler im Kader, die es richten, wenn es eng wird. „Juri Knorr ist aber auf einem guten Weg, solch ein Unterschiedsspieler zu werden, der im Fokus steht“, so der 36-jährige Strobel.

Torwartgespann Andreas Wolff hielt 2016 überragend. Er bildete ein top Gespann mit Carsten Lichtlein, der als zweiter Mann keine Ansprüche stellte. Ähnlich verhält es sich aktuell mit Neuling Joel Birlehm. Strobel: „Eine klare Rollenverteilung ist damals wie heute gegeben, und das halte ich auf der Torwartposition auch für wichtig.“

TrainerDagur Sigurdsson war der Gold-Schmied von 2016. Mit dem aktuellen Coach hat er nicht nur die Staatsbürgerschaft gemeinsam. „Dagur hatte eine klare Spielidee. Jeder wusste, was er dazu beizutragen hatte. Deshalb sind wir ihm bedingungslos gefolgt. Bei Alfred Gislason stelle ich mir das ähnlich vor“, sagt Strobel. Beide Isländer erreichen die Spieler mit einer ruhigen Art, sie verlieren nicht den Kopf. Strobel: „Sie reden nicht über Probleme, sie suchen nach Lösungen. Das überträgt sich aufs Team.“

Bleibt die Frage, ob die Parallelen so weit gehen, dass es am Ende gar zum Titel reicht. „Ich wünsche der Mannschaft maximalen Erfolg, das wäre so wichtig für unsere Sportart“, so Strobel, „doch ich bleibe bei meinem Tipp, dass das DHB-Team Fünfter wird. Mannschaften wie Dänemark, Frankreich, Schweden oder Spanien haben einfach einen Tick mehr Erfahrung.“ Erfahrung, die die EM-Helden von 2016 aber auch kaum hatten.

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