Massenmord vor 100 Jahren „Mein Kopf fällt willensschwach vornüber“

Von Joachim Kalka 

Vor hundert Jahren beging der Degerlocher Hauptlehrer Ernst Wagner einen Massenmord. Erst tötete er seine Familie, dann wehrlose Bürger in Mühlhausen.

Ernst Wagner in der Haftanstalt Winnenden Foto: Zfp Klinikum Schloss Winnenden
Ernst Wagner in der Haftanstalt Winnenden Foto: Zfp Klinikum Schloss Winnenden

Stuttgart - Am 4. September 1913, in den frühen Morgenstunden, tötete der Degerlocher Hauptlehrer Ernst Wagner seine Familie (die Frau, die er zuerst mit einer Art Totschläger betäubte, und die vier Kinder) mit Messerstichen, um sich dann nach präzisen Vorbereitungen mit dem Rad aus dem seit wenigen Jahren eingemeindeten Vorort zum Bahnhof Stuttgart aufzumachen. Er musste jedoch auf der Weinsteige zu Fuß gehen, weil die mitgeführte Reisetasche mit drei Schusswaffen, mehr als fünfhundert Schuss Munition und einigen spitzen Eisenkloben (zum Erklettern einer Telefonstange) zu schwer war: So schob er das Fahrrad in die Stadt hinunter und fuhr mit dem Acht-Uhr-Zug nach Ludwigsburg.

Nach verschiedenen Wanderungen und weiteren Zugfahrten erreichte er Mühlhausen an der Enz, einen ehemaligen Dienstort, wo er abends zuerst seinem Plan gemäß versuchte, die Telefonverbindung in den nächsten Ort zu kappen, dann aber von diesem allzu mühseligen Vorhaben abließ, um methodisch an fünf Stellen des Dorfes Brände zu legen. Das Gesicht Wagners war mit einer Halbmaske verdeckt, im Gürtel trug er rechts und links je eine Mauser-Pistole. Er begann jetzt wahllos auf alle vor den Flammen fliehenden oder aufgescheucht hin und her rennenden Männer zu schießen, wobei er unabsichtlich auch einige kleine Mädchen und mehrere Frauen traf. Neun Menschen starben, elf weitere wurden schwer verwundet. Als er seine Waffen leer geschossen hatte, überwältigten ihn einige Männer aus dem Dorf. Er wurde übel zugerichtet und blieb bewusstlos liegen; man hielt ihn für tot.

Landjäger schützen ihn vor der Lynchjustiz

Die Polizei fand ihn und stellte fest, dass er noch bei Bewusstsein war; die Landjäger mussten ihn nun vor der Lynchjustiz der Menge schützen. Nach der Verhaftung folgte eine lange Reihe von Befragungen und Untersuchungen; der Prozess wurde schließlich – ein Novum in der Rechtsgeschichte Württembergs – wegen der offensichtlichen Unzurechnungsfähigkeit des wahnsinnigen Delinquenten eingestellt. Man wies Wagner 1914 in die Heilanstalt Winnenden ein. Dort verbrachte der 1874 geborene Mann, dessen Fotografien ihn als Phänotyp des unauffälligen wilhelminischen Spießers erscheinen lassen, seine ­Tage und Jahre bis zum Tode 1938 und verfasste unter anderem mehrere Theater­stücke. Die Krankenblätter der Anstalt ergeben mit den juristischen Ermittlungsprotokollen zusammen das detaillierte Bild eines zugleich banalen und bizarren Systems von Zwangsvorstellungen. Bereits 1919 hat Hermann Hesse in seiner Erzählung „Klein und Wagner“ direkten Bezug auf den unerhörten Fall genommen.

Es wird am Ende immer unbegreiflich bleiben, was einen Menschen veranlasst, in einer explosiven Orgie von Gewalt (dem, mit einem missverstandenen ethnologischen Begriff, „Amoklauf“) möglichst viele Menschen zu töten. Trotzdem scheint klar, dass allen derartigen Fällen eine tiefe narzisstische Kränkung zugrunde liegt. Wagner hatte nach der Ermordung seiner Familie (der er, wenn man so sagen darf, aus Mitleid das Weiterleben nach seiner Tat ersparen wollte) und vor dem Gewaltexzess in Mühlhausen eine Reihe von Briefen und Manuskriptpäckchen zur Post gebracht; die Postkarte, die er an seine Hauswirtin in Degerloch aufgegeben hatte, lautete: „Ich bitte um Verzeihung, obwohl ich weiß, dass es keinen Wert hat. Es war nicht anders zu machen.“ Diesem eindrucksvollen Lakonismus steht in den Manuskripten und den späteren Einlassungen ein delirantes Sichverströmen in endlosen Darlegungen gegenüber, die ein sehr seltsames Selbstporträt ergeben. Bei diesem ist der hervorstechende Zug die Scham; für sie wird Rache genommen.

