Massaker in Sant’Anna Eine Wunde, die nicht verheilt

Von Henning Klüver 

Vor siebzig Jahren richtete die SS im Dorf Sant’Anna di Stazzema ein Massaker an. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft weigerte sich jahrzehntelang, Justizverfahren gegen überlebende Verantwortliche einzuleiten.

Mit dieser Gedenkstätte erinnert der toskanische Ort Sant’Anna di Stazzema an die Schrecken des 12. August 1944. Foto: Paolo Lazzeroni
Mit dieser Gedenkstätte erinnert der toskanische Ort Sant’Anna di Stazzema an die Schrecken des 12. August 1944. Foto: Paolo Lazzeroni

Stuttgart - Das hatte keiner mehr erwartet. Im toskanischen Dorf Sant’Anna di Stazzema nicht, wo man sich an diesem 12. August an das schreckliche Blutbad erinnert, das deutsche Soldaten vor genau siebzig Jahren unter der Zivilbevölkerung angerichtet hatten, bei dem Hunderte von Frauen, Kindern und alten Menschen grausam ermordet wurden. In Stuttgart nicht, wo sich die zuständige Staatsanwaltschaft mit Rückendeckung durch die Politik jahrelang mit fadenscheinigen Begründungen geweigert hatte, Justizverfahren gegen noch lebende Verantwortliche der völkerrechtswidrigen „Strafaktion“ von Sant’Anna im Rahmen der Partisanenbekämpfung einzuleiten. Und in Hamburg nicht, weil die dortige Staatsanwaltschaft jetzt Ermittlungen aufnehmen muss, nachdem das Karlsruher Oberlandesgericht die Stuttgarter Archivierungsbeschlüsse zumindest in einem Fall revidiert und wegen des Wohnortes des Beschuldigen in die Hansestadt weiter geleitet hatte. In Hamburg könnte die Staatsanwaltschaft jetzt Anklage gegen einen heute 93-jährigen ehemaligen Kompaniechef erheben, der in Sant’Anna Befehlsgewalt hatte.

Doch die Karlsruher Entscheidung, dass die Einsatzplanung, „nicht auf die Partisanenbekämpfung beschränkt, sondern von vornherein auf die Vernichtung der Zivilbevölkerung von Sant’Anna di Stazzema gerichtet war“, kommt spät, vermutlich zu spät. Im Morgengrauen des 12. August vor siebzig Jahren erreichten vier Kompanien der 16. SS Panzergrenadierdivision „Reichsführer-SS“ zusammen mit Einheiten der Gebirgsjäger das Dorf Sant’Anna in den Apuanischen Alpen. Hier, in mehreren abgelegenen Siedlungen und Gehöften entlang eines Berghanges, hielten sich neben den rund 350 Einwohnern auch Flüchtlingsfamilien auf. Sie hatten Schutz vorm nahen Kriegsgeschehen gesucht.

Als die Einheiten der „Reichsführer-SS“ heranrückten, versteckten sich die Männer der Dorfbewohner und der Flüchtlinge in den Bergen. Sie fürchteten festgenommen und nach Deutschland in Arbeitslager verschleppt zu werden. Die zurückgeblieben Frauen, Kinder und Alten, so glaubten sie, würden die deutschen Militärs verschonen. Was sollte man ihnen schon vorwerfen? Doch italienische Denunzianten hatten Sant’Anna als ein „Partisanendorf“ beschrieben. Bei Überfällen von Widerstandskämpfern im Juli 1944 hatte es in der Toskana auch Verluste unter der Wehrmacht gegeben. Jetzt sollte ein Exempel statuiert werden. Als die Soldaten die ersten Häuser erreichten, erschossen sie ohne Vorwarnung die Zurückgeblieben oder trieben sie zum Kirchplatz. Sie töten das Vieh und setzten Häuser und Ställe in Brand. Nur wenige Menschen konnten fliehen.

Deutschland verweigerte die Auslieferung der Verurteilten

Vor der Kirche wurden mehrere Hundert Zusammengepferchte mit MG-Salven oder durch Handgranaten ermordet. Anschließend schüttete man Benzin auf die Körper der Frauen und Kinder und zündete sie an. Maurizio Verona, der Bürgermeister von Sant’Anna erinnert jetzt daran, dass die Überlebenden im Laufe der Jahre eine neue Existenz aufgebaut, geheiratet und Kinder bekommen haben, aber der 12. August sei eine Konstante in ihrem Leben geblieben, „eine Wunde, die nicht verheilt.“

Das Massaker, eines der schlimmsten Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht in Westeuropa, blieb nicht nur lange ungesühnt. Die Erinnerung daran wurde auch unterdrückt. Ermittlungen der italienischen Behörden wurden in einen Schrank gesperrt und im Keller der römischen Militärstaatsanwaltschaft Jahrzehnte lang „vorläufig“ archiviert. Es galt im Kalten Krieg als nicht opportun, gegen Bürger der Bundesrepublik Deutschland, die 1955 NATO-Mitglied geworden war, Anklage zu erheben. Erst Mitte der 1990er-Jahre wurde dieser „Schrank der Schande“ wieder geöffnet. 2005 verurteilte ein italienische Gericht zehn noch lebende Verantwortliche des Massakers zu lebenslangen Gefängnisstrafen. Allerdings verweigerte Deutschland die Auslieferung der Verurteilten ebenso wie die Ausführung der Urteile auf deutschem Boden. Im Gegenteil lehnte die von der zentralen Stelle zur Aufklärung von nationalsozialistischen Gewaltverbrechen (Ludwigsburg) beauftragte Staatsanwaltschaft Stuttgart mehrfach Ermittlungen gegen die in Italien verurteilten Deutschen ab, zuletzt 2013. Die Journalistin Christiane Kohl, die in Deutschland wie in Italien den Fall Sant’Anna öffentlich gemacht hatte, zeigte sich „zutiefst beschämt“ über die Weigerung der Stuttgarter Behörden, „sich ernsthaft mit der der Aufarbeitung deutscher Geschichte zu befassen“.