Masterplan für Ulmer „Donautal“ Schöne neue Welt der Gewerbegebiete
Wie lassen sich bestehende Industrieareale zukunftssicher machen? Die Stadt Ulm lässt derzeit einen Masterplan fürs „Donautal“ erarbeiten. Doch ihr Einfluss ist begrenzt.
Wie lassen sich bestehende Industrieareale zukunftssicher machen? Die Stadt Ulm lässt derzeit einen Masterplan fürs „Donautal“ erarbeiten. Doch ihr Einfluss ist begrenzt.
In einer idealen Wirtschaftswelt, also einer, die den Herausforderungen der Zukunft gewachsen ist, leben Städte und ihre ortsansässigen Unternehmen in Harmonie zueinander. Industrie- und Gewerbegebiete besitzen eine hohe Aufenthaltsqualität für die Mitarbeitenden sowie für durchkommende Lastwagenfahrer – die hier Einkaufsgelegenheiten finden, außerdem Grün- und Erholungsflächen genießen können. Die Abwärme von Produktionsanlagen, konzentriert in Wasserspeichern wie zum Beispiel in Heidelberg, gehört ebenso zum Energiemix wie der Strom aus Solarpanels, die großflächig auf den Produktions- und Lagergebäuden installiert sind. Busse und Bahnen fahren selbstverständlich in einem Takt, der den Schichtbetrieben angepasst ist.
Vor allem aber: Die Firmengebäude sind im Besitz einer kommunalen Besitzgesellschaft, werden von den Unternehmen lediglich angemietet. Geht eines pleite, bestimmt das Rathaus über die jeweilige Nachfolge. Wird hingegen der Platz für Erweiterungen allmählich knapp, kann die Kommune eine für solche Fälle stets vorgehaltene Reservefläche zur Verfügung stellen.
Solche „Mietparks“ voller Bewegungs- und Rochadeflächen müssten die Zukunft sein, sagt Gerd Baldauf, Gründer der Baldauf Architekten und Stadtplaner GmbH. Sein Büro über den Dächern des Stuttgarter Südens hat schon für mehr als 400 Kommunen im Südwesten gearbeitet. Baldauf, Honorarprofessor am Städtebauinstitut der Universität Stuttgart, weiß jedoch auch: Die Realitäten sind derzeit andere.
Die häufig Jahrzehnte alten Industriegebiete, geplant und in Parzellen verkauft zu Zeiten, als noch ein Trennungsideal von Arbeiten und Wohnen vorherrschte, sind allzu oft erstarrt. In der Innenschau ähneln sie wegen des Privatbesitzrechts einer Black Box, von außen sind sie umzingelt von Gemarkungsgrenzen, Straßen, Wohngebieten oder Naturschutzflächen, die keine Erweiterung mehr erlauben. Michael Kleiner, Ministerialdirektor im Stuttgarter Wirtschaftsministerium, sagt: „Die Verfügbarkeit von Flächen ist von einer entscheidender Bedeutung für die Wirtschaft.“ Doch zu Neuausweisungen komme es kaum mehr. „Wir kämpfen häufig um 20 Hektar Fläche.“ Die Folge: „Alle haben Flächenprobleme.“
Da macht das Industriegebiet Donautal in Ulm, gerade 75 Jahre alt geworden, keine Ausnahme. Mit rund 200 ansässigen Unternehmen und rund 22 000 Beschäftigten, versammelt auf gut 350 Hektar Fläche, gehört das Donautal zu den großen Wirtschaftszentren Süddeutschlands. Husqvarna (Gardena), Teva (Ratiopharm), der Feuerwehrspezialist Magirus, der Kaffeeröster Seeberger, die Wieland-Werke als Kupferspezialisten, der Bodenkleberriese Uzin Utz, die Transportfirma Noerpel – nur einige, auch international wichtige Ulmer Namen.