Wagner fühlt sich „umstellt“

Die zentrale Fantasie, die den Rachefeldzug des Hauptlehrers Wagner gegen das Dorf Mühlhausen in Gang setzte, war dabei in dürren Worten die Vorstellung, man habe sich in diesem Ort über ihn lustig gemacht, weil er geschlechtlich mit Kühen verkehrt habe. „Ich glaubte oft bei den Menschen, wenn ich ihnen den Rücken kehrte, ein Deuten zu merken oder ein Lächeln oder Hohnlächeln im Gesicht.“ Wagner fühlte sich durch Gerede und Gegrinse „umstellt“ und „gehetzt“. Die Sodomie, der geschlechtliche Umgang mit Tieren, im Kaiserreich gemäß dem Paragrafen 175 – der den Geschlechtsverkehr zwischen Männern und mit Tieren in einem bizarren Unzucht-Parallelismus gemeinsam unter Strafe stellte – mit Gefängnis bedroht, war lange Zeit ein todeswürdiges Verbrechen. (Es zeigt die generöse Skepsis Friedrichs II. von Preußen, dass er das Todesurteil gegen einen Kavalleristen, der sich an seinem Pferd vergangen hatte, durch die Randnotiz „Das Schwein ist zur Infanterie zu versetzen“ kassierte.)

Das Tabu hallt lange nach. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts immer noch strafbar, war der Verkehr mit Tieren vor allem ein ehrenrühriges, Spott und Ekel auf sich ziehendes Delikt. Wagner hat später wiederholt bestätigt, dass er tatsächlich – nachts, betrunken, aus dem Wirtshaus kommend – es mit Kühen getrieben habe. Dieser Vorgang muss zum Kristallisationskern seiner monströsen Schuld-, Scham- und Rachegefühle geworden sein; dass seine Sexualfantasien von verdrängter Homosexualität beeinflusst waren, haben schon zeitgenössische Gutachter vermutet. Dass man sich tatsächlich deswegen über ihn mokierte, ist unwahrscheinlich.

Scham ist immer sozial konnotiert; bei Wagner muss man die prekäre Position des kleinen Hauptlehrers sehen, der einerseits eine Respektsperson ist, andererseits doch unterhalb der Honoratiorenschwelle eine eher geduckte Existenz führen muss. Die nicht unkomischen Züge dieser kleinen Lebensumstände, die in Wagners eigenen Aufzeichnungen dokumentiert sind, lassen von fern auch das Qualvolle seines Lebens erkennen. „Sehen mich meine eigenen Kinder mit dem Bleistift und einem Fetzen Papier, so zeigen sie mich an, wie man einen bösen Buben anzeigt. Sie springen zur Mama und melden: ‚Mama, der Pap dichtet!‘ – ‚Er soll’s gleich bleiben lassen.‘“

Fantasien und Nietzsche-Phrasen

Die Unterlegenheits- und Unreinheitsgefühle Wagners entluden sich oft in arroganten Wirtshausprahlereien (die wir ­kennen, weil man nach dem ungeheures Aufsehen erregenden Fall akribisch Zeugenaussagen über das Vorleben des Mannes gesammelt hat). Hier klingt oft ein Ausrottungswunsch an, der auch in den Aufzeichnungen häufig ist: „Es ist des Volks viel zu viel, die Hälfte sollte man gleich totschlagen.“ „Nach meinem Beobachten und Ermessen müsste ein starkes Drittel daran glauben . . .“ Solche Fantasien von der Eliminierung des „Unrats“ sind natürlich – wie stets – gefärbt von einer tiefen Unsicherheit, was den eigenen Wert betrifft. Zeittypisch sind Wagners Fantasien voller trivialisierter Nietzsche-Phrasen, war dies doch die Epoche der hauptsächlich von der Schwester verfälschten Ausgaben aus dem Nachlass des 1900 Verstorbenen (etwa „Der Wille zur Macht“, 1901/1906).

Wir begreifen ihn nicht. Gelegentlich haben Wagners Aufzeichnungen, die eines selbstverliebten und selbstverwüsteten Menschen, etwas eigenartig Rührendes. „Ich sitze im Café Olga. Mein Kopf fällt willensschwach vornüber.“ Wir begreifen ihn nicht, aber: „Jede Existenz ist ein Milderungsgrund, geehrter Herr“, wie Thomas Bernhard in seiner Erzählung „Watten“ schreibt.