Mathematik "Der Zufall hat Gesetze"

Reportage: Robin Szuttor (szu)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken


Vor welcher Supermarktkasse stellt sich ein Rechenprofi an?


Ich beobachte: welche Kassiererin ist eher schläfrig oder eifrig? In welcher Schlange sind die Einkaufswagen am prallsten gefüllt? Welche Schlange ist die längste? Diese Informationen werte ich grob aus und entscheide mich. Oder ich warte auf die Durchsage ,Frau Maier, bitte Kasse sieben' und bin dann der Erste an Kasse sieben.

Ein kluger Schachzug.


Sie spielen auf meine zweite Leidenschaft an. Ich glaube, es gibt sehr viele Parallelen zwischen Mathematik und Schach. Mathematik besteht vordergründig aus Zahlen und Formeln, aber letztlich kommt es nur auf die Idee dahinter an. Auch ein Schachspiel zu beobachten wird erst zum Genuss, wenn man in die Gedankenwelt eintaucht, die sich in den Zügen offenbart. Ich kann mich begeistern für fulminante Opfer als Sinnbild der Umwandlung von Materie in Energie. Ich erfreue mich an der Tiefe versteckter Rettungen aus hoffnungslosen Lagen, mich faszinieren erfolgreiche paradoxe Manöver. Und mir gefallen wunderbar flüssige, dabei schrittweise spannungssteigernde Bewegungsabläufe, bei denen mit feinmechanischer Genauigkeit ein Zahnrad in das nächste greift - wie beim mathematischen Beweis.

Was bedeutet Ihnen Schach?


Für mich hat Schach die Funktion, die für andere die Musik hat. Ein Studienfreund von mir setzte sich, wenn er Stress hatte, an das Klavier und spielte seine miese Laune einfach in das Instrument. So ist es bei mir mit dem Schach. Es ist eine Oase, in die ich mich ganz gerne zurückziehe. In diesem Behaglichkeitskokon kann ich mich regenerieren. Der Schachweltmeister Wladimir Kramnik erzählte mir einmal, dass seine Analysiermaschine im Kopf immer mitläuft - beim Einkaufen, beim Telefonieren. Diese Gefahr besteht bei mir nicht.

Sie schreiben in einem Buch: jede mathematische Einsicht gleicht einem Feuerwerk auf der Großhirnrinde. Wann haben Sie zuletzt ein paar Raketen im Gehirn gezündet?


Kleinere Knaller gibt es häufiger. Erst heute beim Frühstück hatte ich eine Idee, wie ich eine längere Beweisführung abkürzen kann. Das letzte Großfeuerwerk ging vor einigen Monaten hoch. Damals hatte ich bereits ein Vierteljahr an einem Problem bei der Aktienkursmodellierung gebrütet. Plötzlich ging mir ein Licht auf.

Welche Rolle spielen Intuition und Imagination bei der Lösung solcher Probleme?


Eine große. Man braucht eine Ahnung, welche Methoden man überhaupt einsetzen könnte. Vieles geschieht intuitiv, weil der Mensch eigentlich ein mathematisches Wesen ist. Allein einen Ball zu fangen, erfordert ein so hohes Maß an mathematischem Gespür, dass kein Großcomputer mit einem Kleinkind mithalten kann. Die ganze Natur ist durchdrungen von Mathematik. Es gibt Zikaden, die verbringen genau 13 Jahre als Larven, um dann innerhalb von wenigen Tagen zu schlüpfen und so zu leben, als wollten sie alles Versäumte nachholen, mit Sex, Drugs and Rock'n'Roll. Kurz nach der Paarung sterben sie. Innerhalb von vier Wochen ist der Spuk vorbei. Abermals für genau 13 Jahre. Warum 13 Jahre? Weil 13 eine Primzahl ist. Die Zikaden müssen sich gegen natürliche Feinde behaupten, die je nach Art alle 2, 3, 4 oder 6 Jahre auftreten. Durch die Wahl einer Primzahl schafft sich die Zikadenart eine maximale Überlebenschance. So was finde ich faszinierend.

Sie boxen in Ihrer Freizeit. Ist es heilsam, nach zu viel Denkarbeit einen satten Aufwärtshaken zu spüren?


Das nicht gerade, aber es erdet. Mit Schach und Mathematik betreibe ich sehr kopfgesteuerte Aktivitäten. Das Training hilft mir, ein bisschen ganzheitlicher zu werden.




Unsere Empfehlung für Sie