Matchwinner beim 4:2 gegen Portugal Warum Robin Gosens der neue deutsche Außenminister ist

Robin Gosens jubelt beim Sieg der DFB-Elf gegen Portugal. Foto: AFP/Matthias Hangst

Die deutschen Fußball-Fans haben einen neuen Liebling – und das ist keiner der Topstars der Nationalmannschaft. Es ist der Mann mit der ungewöhnlichsten Karriere aller deutschen Nationalspieler.

Sport: Marco Seliger (sem)

München - Am Ende war alles egal. Robin Gosens rannte mit dem Ball am Fuß schnurstracks vorne ins Toraus. Vogelwild wirkte diese Aktion kurz vor seiner Auswechslung. Und der Verzweiflungsbrüller des Linksverteidigers über sich selbst wäre wohl zu hören gewesen in der Münchner Arena – wenn nicht alle in weißen Trikots gekleideten oder in schwarz-rot-goldenen Fahnen gehüllten Fans sich nicht längst von ihren Sitzen erhoben hätten, um Gosens auch für diesen Sturmlauf Beifall zu klatschen.

 

Gosens hätte an diesem Abend zum Schluss wohl auch noch das Tor aus dem Stadion tragen, die Eckfahne klauen oder die Kugel aus dem Stadion, in Richtung der nahe liegenden A 9, schießen können – alles egal. Denn der 26-Jährige hatte die Zuschauer nach seinem so überragenden wie leidenschaftlichen Auftritt beim 4:2 im zweiten Gruppenspiel bei der EM gegen Portugal längst für sich eingenommen. Er hatte den Status erreicht, von dem jeder Fußballer träumt: dass ihm die Fans auf den Rängen irgendwann alles verzeihen. Gosens also ist auf direktem Wege zum deutschen Publikumsliebling.

Wenn er das nicht längst schon ist.

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Davon zeugten die Robin-Gosens-Sprechchöre, die es aufgrund dieser Leistung gegen Portugal gab, klar. Zwei Torvorlagen, ein Tor per Kopf, ein annullierter Treffer per Volleyseitfallzieher und auch sonst jede Mange starke Aktionen: Mehr geht nicht. Die Gosens-Rufe aber gab es wohl auch wegen dieser herzerfrischenden Auftritte außerhalb des Platzes, von denen er am Samstagabend mal wieder einen lieferte.

In der WG mit Thomas Müller

Einer davon ging im Doppelpass mit seinem WG-Kumpel Thomas Müller, mit dem er in einer der Holzhütten im EM-Camp zusammenwohnt, so: Müller witzelte erst, dass es ihn nicht überraschte, dass Gosens nach knapp 60 Minuten vom Platz musste, „denn er spielt ja in Italien“. Dann schaltete sich Gosens, der wegen leichter Adduktorenprobleme rausmusste, ins Nachspiel ein: „Besser gute 60 Minuten als schlechte 90“, entgegnete der Abwehrmann von Atalanta Bergamo gegenüber Müller: „Ich glaube, damit ist das Thema durch.“ Dann lachte Gosens – für den es ungefähr so lief am Samstag: Am Ende war er sogar schlagfertiger als der diplomierte Gaudibursch Müller.

Der Offensivmann des FC Bayern galt ja bisher nicht nur als der große Spaßmacher der DFB-Elf, sondern auch als deren Anarchist, da er auf der Suche nach seinen berühmten Räumen oft auf unorthodoxen Wegen unterwegs ist, auf denen nur er mit seinen staksigen Müller-Beinen unterwegs ist. Jetzt scheint ihm der Mann von links hinten auch hier den Rang streitig zu machen. Denn wild und anarchisch ist auch das Spiel des Robin Gosens. Nur anders als bei Müller.

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Gosens ist der Mann für die Leidenschaft. Wenn dieser Typ grätscht, dann grätscht er nicht nur – dann grätscht er den Ball, wie gegen Portugal geschehen, auch mal mit Wucht über das halbe Spielfeld. Ein lautes „Aaaaaaahhh“ und „Ooooohhhhh“ zog sich da durch Münchens Arena – und als der unkonventionelle Grätschenpass dann noch bei einem Mitspieler ankam, applaudierten und brüllten die Leute auf den Rängen früh für Gosens. Sie schrien dann „heeeeeeyyyy“, in einer Mischung aus Erstaunen und Begeisterung.

Die Leidenschaft des nicht Perfekten

Gosens wird nie so elegant Fußball spielen können wie all die Hochbegabten an seiner Seite im deutschen Team. Aber der Mann tritt stets mit Mut und Hingabe auf – und mit Körpereinsatz. Fast wirkte der Athlet Gosens gegen Portugal wie eine Art moderner Gladiator im Zirkus der Münchner Arena.

Seine Vorstellung voller Kampfeskraft stiftet Identifikation mit dem Publikum, das sich in dem zwar talentierten, aber selten brillanten Gosens wiederfinden kann. Die Leidenschaft des nicht Perfekten bietet Projektionsfläche. Gosens also überträgt seine Emotionen auf die Ränge, und die kommen von da aus zurück auf den Platz. Auf ihn selbst. Und im Idealfall, wie jetzt am Samstag geschehen, auf die ganze Mannschaft. Robin Gosens also schafft die Verbindung zum deutschen Publikum. Er löst das Wechselspiel aus – und ist damit so etwas wie der Außenminister der DFB-Elf.

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Klar, sein spezieller Lebensweg ist nun wieder in fast allen Berichten über ihn seit dem Samstagabend nachzulesen gewesen. Nie war Gosens in einem Nachwuchsleistungszentrum, spät schaffte er den Durchbruch, er ist anders als die anderen – alles tausendmal erzählt. Und Gosens selbst lieferte nach dem Spiel auch wieder die typischen Gosens-Sätze, die man von ihm kennt. Er sagte ein paar Mal wieder „geil“, einmal auch „affengeil“. Sein Tor war wie immer bei ihm eine „Hütte“ – nach der ihm jetzt nicht wie sonst nur einer abgegangen sei, „sondern gleich mehrere“.

Lob vom Bundestrainer

Womöglich war Gosens auch freudig erregt, als er hörte, was der Bundestrainer später über ihn erzählte. Joachim Löw sagte in München dies über den Linksverteidiger: „Wir schätzen Robin sehr. Er ist sehr offen und hat einen sehr guten Draht zu den anderen Spielern.“ Gosens, so Löw weiter, sei ein Typ wie sein Spiel: „Immer Kante zeigen und alles in die Waagschale werfen.“

Das will Robin Gosens bei der EM nun weiter tun – auf dem Platz. Und auch im Innenleben im Kreis des deutschen Teams.

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