Bislang ruht sie mit Geschäftsreisenden und Urlaubern auf zwei etwa gleichgewichtigen Säulen. In der Pandemie sind beide stark geschrumpft. „Die Situation war und ist für die Branche der Autovermieter absolut dramatisch“, betont deren Bundesverband BAV. Zum Höhepunkt der Pandemie im April seien die Branchenumsätze binnen weniger Tage flächendeckend um 90 Prozent eingebrochen. Während Urlaubsreisende aber nach Einführung eines Impfstoffs wieder verstärkt Autos mieten dürften, könnte das bei Geschäftsreisenden für immer ausbleiben.
57 Prozent der deutschen Firmen halten es für wahrscheinlich, dass sie ihre Geschäftsreisen dauerhaft einschränken, hat das Ifo-Institut ermittelt. In Branchen wie Pharma, IT und Unternehmensberatung würden gar vier von fünf befragten Firmen planen, Videokonferenzen statt Dienstreisen als neuen Standard zu etablieren.
Heimischer Branchenführer ist in Verlustzone gerutscht
Auch der heimische Branchenführer Sixt leidet und ist zum Halbjahr 2020 mit 115 Millionen Euro in die Verlustzone gerutscht. Allein im zweiten Quartal sind die Umsätze um fast zwei Drittel auf noch 229 Millionen Euro eingebrochen. „Dieses Ereignis kam über uns wie im Alten Testament, aber es hätte viel schlimmer kommen können, wie man an Horrorzahlen unserer Wettbewerber sehen kann“, sagt Firmenpatriarch Erich Sixt. Er sieht eigene Wachstumschancen in einem sich stärker konsolidierenden Markt. In den USA hat er insolventer Konkurrenz soeben zehn Flughafenstandorte abgenommen und in den Niederlanden Carsharing gestartet. „Wir haben die Gunst der Stunde genutzt“, sagt Sixt. Der Komplettübernahme strauchelnder Konkurrenten erteilt er aber eine Absage, um die eigene Bilanz nicht zu belasten. Die Hertz-Pleite in den USA sei dennoch hilfreich.
„Die Starken sind in der Lage zu profitieren“, schätzt Analyst Tonn und meint damit vor allem Sixt sowie den Weltmarktführer Enterprise aus den USA.
Dienste werden mit selbst entwickelter Software gemanagt
Mit einer App und auf der Plattform Sixt One hat der Autovermieter 2019 alles vom traditionellen Mietgeschäft über Carsharing bis zur Fahrtenvermittlung gebündelt. Die Dienste managt man per selbst entwickelter Software. „Da sehe ich Sixt technologisch ganz vorn“, sagt Branchenanalyst Christian Obst von der Baader-Bank. Die Bayern profitieren von einer Mischflotte für Vermietung und Carsharing zugleich, wo Mietdauern von wenigen Minuten bis hin zu vielen Wochen aus einer Hand bedient werden.
„Carsharing hat durch Corona gewonnen“, betont Tonn zudem. Vor allem Großstädter sind in der Krise oft auf das Teilen von Autos umgestiegen, um Ansteckungsgefahren im ÖPNV zu meiden. Zwar ist auch Carsharing eingebrochen, hat sich aber schnell erholt. „Carsharing läuft trotz Corona über Vorjahr“, stellt Sixt klar. Auch Carsharing-Konkurrenten wie Share Now, betrieben von Daimler und BMW, profitieren davon.
Experten sehen Durststrecke bis 2024
Im klassischen Vermietgeschäft sehen Experten eine Durststrecke bis 2024. Erst dann könnte die Branche wieder Umsätze auf dem Niveau von 2019 erreichen. Sixt steht durch sein integriertes Carsharing besser da und könne anders als Wettbewerber teils ausgleichen, was durch Geschäftskunden wegfällt, meint Obst.
Ihren Willen, als Gewinner aus der Krise hervorzugehen, unterstreichen die Bayern auch durch die Einführung eines neuen Modells zur Langzeitmiete namens Auto Abos Sixt+, das monatlich kündbar ist und als weiterer Baustein in die Sixt-App integriert wird. Aktuell gibt es etwa 20 000 solcher Abo-Verträge in Deutschland. Eine Studie des Center Automotive Research (CAR) der Uni Duisburg-Essen veranschlagt das Marktpotential dafür bis 2030 eine Million Verträge. „Manager verdienen sich ihr Geld in Schlechtwetterzeiten“, sagt Sixt und glaubt gerade auf das richtige Pferd zu setzen. Liegt er richtig, nehmen Autovermieter in der Krise gerade sehr unterschiedliche Wege.