Krimikolumne

Massimo Carlotto: „Die Marseille-Connection“ Bordelle und Bürotürme

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Irgendwo muss das organisierte Verbrechen ja hin mit seinen Gewinnen. Es steckt sie in die Wirtschaft und die Politik, warnt Massimo Carlotto in seinen Kriminalromanen. Manchmal wird er dabei ein wenig grob.

Diese Demonstranten in Marseille  legen sich der Rentenreform wegen ganz offen mit dem Staat an. Massimo Carlottos Verbrecher können da nur grinsen: Sie setzen ihre ökonomischen Interessen anders durch. Foto: AFP
Diese Demonstranten in Marseille legen sich der Rentenreform wegen ganz offen mit dem Staat an. Massimo Carlottos Verbrecher können da nur grinsen: Sie setzen ihre ökonomischen Interessen anders durch. Foto: AFP

Stuttgart - Mit seinen miesen, brutalen Figuren hat der italienische Krimiautor Massimo Carlotto einiges gemein. Wie sie war er lange auf der Flucht vor der Polizei, auch über Ländergrenzen hinweg. Er stand wegen Mordes vor Gericht, er hat Gefängnisse von innen kennengelernt, er hat stets beteuert, Opfer einer Intrige gewesen zu sein. Doch der 1993, nach fünf Jahren Flucht, sechs Jahren Haft, mehreren Prozessen, kassierten Urteilen und einer heftigen Mediendebatte vom christdemokratischen Staatspräsidenten Scalfaro begnadigte Autor schreibt nun alles andere als Krimis, in denen das Verbrechen vor allem als Fiktion einer täuschungswilligen Staatsmacht erschiene.

Carlotto ist ein energischer Warner vor dem organisierten Verbrechen. Er agiert als Korruptionschronist und legt seine Romane als Begleitoffensiven zur Arbeit von Enthüllungsjournalisten und Mafiajägern an.

Jeder gegen jeden

Carlottos Aufmerksamkeit hat sich mehr und mehr auf die Unterwanderung der Wirtschaft durch das organisierte Verbrechen gerichtet. „Die Marseille-Connection“ schildert denn auch ein Durcheinander von Kartellen, Geheimdiensten, Unternehmern und Finanzdienstleistern, einen Sumpf, aus dem Bordelle und Bürotürme wachsen. Hauptfiguren sind ein Geheimagent in der Ostmafia, ein südamerikanischer Killer in Triadenlohn sowie eine gesetzlose Polizistin. Die haben gemein, dass sie jeden gegen jeden ausspielen.

Carlotto war immer ein vorsätzlicher Grobian, einer, der nicht nur mit der Faust auf den Tisch haut, sondern ein Stuhlbein abbricht und damit das Geschirr in der Vitrine zerschlägt, um seine Aussagen zu unterstreichen. In „Die Marseille-Connection“ hat sich diese bedrängende Ausfälligkeit in routinierte Holzschnitt-Derbheit verwandelt.

Schock und Übertreibung

Carlotto muss aufpassen, denn seine aufklärerische Schocktechnik ist von der wohlfeilen Übertreibung eskapis­tischer Weltverschwörungsthriller kaum noch zu unterscheiden. Hier wie da treten Gruselkabinettschurken auf, deren Dialoge weniger an das reale Leben als an den Traum des Autors vom Filmrechteverkauf erinnern. Noch aber ist es bei Carlotto nicht ganz so weit, noch merkt man ab und an, dass er uns die Augen öffnen will für eine globale Machtübernahme, die an Parlamenten und Wahlurnen vorbei läuft.

Massimo Carlotto: „Die Marseille-Connection“.
Roman. Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Tropen Verlag, Stuttgart. 239 Seiten, 18,95 Euro. Auch als E-Book, 14,99 Euro.