Martin Walsers neues Buch: „Statt etwas oder Der letzte Rank“ Sprache, sonst nichts

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Noch ein Essay, eine Erzählung vielleicht, ein Gesang gar – oder doch ein radikaler Roman? Es darf gerätselt werden über „Statt etwas oder Der letzte Rank“, das neue Buch des bald 90-jährigen Autors Martin Walser.

Martin Walser liest am 23. Januar von 20 Uhr an im Stuttgarter Kammertheater. Foto: dpa
Martin Walser liest am 23. Januar von 20 Uhr an im Stuttgarter Kammertheater. Foto: dpa

Stuttgart - Nicht die Liebe ist das Größte, nicht Freund und Feind und Herr und Knecht sind es, auch nicht die Frauen, das Geld, das Alter, der Schmerz – obwohl Martin Walser in seinen Büchern für all dies große Partien komponiert hat. Die Hauptrolle aber ist einem anderen vorbehalten: dem Satz. Kaum ein Kapitel seiner Prosa ohne den Auftritt „des Satzes“ oder „der Sätze“. In den Himmel hebende, vernichtende Sätze, Sätze, die alles schöner sagen, als es ist, Sätze, die demjenigen, der sie schreibt oder liest, ganz entsprechen. Oder Sätze, die einem vom anderen zugemutet werden. „Mir geht es ein bisschen zu gut“ ist, wie sich herausstellt, so eine Satz-Zumutung. Damit beginnt das Buch, das Martin Walser den Lesern im Jahr seines neunzigsten ­Geburtstags beschert. Es trägt den Titel „Statt etwas oder Der letzte Rank“. Das darf man ernst nehmen, denn es geht buchstäblich um die letzten Dinge, bei denen der­jenige, der da schreibt, angelangt ist: „Zu träumen genügt. / Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt. / Ich hoffe mehr, als ich will. / Der liebe Gott ist ein Masseur mit Händen aus Musik.“

In Ermangelung geeigneter Begriffe bezeichnet der Klappentext des Rowohlt Verlags das Buch als „das fulminante Porträt“ eines, „der auf sein Leben zurückblickt und begreift“. Das äußere Leben, das, was hier „die Draußen-Welt“ heißt, kommt allenfalls in Spuren vor, in einzelnen Szenen, ­Erinnerungen an Figuren mit wechselnden Namen, Begegnungen mit einem „Feind“, mit „Freunden“, mit „Gegnern“, mit Frauen natürlich. Zu erzählter Handlung im landläufigen Sinn wird all dies nicht. Der Schreibende starrt auf eine „leere, musterlose Wand” und macht in 52 teils nur wenige Sätze oder Zeilen umfassenden Kapiteln „aus Erfahrungen Gedanken“ – was im ­Ergebnis eher an die Tagebuch-Notate und die „Meßmer“-Reflexionen gemahnt als an irgendetwas anderes. Dennoch nennt der Autor das Buch „Roman“. Das kann man ­erklären.

Alle Figuren Walsers werden zu Sprechern Walser’scher Sätze.

Mit der Frage, was eigentlich einen ­Ro- man ausmacht, hat Martin Walser sich schon in seiner 1951 fertiggestellten Kafka-Dissertation beschäftigt, lange bevor er seinen ersten eigenen Roman „Ehen in Philippsburg“ vorlegte. Keinen geringeren als George Lukács, den marxistischen Godfather of Romantheorie, rief der junge Doktorand damals auf – um ihn in die Schranken zu weisen; um nachzuweisen, inwiefern Kafkas „Schloss“ und „Prozess“, so „solipsistisch“, so wenig handlungsgetrieben, ­beschrei- bungsgetreu und welthaltig sie sind, eben doch „Totalität“ haben: nicht mehr die der Gesellschaft oder der äußeren Ordnung der Dinge, sondern die der rein geschaffenen, autonomen Form, in der „Innerlichkeit­ und Abenteuer“ mitnichten auseinanderfallen, sondern sich entsprechen. Denn Kafka „vermag seine Grenzen zu den Grenzen seiner Welt zu verwandeln“. Der Sinn der Sache: dass „der Mensch seine Situation ­erkennt und sie als Dichter aussagt“.

