Massengrab im Nonnenkloster Die kleinen Opfer der Unbarmherzigen

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Schock in Irland: In der ausgedienten Klärgrube eines irischen Kinderheims sollen von 1921 bis 1965 fast 800 Säuglinge und Kinder verscharrt worden sein: Und zwar von Ordensschwestern, für die diese Kleinen „in Sünde geboren“ waren - und die am Leben zu halten man nicht viel unternahm.

Wie Nonnen in Heimen unverheiratete Mütter schikanierten, ist Thema des Films „Die unbarmherzigen Schwestern“. Foto: picture alliance
Wie Nonnen in Heimen unverheiratete Mütter schikanierten, ist Thema des Films „Die unbarmherzigen Schwestern“. Foto: picture alliance

Tuam - Mit neuen Kirchen-Gräueln, die offenbar jahrzehntelang verschleiert wurden, wird jetzt die Bevölkerung in Irland konfrontiert. In der ausgedienten Klärgrube eines Ordensheims für unverheiratete Mütter und ihre Kinder sind die Überreste von Babys und Kindern entdeckt worden, die dort angeblich zwischen 1925 und 1961 heimlich verscharrt wurden. Es soll sich um annähernd 800 Skelette handeln.

Die Säuglinge und Kinder im Alter bis zu neun Jahren sollen an den Folgen von Unterernährung und Vernachlässigung, von Masern, Tuberkulose und Lungenentzündung ums Leben gekommen sein. Sie befanden sich in der Obhut der Schwestern des Ordens Bon Secours in deren Kinderheim in Tuam in der westirischen Grafschaft Galway. Die Nonnen sollen die umgekommenen Kinder im Beton-Behältnis der früheren Klärgrube anonym verscharrt haben, statt ihnen in umliegenden Friedhöfen ein christliches Begräbnis zu geben.

Politiker fordern eine Untersuchung

Die Nachricht über das Massengrab in Tuam folgt einer ganzen Reihe von Enthüllungen über Kindesmissbrauch durch Priester und die Misshandlung von Kindern und wehrlosen jungen Frauen durch Ordens-Organisationen seit der Gründung des irischen Staates. Erneut sei hier „auf schockierende Weise an eine dunkle Vergangenheit in Irland gerührt“ worden, meinte dazu der irische Minister für Kinder, Charie Flanagan.

Politiker aller Parteien fordern nun eine „historische Untersuchung“ zu diesem und zu anderen Ordensstätten. Die Senatorin für Galway, Hildegard Naughton, sprach von einer massenhaften „Tötung“, die geahndet werden müsse. Colm Keaveney, ein Abgeordneter aus Tuam, warf die Frage auf, ob der Staat seine Aufsichtspflicht vernachlässigt habe. Kritik wurde an der Regierung, der Kirchenführung und irischen Medien gleichermaßen laut, weil sie trotz jüngster Hinweise auf das Massengrab allesamt eisern geschwiegen hatten, anstatt der Sache nachzugehen. Im Mai hatte die „Irish Mail on Sunday“ immerhin schon von der Affäre berichtet. Diesem Bericht zufolge ist die leichengefüllte Grube in Tuam der katholischen Kirche Irlands in der Tat seit langem kein Geheimnis gewesen.

In den siebziger Jahren wurde das Grab versiegelt

In den siebziger Jahren bereits sollen zwei zwölfjährige Jungen beim Spielen auf dem Gelände des inzwischen abgerissenen Kinderheims eine Steinplatte angehoben und das Massengrab entdeckt haben. Der Tank sei „bis obenhin voll mit Skeletten“ gewesen, erinnert sich heute einer der beiden. Ein Priester sei gekommen, habe das Grab gesegnet und es neu versiegeln lassen.

Wer von dem Grab wusste, hüllte sich in den folgenden Jahrzehnten in Schweigen. Erst als die örtliche Historikerin Catherine Corless auf einen mysteriösen „Kinderfriedhof“ in Tuam aufmerksam wurde und der Sache nachforschte, begann sich der Schleier zu lichten. Corless ging allen Einträgen in Galways Geburts- und Todesregister nach, bei denen als Ort des Todes „das Kinderheim in Tuam“ eingetragen war. Sie stieß auf 797 Namen – aber nur auf ein einziges Kind, das damals in einem normalen Grab beigesetzt worden war.

Die Kirche hielt die Kinder für in Sünde geboren

Die übrigen 796 müssten in der Grube liegen, der sich gleich neben dem Heim der Bon-Secours-Schwestern befand, folgerte die Historikerin Corless. Da es sich um „in Sünde geborene“ Kinder handelte, erwarteten deren Familien offenbar auch nicht, diese Kinder jemals wieder zu sehen. Der Regisseur Peter Mullan hatte sich 2002 im Film „Die unbarmherzigen Schwestern“ des Themas angenommen.

Manche der Jungen und Mädchen wurden, wie jüngst der Kinofilm „Philomena“ (mit Judi Dench in der Titelrolle) in Erinnerung rief, ohne Wissen ihrer Mütter von den Nonnen zur Adoption frei gegeben – oft in die USA. Sehr viele starben in den Heimen, wo sie schlecht ernährt wurden und auf engstem Raume und in größtem Schmutz und Elend lebten. Ein Bericht der Gesundheitsbehörden aus dem Jahr 1944 beschreibt das Heim in Tuam als Brutstätte tödlicher Krankheiten, überfüllt mit hunderten ausgezehrter Kinder.

Mehrere Filme befassen sich mit der dunklen Geschichte

Philomena Lee, deren Suche nach ihrem Sohn der vielprämierte Philomena-Film zum Thema hat, erklärte zu dem Fund in Tuam: „Vielleicht hat der Staat geglaubt, dass man diese Massengräber nie finden würde. Die scheinen es unter den Teppich kehren zu wollen, aber diese Geschichte muss an die weitere Öffentlichkeit.“

Mit Gedenktafeln und wortreichem Bedauern allein sei es nicht getan, meinen auch andere irische Regierungs- und Kirchen-Kritiker. Die Labour-Senatorin Lorraine Higgins sagte: „Es ist höchste Zeit, dass uns die kirchlichen Autoritäten sagen, wo all die anderen Leichen und Übeltaten vergraben liegen.“