Glaube, Liebe, Hoffnung: Martin Walser bedient sich der Gattung des Briefromans und schlägt „Das dreizehnte Kapitel“ auf. Eine Buchkritik von Julia Schröder.
Stuttgart - Wie ungemein praktisch, dass der Amtssitz des Bundespräsidenten Bellevue heißt! Selbst Martin Walser hätte sich so etwas wohl nicht ausdenken können. Bellevue, die schöne Aussicht – das ist es, was sich in Walsers neuem Roman „Das dreizehnte Kapitel“ seinem Helden darbietet; schicksalhaft darbietet, kann man sagen mit Blick auf das, was folgt. Der bekannte Autor Basil Schlupp sieht bei einem Empfang des Staatsoberhaupts die Theologieprofessorin Maja Schneilin und verfällt ihrem Anblick sofort: „Ihr sah keine Frau gleich. Sie sah keiner Frau gleich. Ihr Gesicht war also einzigartig.“ Er sieht sie, sie ihn vielleicht auch, mit ihr zu sprechen hat er keine Gelegenheit. Stattdessen schreibt er ihr einen Brief – den ersten einer ganzen Reihe, die zur Kette wird, denn, was nicht unbedingt zu erwarten war, sie antwortet ihm.
Ein Briefwechsel, zu allem Überfluss irgendwann Mailverkehr – mit so etwas fabriziert man heutzutage bestsellertaugliche romantische Komödien um zwei, die einander suchen, immer wieder verpassen und schließlich doch in die Arme schließen können. Der Briefroman allerdings erlebte nicht grundlos seine letzte Blüte im philosophischen Zeitalter zwischen Aufklärung und Frühromantik. Walser bequemt sich der historischen Gattung an, weil sie die Form ist, in der Empfindungen ergründet und zugleich Haltungen und Einsichten, wenn man so will, Fragen der Moral diskutiert werden können. So auch im „Dreizehnten Kapitel“. Liebe und Verrat werden verhandelt, eheliche und Freundestreue, Versagen und Vertrauen und immer wieder die Wahrheit, von den paritätisch gebildeten Korrespondenzpartnern angerufen mit dem alten Namen Aletheia, das ist: „Unverborgenheit“. Und das heißt die Sehnsucht danach, sich einem anderen ganz, in aller Schwäche, zeigen zu können.
Liebesbriefe im Altpapiercontainer
In diesem Hin und Her zwischen zwei jeweils seit Langem und offenkundig glücklich Verheirateten wird nämlich auch von Überredung, von Verführung mit Wörtern erzählt, von Widerstand und Ergebung. Der sprachlistenreiche Basil berennt die leuchtende Festung Maja mit allem, was ihm zu Gebote steht. So breitet er gleich im ersten Brief das Bekenntnis aus, wie er, der Vielgeliebte, die in Kisten und Kästen gesammelten „nicht bestellten Gefühlsangebote“ seiner Leserinnen, kaum dass Maja in sein Leben getreten ist, nun – fast – dem Altpapiercontainer anvertraut. Er nimmt Anteil an ihrem Eheleben mit dem überaus erfolgreichen Molekularbiologen Korbinian, gibt Details seiner eigenen Geschichte mit der Ehefrau Iris preis, landet mit Maja schließlich da, wo ihrer beider Metiers, die Dichtung und die Religion, sich begegnen, auf dem Feld der Sprache: „Wann haben denn unsere Vorfahren das auseinandertreiben lassen, das himmlische und das irdische Buchstabieren ihrer Lage?“
Unübersehbar ist dieser Austausch ein Selbstgespräch des Verfassers mit verteilten Rollen, obgleich der katholische Schriftsteller Basil auf den ersten Blick mehr mit seinem Erfinder gemein hat als die protestantische, also auf Gewissenserforschung und Anstrengung des Begriffs spezialisierte Theologin Maja. Die wiederum folgt einem Propheten, aus dessen Lektüre Martin Walser einigen Honig gesaugt hat, wie sein im Frühjahr erschienener Essay „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ zeigte: Das ist Karl Barth, der evangelische Kirchenvater des zwanzigsten Jahrhunderts.