Buchtipp: Martin Walser,„Traumbuch“ Walsers Himmel- und Höllenfahrten

Martin Walser vertraut Träumen mehr, als allem anderen. Foto: Karin Rocholl/Rowohlt

An diesem Mittwoch feiert der Autor Martin Walser seinen 95. Geburtstag. Zusammen mit der Künstlerin Cornelia Schleime führt er in seinem „Traumbuch“ auf den Schleichwegen des Schlafes hinter die Schauseite seiner Welt, wo Unerhörtes lauert.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Es gibt Autoren, die wollen etwas mitteilen. Und wenn alles gesagt ist, drehen sie sich um, und wenden sich anderen Dingen zu. Philip Roth war so ein Fall. Irgendwann gab er bekannt, mit dem Schreiben abgeschlossen zu haben. Und dabei blieb es bis zu seinem Tod, fünf Jahre später.

 

Ganz anders liegen die Dinge bei Martin Walser. Die Lebensgeschichte ist hier auf geradezu physiologische Weise verbunden mit der Werkgeschichte. Derart, dass man von den Anfängen in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts bis zu dem an diesem Mittwoch, dem 95. Geburtstag Walsers, erscheinenden „Traumbuch“ eine Linie ziehen kann. Keine Gerade, sondern eine mit heftigen Auf-und-Abs, nervösen Ausschlägen – eine Kurve wie ein literarisches Kardiogramm, das die elementaren Herzströme des 1927 in Wasserburg am Bodensee geborenen Gastwirtssohnes aufzeichnet.

Regionale Seelenlandschaft

Betrachtet man diese Kurve, so zeigt sich, dass die Frequenz etwas ruhiger geworden ist, wie könnte es anders sein. Die großen Amplituden der Romane sind kleineren Formen gewichen. „Postkarten aus dem Schlaf“ ist jenes „Traumbuch“ untertitelt, die jüngste Sendung vom Bodensee. Und wie es sich für Postkarten gehört, hat die Künstlerin Cornelia Schleime visionär verfremdete Ansichten und Motive der regionalen Seelenlandschaft den Protokollen nächtlicher Bewusstseinsausfahrten gegenübergestellt.

Diese führen auf den Schleichwegen des Schlafs hinter die Schauseiten von Walsers Welt, als würde man ein Bühnenbild von der anderen Seite aus betrachten. Die Personen sind bekannt, aber so hat man sie noch nicht gesehen. Auf einem von dem „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein gelenkten Motorrad rast der Träumer nachts entlang eines stürmischen Bodensees. Mit dem Philosophen Jürgen Habermas fliegt er durch die Lüfte, emporgeschnellt von der Explosion eines Hauses in Wasserburg.

Sexuelle Angebote

Und mit Joachim Kaiser, der eine mit rotbrauner Schrift gemusterte Baumwollturnunterhose trägt, geht er für kleine Jungs, wobei der Großkritiker nach Walsers Geschlechtsteil greift: „Ich bin zwar nicht in einer der seinen vergleichbaren Stimmung, aber ich fürchte, er wird es mir übel nehmen, wenn ich seine sexuellen Angebote oder Wünsche zurückweise.“

Walser und die Literaturkritik ist die Geschichte einer konfliktreichen Beziehung. Und natürlich spukt auch der Widersacher Reich-Ranicki durch die Nachtgedanken: In einem TV-Quiz besiegt er Walsers Tochter Franziska in einem furiosen Finale, vor Übermut reißt er noch ein paar Sesselteile weg und schleudert sie in die Luft.

Intimste Betriebsunfälle

Viele der Traumgesichte machen sexuelle Angebote, „wie rohes Fleisch sind die Träume“, heißt es einmal. Ungeschützt gibt Walser sie preis. Und die präzise Beschreibung intimster Betriebsunfälle erotischer, genitaler oder urologischer Natur steht in verblüffendem Gegensatz zu der seit Freud verbreiteten Lesart, Träume würden das Anstößige einkleiden, um es über die Schranken zwischen Bewusstem und Unbewusstem zu schleusen. Hier ist alles nackt. Walsers Erlebnisse kennen kein Dahinter. „Meine Träume müssen nicht gedeutet oder gar nach billigsten Schlüsseln übersetzt werden, sie sind mir lieb und wert, so wie sie vorkommen.“

Von den ersten Arbeiten Martin Walsers an spielen Träume eine wichtige Rolle. Viele seiner Romane beginnen mit einem Erwachen, in dem noch das Gespinst der Nacht hängt. Und die Bilder, in denen sich in seinem vielleicht bekanntestem Werk, der Ehenovelle „Ein fliehendes Pferd“, der seelische Konflikt seines Protagonisten spiegelt, könnten auch aus dem vorerst letzten Buch stammen: „Er sah sich auf einem Felsen liegen, der von oben her heftig von Wasser überflutet wird. Er kann sich fast nirgends mehr festhalten. Aber der Wasserschwall lässt einfach nicht nach.“

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Auch im Traumbuch erlebt man Abstürze aller Art, Schleusen öffnen sich, und im peinlichsten Moment tritt eine junge Frau hinzu. Die Zusammenfügungskraft von Träumen sei das Wildeste, was es gibt, hat Walser einmal im Gespräch gesagt. In einem Fiebertraum wird von Bert Brecht berichtet, er habe die Länge der Geschlechtsteile von Erhängten gemessen, besorgt wegen der Länge seines eigenen. Das bedarf keiner Deutung. Es ist, was es ist: „Den Träumen kann man mehr trauen, mehr als allem sonst.“

Wie bei Novalis führen alle Wege nach Hause, nach Wasserburg. „Je länger ein Datum sich hält im Gedächtnis, desto mächtiger wird es im Traum. Darum liefert die Kindheitszeit den Träumen die meiste Nahrung.“ In unheimlichen Szenen blicken manche dieser Schlafveduten hinüber in die andere Richtung, ins Bruderreich des Todes. Und doch hat man beim Blättern durch dieses Buch paradoxerweise den Eindruck, als sei man an der vitalsten Schicht dieses Schreibens angelangt. Als spüre man hier den Puls so deutlich wie selten, der den Urstoff aller Literatur in den Organismus dieses Lebenswerks pumpt.   

Martin Walser: Das Traumbuch. Postkarten aus dem Schlaf. Illustrationen von Cornelia Schleime. Rowohlt. 144 Seiten, 24 Euro.

Info

Person
Geboren am 24. März 1927 in Wasserburg, schrieb Martin Walser bereits als Zwölfjähriger Gedichte. Nach dem Krieg studierte er in Regensburg und Tübingen und promovierte über Kafka promoviert. Er lebt am Bodensee, mit seiner Ehefrau Käthe hat er vier Töchter: die Schauspielerin Franziska und die Schriftstellerinnen Johanna, Theresia und Alissa Walser.

Werk
1955 veröffentlichte Walser seinen ersten Erzählband. Im selben Jahr erhielt er den Preis der „Gruppe 47“, 1957 den Hermann-Hesse-Preis, 1981 den Büchner-Preis. Zu Walsers bekanntesten Werken zählen „Ein fliehendes Pferd“ (1978), „Seelenarbeit“ (1979), „Ein springender Brunnen“ (1998) und „Angstblüte“ (2006).

Künstlerin
Cornelia Schleime, geb. 1953 in Berlin, lebt ebenda und im Ruppiner Land. Seit 1984 hatte sie über einhundert Einzelausstellungen im In- und Ausland. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Preise.

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