Massaker in Australien Drei Tonnen Blumen werden zu Kunst
Nachdem Terroristen das Hanukkah-Fest am Bondi Beach überfallen und 15 Menschen getötet hatten, schickte die Welt Blumen. Jetzt verwandeln zwei Frauen die Sträuße in ein Kunstwerk.
Nachdem Terroristen das Hanukkah-Fest am Bondi Beach überfallen und 15 Menschen getötet hatten, schickte die Welt Blumen. Jetzt verwandeln zwei Frauen die Sträuße in ein Kunstwerk.
Heiligabend in einem Lagerhaus in Sydney. Hitze und der Geruch welker Blumen hängen in der Luft. Freiwillige in dicken Handschuhen arbeiten sich durch Berge von Rosen, die Unterarme gelb von Pollen, die Gesichter hinter Masken verborgen. Drei Tonnen Blumen – Sonnenblumen, Lilien, Gerbera, Nelken und Rosen – hängen kopfüber an Maschendrahtzäunen.
Zehn Tage zuvor, am Abend des 14. Dezember 2025, hatten zwei bewaffnete Männer auf tausend Feiernde am Bondi Beach geschossen. 15 Menschen starben, darunter ein zehnjähriges Mädchen, ein Holocaust-Überlebender, ein Rabbiner. Einer der Täter wurde von der Polizei erschossen. Es war das schwerste Massaker Australiens seit fast 30 Jahren – gezielt auf die jüdische Gemeinde gerichtet, die das Hanukkah-Fest feierte.
Zunächst: Schockstarre. Doch in den Tagen danach kamen Menschen mit Blumen – immer mehr, bis der Pavillon von Bondi Beach in Farben versank. Zwischen den Sträußen fanden sich handgeschriebene Karten, Stofftiere, bemalte Steine, Kerzen, Legoblumen, gehäkelte Blüten. Das Mahnmal wuchs zu einer Landschaft – ein kollektiver Ausdruck von Trauer und Solidarität.
Shannon Biedermann, Kuratorin am Jüdischen Museum Sydney, kam wenige Tage nach dem Anschlag mit ihren Kindern dorthin. „Ich war überwältigt vom Ausmaß des Ganzen“, erinnert sie sich. „So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich empfand es als etwas sehr Erhebendes.“
Zur gleichen Zeit schrieb die in Melbourne lebende Künstlerin Nina Sanadze, die zum Zeitpunkt des Anschlags außer Landes war, eine Mail an das Jüdische Museum. Sie hatte eine Ausstellung über Antisemitismus geplant – mit Steinen, wie es in der jüdischen Tradition üblich ist. Dann geschah Bondi. Sie schrieb: „Vergesst, was wir besprochen haben. Können wir die Blumen retten? Ich möchte mit den Blumen arbeiten.“
Das Mahnmal sollte am Montagmorgen um fünf Uhr abgebaut werden. Biedermann blieben nur noch wenige Tage – das Wochenende vor Weihnachten –, um alles zu organisieren und zu retten, was zu retten war. Das Museum selbst war wegen eines Umbaus geschlossen. Sie musste einen Ort finden, der bereit war, drei Tonnen vergängliches Material aufzunehmen. Jüdische Gemeindemitglieder waren freitags und samstags, dem Schabbat, kaum erreichbar. Viele Unternehmen schlossen bereits für die Feiertage. „Ich wusste erst Sonntagabend um halb zehn, dass das Lagerhaus verfügbar ist“, berichtet sie.
An Heiligabend kamen 35 Menschen zusammen, um die Blumen kopfüber aufzuhängen – der Beginn eines langen Trocknungsprozesses. „Meine Hände waren schmutzig, meine Unterarme bedeckt von Pollen“, erinnert sich Biedermann. „Ich begann, die Karten zu lesen, und musste aufhören. Es war einfach zu viel.“
Sanadze, die am Morgen nach ihrer Rückkehr nach Sydney gereist war, kam anders an, als sie es erwartet hatte – tiefer erschüttert, als sie sich selbst hatte eingestehen wollen. „Ich war gebrochen.“ In Melbourne führt sie eine Galerie für zum Schweigen gebrachte jüdische und andere Künstler. Nach dem Anschlag musste sie die Galerie aus Sicherheitsgründen vorübergehend schließen. All das, sagt sie, habe sie mit in das Lagerhaus getragen.
Gemeinsam mit rund 160 Freiwilligen begann sie, die Blumen zu sortieren, zu trocknen, zu pressen, zu zerpflücken. Rosen mussten von Hand zerlegt werden, Blätter einzeln gesammelt, Sonnenblumen im Ganzen getrocknet. Die Samen von Eukalyptuskapseln, dem Nationalbaum Australiens, wurden aufbewahrt. „Es hat mir enorm geholfen, die Trauer zu verarbeiten“, sagt Sanadze. „Zusammensitzen. Die Dinge Blatt für Blatt durchgehen.“ „Blatt für Blatt“ ist der Arbeitstitel für die Ausstellung.
Sanadze plant, die Blumen in unterschiedlichen künstlerischen Formaten zu verwenden: großformatige Arbeiten, Pigmente für Malereien, Indoor-Garten oder Collagen mit den Botschaften der Trauernden. Auch verwelkter Pflanzenabfall soll kompostiert und als Material für Möbel oder Bodenbeläge genutzt werden.
Eine großformatige Arbeit ist fertig: ausschließlich aus Rosenblättern, in der Form einer ewigen Flamme, farblich abgestuft. Weitere Arbeiten entstehen in ihrem Atelier in Melbourne. Wenn das Jüdische Museum Sydney nach dem Umbau 2027 wieder öffnet, sollen die Blumen dorthin zurückkehren.
Wie die Werke wirken werden, vermag Shannon Biedermann noch nicht zu sagen. „Die jüdische Gemeinschaft befindet sich noch immer in einem Prozess der Trauer und des Zorns“, sagt sie. Eines aber ist ihr klar: Hätten sie vor Weihnachten nicht gehandelt, wäre später nichts mehr zu retten gewesen.
Nina Sanadze kam gebrochen zu diesem Projekt. Die Heilung wird ein langer Prozess sein. Die getrockneten Blumen, sagt sie, seien von außerordentlicher Schönheit – selbst die verwelkten. „So zerbrechlich“, sagt sie. „Und jede trägt so viel Geschichte in sich.“