Haarpflege nach jeder Vorstellung von „Die Welt im Rücken“: Sarah Schröder und ihre Kolleginnen und Kollegen bringen in der Schauspiel-Maske ramponierte Perücken wieder in Form. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
40 Stunden Handarbeit und viel Pflege: Maskenbildnerin Sarah Schröder erklärt, wie sieben Perücken in Lucia Bihlers Inszenierung „Die Welt im Rücken“ für Effekte sorgen.
Die Kontrollverluste, die der Autor Thomas Melle in „Die Welt im Rücken“ schildert, sind verstörend. Lucia Bihler hat diese Chronik einer bipolaren Störung fürs Stuttgarter Schauspiel dramatisiert. „Melle sitzt nicht mehr allein am Steuer“, beschreibt die Regisseurin das Leben eines Manisch-Depressiven; in ihrer Stuttgarter Inszenierung flankieren folglich sechs Melle-Doppelgänger die Hauptfigur.
Siebenmal die gleichen roten Kostüme, die gleiche Frisur. Vor allem die blonden Perücken lassen diese Melles verblüffend ähnlich aussehen. Geknüpft wurden die Kurzhaar-Schöpfe von den Maskenbildnerinnen des Schauspielhauses. Zwei der blonden Perücken stehen auf Kunstköpfen bereit, als Sarah Schröder uns Einblick in ihre Arbeit gibt. Was auffällt: Schütterer und dunkler wirkt die Haarpracht jenseits des Rampenlichts.
Eine Vorstellung, die auch an den Frisuren Spuren hinterlässt
„Nach der Vorstellung sind die Perücken ziemlich ramponiert“, sagt die Maskenbildnerin und zählt die Gründe dafür auf: Der Schnitt der Kostüme, Action und Schweiß sorgen dafür, dass die Haare vor allem am Hinterkopf verfilzen, Makeup und Lippenstift hinterlassen Spuren. So wird die Frisur zum Spiegel der Seele, ist aber leichter zu reparieren. „Wir waschen die Haare nach Bedarf und frisieren sie wieder in Form“, sagt Sarah Schröder. Auf Kopf-Abgüssen, die es von allen Schauspielern gibt, warten die Perücken auf ihren nächsten Einsatz.
Auf diesen Modellköpfen werden die Perücken auch individuell gefertigt. Rund 40 Stunden knüpft Sarah Schröder oder jemand anderes aus dem 17-köpfigen Maskenbildner-Team des Schauspiels an einem Exemplar. Sieben Schöpfe, die identisch aussehen sollen, sind selbst für diese Profis eine Herausforderung. „Für eine Person wäre das nicht leistbar gewesen“, sagt Sarah Schröder. Die insgesamt nötigen Haare, rund 100 Gramm pro Perücke, wurden vorher gemischt, um über alle Köpfe hinweg ein einheitliches, strähniges Farbbild zu erzielen.
Letzter Check für zwei der sieben Perücken: Maskenbildnerin Sarah Schröder schaut auf jedes Haar. Foto: lg/Leif Piechowski
Haar für Haar wird in ein Tüllgeflecht eingeknotet. Wie Teppichknüpfen, nur feiner, so beschreibt die Maskenbildnerin den Prozess. Zudem müsse man darauf achten, die Haare in ihrer Wuchsrichtung zu befestigen. „Eine falsche Ausrichtung der Schuppenschicht macht Kämmen unmöglich“, weiß die junge Frau, die in der zweiten Spielzeit in Stuttgart arbeitet. Zuvor war sie in Erfurt an der Oper tätig. „Für die Oper wird gröber gearbeitet, weil man für die Chöre oft große Mengen an Perücken knüpfen muss. Am Schauspiel ist mehr Natürlichkeit gefragt“, sagt die 30-Jährige und öffnet Schubladen, in denen Haar-Vorräte in allen Farben lagern. Auch Kunsthaar und grau eingefärbtes Büffelhaar ist darunter. „Das verwenden wir für Rokoko-Frisuren, weil es sehr gut die Form hält“, sagt Sarah Schröder.
Blondes Haar ist doppelt so teuer
Für die Melle-Schöpfe wurde Menschenhaar verwendet, am Ansatz ist es dunkler eingefärbt; täuschend echt sieht das auf der Bühne aus. Der schöne Schein hat seinen Preis. Sarah Lechner, die stellvertretende Chefmaskenbildnerin des Schauspiels, zückt für uns die Preisliste. Für 100 Gramm braunes Haar von 45 Zentimeter Länge sind 270 Euro fällig, blondes kostet fast doppelt so viel, und Haare aus Europa sind nochmals teurer als asiatische. „In Indien ist es Brauch, lange Zöpfe in Tempeln zu spenden, die diese weiterverwerten“, sagt Sarah Schröder. Viel Handarbeit und Chemie fließen in die Haare, bis sie im Theater ankommen.
In Stuttgart hängen die kostbaren Perücken, sind sie mal länger nicht im Einsatz, aufgereiht in einem Apothekerschrank. Auch Backen-, Schnurr- und Vollbärte warten in großen Mengen auf den nächsten Auftritt. Werden Stücke aus dem Repertoire genommen, bekommen umgearbeitete Perücken in neuen Inszenierungen unter Umständen ein zweites Leben. „Wir wissen, welchem Schauspieler die Perücke eines Kollegen passen könnte“, sagt Sarah Schröder. Zum Recycling gehört auch, dass ausgekämmte Haare in einem „Pfusch“ gesammelt werden, wie Sarah Schröder den Packen nennt, der irgendwann zum Unterfüttern von Turmfrisuren dient.
In einem Schrank warten Perücken auf den nächsten Einsatz. Foto: lg/Leif Piechowski
Jeweils drei Kollegen sorgen am Abend dafür, dass vor den Vorstellungen neben Makeup auch die Perücken sitzen und die Haare der Darsteller dafür eng an die Köpfe gesteckt werden. „Das Schneckeln ist die Basis dafür, um die Perücken mit Haarnadeln zu befestigen“, sagt Sarah Schröder. Beim Umkleiden hinter der Bühne achtet sie darauf, dass Makeup und Frisuren nicht verrutschen.
Auch zwei riesige Fäuste hat Sarah Schröder angefertigt
Wer der Maskenbildnerin durch ihr Reich folgt, braucht gute Nerven. Auf einem Schrank hinter einer Tür ruhen abgetrennte Köpfe und ein ausgerissenes Bein; wie frisch verunfallt wirken die Körperteile, für deren Anfertigung ebenfalls die Maske zuständig ist. Wenig blutrünstig, aber ebenso effektiv sind die beiden überdimensionierten Fäuste, die Sarah Schröder für die Melle-Kunstfigur angefertigt hat und in denen Höhen und Abgründe Form annehmen. „Es ist schön, dass ich in meinem Beruf jeden Tag neue Dinge ausprobieren darf, hier lernt man nie aus“, sagt Sarah Schröder.
Viele Wege führen in die Maske
Termin „Die Welt im Rücken“ ist die nächsten Male am 2. und 8. Februar sowie am 7. März und am 19. April im Schauspielhaus zu sehen.
Karriere Sarah Schröder, die vom Bodensee stammt, hat die dreijährige Ausbildung zur Maskenbildnerin nach einem Praktikum am Theater Nordhausen absolviert. Eine Friseurlehre, wie sie früher für angehende Maskenbildner Pflicht war, musste sie nicht vorweisen. Es gibt auch die Möglichkeit, über ein Studium an der Kunsthochschule in Dresden und an der Theaterakademie in München oder über Ausbildungen an Privatschulen in den Beruf einzusteigen.