Mag sein, diese Kafka-Deutung, heute gelesen, wirkt allzu sehr der Existenzialphilosophie ihrer Zeit verpflichtet. Aber die Konsequenzen aus den formgeschichtlichen Erkenntnissen seiner Doktorarbeit hat Martin Walser spätestens in den Romanen der Anselm-Kristlein-Trilogie gezogen. Alle seine Figuren sind Ausdrucksmittel seiner Subjektivität, vom Chauffeur Xaver Zürn über die liebenden Ehefrauen Susi Gern und Maja Schneilin bis zum Bankier Karl von Kahn, zum alten Goethe und zum „sterbenden Mann“ Theo Schadt sprechen sie mit seiner Stimme, und zwar deutlich. Und zwar je gelungener der Roman, desto deutlicher. Das ist Martin Walsers poetisches Verfahren: Indem er sich seinen Figuren anverwandelt, sich in Ihre Sprachen hineinhört, bis er darinnen ist, werden sie alle zu Sprechern Walser’scher Sätze.

Wer Walser ­allein wegen der Handlung läse, ließe sich das Beste entgehen.

Deshalb brechen Walsers Romane eigentlich allesamt den Spannungsbogen des Erwartbaren, bewegen sich stattdessen in Kreisen oder eher Spiralen, hin zu Un-tergängen, die sich auf anderer Ebene als Erhellungen, Erleuchtungen oder Erlösungen darstellen. Und wer sie ­allein wegen der Handlung läse, so pikant, provokant oder herz­zerreißend sie sein mag, ließe sich das Beste entgehen: seine ­Sätze. „Statt etwas oder Der letzte Rank“ besteht ausschließlich aus Sätzen, „die man nicht ­beweisen muss“, die mit der „Draußen-Sprache“, mit Zuschreibungen und ­Bezeichnungs-Routine, mit den „Verführungsfeuerwerken der Theorien“ nichts (mehr) und zuallerletzt mit „Meinung“ zu tun haben wollen.

Das sieht aus wie Rückzug, aber es ­ermöglicht auch das Zur-Sprache-Bringen der Unabgeschlossenheit von Erfahrungen – was zu durchaus überraschenden Gedanken führt: „Ich musste hoffen, die Feinde würden nicht aufhören, sich mit mir zu ­beschäftigen. Solang ihnen noch etwas einfiel gegen mich, erlebten sie sich und erlebte die Welt mich. Die Feinde und ich – wir ­waren ein Team. Zur Unterhaltung der Welt. Wehe, wenn dieses Team verstummte! Es fielen ihnen über mich ­immer wieder Sätze ein, die dem Schweigen vorzuziehen waren.“ Die tragikomische Dialektik ist eine Konstante des Walser’schen Blicks ad se ­ipsum. Selten, vielleicht nie, hat er sie so rückhaltlos vorgeführt, in so unendliche Bewegung versetzt. Der Schreibende gibt sich nicht damit zufrieden, dass ihm gegeben ist, zu sagen, was er leidet – obwohl er just dies tut: Das cartesianische „Ich denke, also bin ich“ heißt hier mal „ich huste, also bin ich“, mal „ich leide, also bin ich“, mal „ich bin unmöglich, also bin ich“.

Walser erweitert seine Grenzen und damit die Grenzen seiner Welt.

Zugleich unternimmt er immer neue Anläufe, das scheinbar Unhintergehbare – die Demütigung durch einen Mächtigeren, die ­Unmöglichkeit der Liebe – von anderer Warte aus zu betrachten: „Dass ich die um ihr Leben Kämpfenden eingeteilt habe in Freunde, Gegner und Feinde, war krankhaft ichbezogen. Ich hätte doch andauernd sehen müssen, dass jeder, der sich mit mir beschäftigte, in mir nur eine Gelegenheit sah, sich selber so zur Geltung zu bringen, dass er seinem ­Lebensziel, der zu sein, der er sein wollte, ein Schrittchen näher kam. Es ging nie um mich. (...) Ich entschuldige mich! Und das, dass ich dann ­sagen kann: Ich entschuldige mich, also bin ich.“ In diesem „letzten Rank“ (womit laut Grimm’schem Wörterbuch ebenso eine Wendung des Wegs gemeint sein kann wie die Ausweichbewegung eines Verfolgten) erweitert Martin Walser seine Grenzen und damit die Grenzen seiner Welt.

Bei George Lukács ist zu lernen, dass, was den Roman ausmacht, von der historischen Situation abhängt. Was das denkende Subjekt ausmacht, hängt nicht zuletzt von der biografischen, wenn man so will: existenziellen Situation ab. In diesem ­Roman ist es die des sehr hohen Alters, eine Lage, in der die Perspektive des Verstummens, des Schweigens täglich konkretere Form annimmt.

Mit diesem Buch sagt Martin Walser es noch einmal sehr vernehmlich: Ich schreibe, also bin ich.