Es hat etwas von einem Blick durchs Schlüsselloch der frühen 80er-Jahre, wenn Martin Walser aus seinen Tagebüchern 1979 bis 1981 liest. Dem Waiblinger Publikum hat die Lesung jedenfalls sichtlich Freude gemacht.
Waiblingen - In den 50er-Jahren muss die Waiblinger Nachbargemeinde nicht besonders attraktiv gewesen sein. „Ich habe drei Monate in Korb zugebracht“, verrät Martin Walser seinem Publikum am Dienstagabend in der Waiblinger Kreissparkasse. Jedoch waren seine Eindrücke von dem Flecken derart, dass er nicht scharf auf ein Wiedersehen gewesen sei. „Ich wollte nicht nach Korb gefahren werden“, sagt er unter dem Gelächter der Anwesenden, doch habe das Taxi zielsicher den Weg dorthin eingeschlagen. Aber siehe da: „Korb, das war einmal. Heute leben die Korber scheinbar lieber in Korb“, so der Eindruck des Schriftstellers, der sein Publikum mit der Schnurre vom ersten Augenblick an glänzend unterhält. „Jetzt ist aber Schluss“, befindet er schließlich. Der Ernst des Abends beginnt.
Eine Änderung des Programms vom Guten zum Besseren
Zuerst erklärt der 87-Jährige, wieso das Programm geändert worden ist. Statt aus dem Roman „Inszenierungen“ zu lesen, wie es die Baden-Württembergischen Literaturtage vorsahen, hat er seine Tagebücher von 1979 bis 1981 dabei. „Es ist üblich, immer aus den neuesten Büchern zu lesen und das ist nun mal dieses“, sagt Walser. Zwar habe er sich zuerst in sein Schicksal gefügt und sich wieder in die „Inszenierung“ eingelesen. Aber dann habe man in Waiblingen doch seinem Wunsch entsprochen, was sich für das Publikum – darunter Alt-Landrat Horst Lässing – als eine Änderung vom Guten zum Besseren entpuppt.
Denn Walser macht nun in der Vergangenheit weiter, wo er kurz zuvor in der Gegenwart mit seinen Erinnerungen an Korb aufgehört hat. Seinen Alltag hat der scharfe Beobachter in einer Erzählweise festgehalten, die seine Zuhörer immer wieder zum Lachen bringt. Dabei tauchen Personen auf, die zur intellektuellen und politischen Elite des Landes zählten, die aber in trauter Runde fähig waren, wie Hinz und Kunz über Banalitäten zu streiten.
Von Pfeifenrauchern und anderen Intellektuellen
So kommt es bei einem Abendessen bei Helmut und Loki Schmidt zu einem Disput zwischen dem Bundeskanzler und den Schriftstellern Uwe Johnson und Wolfgang Hildesheimer, wie viele Pfeifen der damalige SPD-Bundestagsfraktionsvorsitzende Herbert Wehner wohl am Tag rauche. Als Schmidt sich zu der Schätzung „18 bis 20“ verleiten lässt, weiß es Johnson sofort besser: Das sei viel zu viel. Ein guter Pfeifenraucher brauche mindestens eine Stunde pro Stück. Selbst Schmidts Einwand, er sehe Wehner sowohl morgens um neun Pfeife rauchen als auch nachts um eins, lässt Johnson nicht gelten. Die absurde Diskussion endet schließlich mit einem fatalistischen „Mein Gott!“
Walser beobachtet seine Umgebung mit der unbestechlichen Genauigkeit eines Insektenforschers und beschreibt sie bis ins Detail. So trifft man auf dem 50. Geburtstag des Philosophen Jürgen Habermas den greisen Herbert Marcuse, „die Hände bunt gescheckt wie ein Tarnanzug“.
Die Krawatte des Bundespräsidenten
Vertraute Namen aus Zeiten der Bonner Republik tauchen auf; die Villa Hammerschmidt beispielsweise, damals Sitz der Bundespräsidenten. Wieder geht es um eine hochkarätige Einladung, diesmal bei Karl Carstens. Anwesend sind Walser, Heinrich Böll – „sieht aus wie misshandelt“ – , Marcel Reich-Ranicki nebst Ehefrauen. Steif geht es zu, sehr steif, wozu vor allem der Gastgeber beiträgt. Reich-Ranicki versucht schließlich den Bann zu brechen und macht dem Bundespräsidenten ein Kompliment über dessen elegante Krawatte. Diese habe er bereits vor zehn Jahren gekauft, lässt Carstens den Versuch platzen.
Dem gegenüber darf sich Walser sicher sein, das Waiblinger Publikum glänzend zu unterhalten. Bei einem Kritiker, der ihn 1979 überschwänglich lobte, war er es nicht: „Er wollte das Buch gut finden.“