Nun hat das Baldauf-Team den Auftrag der Stadt, dem Industriegebiet einen „Push“ zu geben, wie es heißt. Ulm will einen „Masterplan“ für die Zukunft ihres wirtschaftlichen Herzens. Ganz oben auf der Liste: Flächen frei machen. Bis Ende dieses Jahres soll dem Gemeinderat ein Maßnahmenkatalog vorgelegt werden. Der Ulmer Oberbürgermeister Martin Ansbacher (SPD) ahnt, dass es noch schwierig werden könnte mit dem großen Konsens. „Es geht nicht darum, wer Recht hat“, appelliert er. „Es geht um gemeinsame Lösungen und ein Miteinander statt eines Gegeneinanders.“
Der Baldauf-Architekt Knut Maier hat sich schon genau umgesehen im Operationsgebiet an der Donau und erste Vorschläge erarbeitet. Er rät Managern dazu, der Platznot durch das „Stapeln“ von Gebäuden zu begegnen, also in die Höhe zu bauen. Zudem stellte er fest, dass von den riesigen Freiparkflächen der Betriebe durchschnittlich 25 Hektar ständig leer bleiben. „Quartiersgaragen“, zukünftig gebaut und betrieben von mehreren Unternehmen, könnten eine Lösung sein, um Erweiterungsraum zu gewinnen, glaubt er. Und eine Schnellbahnhaltestelle am Rand des Industriegebiets, so die Idee, könnte Tausenden Beschäftigten zudem den Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr schmackhaft machen.
Maiers Team hat im Donautal außerdem knapp 50 Hektar „selbstständige offene Lagerflächen“ detektiert. Werden diese wirklich intensiv genutzt? „Da sind wir nicht sicher“, sagt der Architekt. Die häufig zu erlebende Verschlossenheit von Unternehmen gegenüber Konkurrenten, der Öffentlichkeit überhaupt, sei ein Grundproblem bei der Steuerung von Industriegebieten, sagt der Stadtplaner Gerd Baldauf. Aber ohne „kommunale Herrschaft“, ohne ihre Einflussmöglichkeit, das zeige alle Praxis, „würden die Gewerbegebiete ein Downgrading erleben“.
Zu verhindern, dass Firmen abwandern, die nicht mehr expandieren können, oder dass auf pleite gegangene Arbeitgeber wirtschaftlich sinnlose Flächenbesitzer nachfolgen, wäre im Grunde ein politisches Landesthema. Doch weder das Wirtschaftsministerium noch das Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen unterhalten derzeit Förderprogramme in diese Richtung, wie auf Anfragen bestätigt wird.
Letzteres Ministerium weiß immerhin, dass in Baden-Württemberg 2023 insgesamt 75 581 Hektar als Industrie- und Gewerbefläche genutzt wurden – eine Fläche, die in etwa der Größe Hamburgs entspricht und gut zwei Prozent der gesamten Landesfläche. Davon kamen allein knapp 6700 Hektar in den vergangenen zehn Jahren hinzu. Gemessen am wirklichen Bedarf wenig genug, aber immer noch mehr, als im gleichen Zeitraum an Wohnbaufläche geschaffen wurde.
Stadtplaner Baldauf warnt Städte und Gemeinden deutlich vor der Verlockung, frei werdende Lücken in Gewerbegebieten mit Häusern und Wohnungen zu bestücken – und so scheinbar zwei Mängel auf einmal zu beheben. „Sie machen das Gewerbegebiet sonst kaputt“, sagt er. Klagen wegen Lärmbelästigungen oder die Forderungen nach Lkw-Nachtfahrverboten, das zeige die Praxis, seien dann wahrscheinlich. Am Ende entschieden über die weitere Entwicklung von Gewerbegebieten nicht die kommunalen Planer, sondern die Gerichte.
Für die Hoffnung, dass in Ulm die Chancen zahlreicher werden als die Probleme, steht seit mehreren Jahren ein von den Unternehmen finanziertes Kontaktbüro namens „Donautal Connect“. Es bündelt die Anliegen der Firmen und hält den Kontakt zur Stadtverwaltung. Seit einiger Zeit sitzen Stadt- und Unternehmensvertreter in Arbeitskreisen zusammen und beraten dort über Innenentwicklung, Klimawandelanpassung, Mobilität sowie einen verbesserten ÖPNV. Bis Ende dieses Jahres, prognostiziert der Ulmer Rathauschef Martin Ansbacher, werde sein Gemeinderat eine fertige Konzeption auf dem Tisch haben und dann auch entscheiden können. Ziel: „Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten“.