Massive Töne am Schlossplatz „Auf dem dritten Notebook läuft das Pokalfinale“
Ein großes Hip-Hop-Klassentreffen: Zum 30. von 0711 wird auf dem Stuttgarter Schlossplatz gefeiert. Im Zentrum: Massive Töne, deren „Kopfnicker“-Album auch Geburtstag hat.
Ein großes Hip-Hop-Klassentreffen: Zum 30. von 0711 wird auf dem Stuttgarter Schlossplatz gefeiert. Im Zentrum: Massive Töne, deren „Kopfnicker“-Album auch Geburtstag hat.
Das nennt man wohl eine Terminkollision. Im Gruppenchat von Massive Töne haben DJ 5ter Ton - bürgerlich Alex Scheffel - und seine Bandkollegen schon vor Monaten gewitzelt, was sie machen, wenn der VfB Stuttgart am 23. Mai wieder im DFB-Pokalfinale steht. „Und jetzt ist es wirklich so.“ Scheffel, Jean-Christophe „Schowi“ Ritter und João „Ju“ dos Santos sind dann aber nicht im Berliner Olympiastadion, sondern stehen beim „30 Jahre 0711 Family Jam“ am Stuttgarter Schlossplatz auf der Bühne. Gefeiert werden 30 Jahre Stuttgarter Hip-Hop-Wunder, 30 Jahre 0711-Partys im Club Prag, aber auch 30 Jahre „Kopfnicker“, das Massive-Album, das stilbildend für Hip-Hop aus dem Kessel wurde.
Massive Töne bespielen die Bühne des SWR-Sommerfestivals nicht allein. Klar, dass mit Max Herre und Afrob das Stuttgarter Hip-Hop-Kombinat Kolchose vertreten sein wird. Aber nicht nur: Das Bo, die Stieber Twins - ein bisschen liest sich das Line-up für den Schlossplatz wie die legendäre „Klasse von '95“: Junge deutsche Hip-Hopper aus Hamburg, Stuttgart, Heidelberg, die 1995 erst eine Compilation zusammen machten, dann gemeinsam auf Tour gingen, Backstage miteinander abhingen, Freunde wurden. „Wir wollten, dass alle unsere musikalischen Wegbegleiter an dem Abend auf der Bühne stehen“, sagt Scheffel, der anders als viele aus der Kolchose seinen Lebensmittelpunkt immer noch in Stuttgart hat.
„Schowi hat wirklich all seine Kontakte bemüht.“ Jean-Christophe Ritter arbeitet seit vielen Jahren als Musikproduzent und DJ in Berlin. Aber manch eine Band, die den deutschen Hip-Hop der 90er mindestens so sehr geprägt hat wie die Rapper aus Stuttgart, wird fehlen. „Die Blumentöpfe zum Beispiel, die gibt es ja leider nicht mehr.“
So dicht ist der Abend voll gepackt mit Größen des deutschen Hip-Hops, dass jeder einzelne Musiker wahrscheinlich nur seine zwei, drei Publikumslieblinge auspacken kann: „Das wird ein Best-of-Abend des freundlichen Hip-Hops, mit dem hier viele aufgewachsen sind“, sagt Alex Scheffel voraus. Er wolle nicht zu viel verraten, aber: „Der Abend soll ein bisschen so sein wie ein Mix-Tape, das man seinem besten Kumpel zum Geburtstag schenkt.“ Klar, dass da auch die Stuttgart-Hymne „Mutterstadt“ nicht fehlen darf.
Ob sie eingerostet sind? Schließlich spielen Massive Töne - seit über 25 Jahren sind sie zu dritt - nicht mehr jedes zweite Wochenende zusammen. Schowi wohnt in Berlin, Ju in Lissabon. Aber: „Die Jungs können ihre Texte“, sagt der 5te Ton. „Und zwei, drei Tage davor werden wir auch noch üben.“ Zuletzt haben die drei im Herbst einen Gig gespielt - auf einem Kreuzfahrtschiff. Vier Tage waren sie zwischen Kiel, Kopenhagen und Aarhus unterwegs. „MeerBeats“ hieß das Format und außer Massive Töne waren auch Joy Denalane mit ihrem rappenden Sohn Isaiah, Afrob, Gentleman und DJ Friction mit an Bord. „Das hat sich angefühlt, als wären wir auf Klassenfahrt.“
Besonders freut sich Alex Scheffel auf die After-Show-Party im Pop-up-Club Lerche 22. „Da kann ich dann entspannen.“ Denn als DJ ist der 5te Ton praktisch während des kompletten Konzerts in Aktion. In der Lerche 22 legen dann andere auf: DJ Friction, DJ Emilio, DJ Ron und Buna. Und dann ist auch endlich Zeit, mit alten Kumpels zu schwätzen, Erinnerungen auszutauschen. „Ich bin sehr gespannt, wen man da alles wiedersieht.“
Dass es 30 Jahre her ist, das 0711-Hip-Hop-Wunder, ist für den 53-Jährigen kaum zu fassen. „Wir fühlen uns ja alle noch total jung.“ Noch einmal ein Konzert auf dem Schlossplatz, im Herz der Stadt zu spielen, „das macht uns alle superfroh.“
Und was ist mit dem VfB? Klar werden auch die Massiven ab und an rüberlinsen, wie es zwischen ihrem Verein und Bayern München steht - wie wahrscheinlich die meisten der rund 7000, die am Samstag auf dem Schlossplatz in Hip-Hop-Nostalgie schwelgen. „Auf dem dritten Notebook an meinem DJ-Pult“, sagt Alex Scheffel grinsend, „läuft das Pokalfinale.“