Mathe-Unterricht Weg vom stumpfen Durchrechnen

Von Martin Schäfer/dapd 

In der fünften, sechsten oder siebten Klasse verlieren viele Schüler ihr Interesse an Mathe. Lehrer und Forscher fragen sich, was man dagegen tun kann.

Im Mathe-Museum in Gießen knobeln Kinder ohne Druck. Foto: Mathematikum
Im Mathe-Museum in Gießen knobeln Kinder ohne Druck. Foto: Mathematikum

Stuttgart - Mathematik ist wie Dieter Bohlen: die einen fliegen darauf, die anderen verdrehen sofort die Augen. Das sagt Christian Hesse, selbst Mathematiker an der Universität Stuttgart und Autor populärer Bücher wie „Warum Mathematik glücklich macht“ (Verlag Beck). Hesse spielt mit Begriffen, die gegensätzlicher kaum sein können: Mathematik und Glück. Wie passt das zusammen? Das kann ein Besuch im Mathematikum zeigen, einem Mitmachmuseum im hessischen Gießen.

Am Wochenende herrscht im Mathematikum dichtes Gedränge. Die Kinder und Erwachsenen müssen sich mitunter anstellen, bis sie an die Basteltische kommen oder mit Seifenblasen experimentieren dürfen. „Wir erzeugen Begeisterung und Motivation“, sagt Albrecht Beutelspacher, der Direktor des Museums. Die Augen der Kinder leuchten, und die Eltern freuen sich über das eine oder andere Aha-Erlebnis.

Der Unterschied zur Schule: keine Formeln, keine Pflicht, keine Noten. „Das Mathematikum ist klar im Freizeitbereich positioniert“, sagt Beutelspacher, auch wenn sich das Angebot vor allem an Schulklassen und Familien richte. „Die Menschen kommen freiwillig zu uns, sie wollen ein paar Stunden mit der Wissenschaft verbringen.“ Unerklärt bleibt, warum das Wort Mathematikum nicht abschreckt, sondern sich vielmehr als Glücksgriff erwies: Das Museum feiert sein zehnjähriges Bestehen und zählt 150 000 Besucher im Jahr.

Der Mathematik hingegen widerfährt kurioserweise das Gegenteil. In der Schullaufbahn vieler Kinder, in der fünften, sechsten oder siebten Klasse, gibt es einen Bruch: Hatten viele das Knobeln und Rechnen in der Grundschule geliebt, verlieren sie nun im Unterricht den Anschluss. „In der Mittelstufe zählen nur noch ein Drittel der Schülerinnen und Schüler Mathe zu ihren Lieblingsfächern“, sagt der Mathematik-Didaktiker Christoph Selter von der Technischen Universität Dortmund.

Zwischen Richtig und Falsch gibt es keine Grauzone

Das hat Gründe. „Mathe ist ein Schwarz-Weiß-Fach“, sagt Detlef Hoche, Lehrer und Vizechef am Staatlichen Seminar für Lehrerbildung in Stuttgart. Damit meint er, dass in Mathe Aufgaben richtig oder falsch sind. Es gibt nichts dazwischen. „Schwierigkeiten in anderen Fächern wie Geschichte wirken sich nicht so fatal aus.“ Außerdem macht der Unterricht Sprünge: wenn die Variablen oder der mathematische Beweis eingeführt werden. „In einem solchen Umbruch verliert man eventuell die Schüler, wenn das Neuland nicht hinreichend sanft betreten wird“, sagt Franz Kranzinger, Lehrbeauftragter am Staatlichen Seminar für Lehrerbildung.

Und es gibt noch einen dritten Grund für Schwierigkeiten: die Pubertät. „Da werden ganz andere Dinge wichtig“, sagt der Hirnforscher Gerhard Roth von der Universität Bremen. „Die Lehrer halten nicht so gut dagegen.“ Roth hat sich als Wissenschaftler in den Matheunterricht gesetzt und Lehrer wie Schüler beobachtet. Er meint, dass die Persönlichkeit des Lehrers und seine Beziehung zu den Jugendlichen entscheidend für den Bildungserfolg sei. Egal wie das pädagogische Modell aussehe, „der Lehrer ist die Hauptperson, ob er vorn an der Tafel steht oder bei Gruppenarbeit eher im Hintergrund“.