Matthias Senkels Roman „Dunkle Zahlen“ Big Data auf Russisch

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Matthias Senkel blickt in die sowjetische Vorgeschichte der Informationstechnologie. Sein Roman „Dunkle Zahlen“ ist für den Leipziger Buchpreis nominiert.

Roman oder Computerprogramm? Matthias Senkels neuer Roman schickt den Leser ins Daten-Labyrinth. Foto: dpa
Roman oder Computerprogramm? Matthias Senkels neuer Roman schickt den Leser ins Daten-Labyrinth. Foto: dpa

Stuttgart - Dass russische Computerspezialisten einiges drauf haben, weiß man nicht erst, seit sie das Sicherheitsnetz der Bundesregierung gehackt haben. Von wundersamen Erfindern, merkwürdigen Automaten, Datenverarbeitungsutopien im Schatten Stalins handelt Matthias Senkels für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierter Roman „Dunkle Zahlen“. Doch vielleicht sollte man ganz von vorn anfangen, um etwas Ordnung in das unübersichtliche Ganze zu bringen. Und vorn ist mittendrin. Dort nämlich, auf Seite 94 des knapp 500 Seiten starken Buchs beginnt ein Nachwort, das den Dichter Gavriil Efimovic Teterevkin, den „Stolz des russischen Schrifttums“, vorstellt. Außer mit Duellen, Birkhühnern, Liebesangelegenheiten beschäftigte sich dieser bislang unterschätzte Dichter damit, der totalen literarischen Erfassung des russischen Lebens mittels eines Automaten, dem sogenannten eisernen Golem, beizukommen.

Sein ebenso lyrisches wie maschinenlesbares Hauptwerk „Die Welt“ entzieht sich laut dem Urteil eines Zeitgenossen der vereinfachenden Nacherzählung wie der empfindenden Aufnahme. Teterevkin, der 1841 beim Abfeuern einer zerborstenen Pistole ums Leben kam, war seiner Zeit voraus. Doch in Senkels verzwicktem Roman ist seine Stunde gekommen. Im Zeitalter von Datenbanken und Computern, die den eisernen Golem beerbt haben, wird sein die Zukunft umfassender Code lesbar. Aber noch sind wir erst beim Nachwort.

Subversives Witzarchiv

Matthias Senkel beschwört in „Dunkle Zahlen“ die Zukunft von der Vergangenheit aus. Die Zukunft – das ist das Vermögen, mit leistungsfähigen Rechenautomaten komplizierte Kupplungsmanöver im Weltall zu berechnen, Wahlen präziser lenken zu können, staatsfeindliche Witze zu analysieren oder Effizienzquotienten der sowjetischen Wirtschaft zu bestimmen. Die Vergangenheit – das ist der holprige Weg der kommunistischen Großmacht, dahin zu gelangen und dabei möglichst die kapitalistische Konkurrenz hinter sich zu lassen. Von all diesen Manövern handelt dieser Roman, als sei er ein Folgeprodukt des Teterevkin’schen eisernen Golems, eine Literaturmaschine, deren Inhaltsverzeichnis einem komplizierten Schaltplan gleicht, der anderen Gesetzen gehorcht als denen einer linearen Abfolge der Ereignisse.

Aber welche Ereignisse das sind, entzieht sich wie bei Teterevkins Hauptwerk weitgehend einer vereinfachenden Nacherzählung und schon gar einer empfindenden Aufnahme. Zumal man sich bis zuletzt nicht sicher sein kann, ob der ganze Text nicht ganz andere Funktionen erfüllt, als nur zu erzählen, ob man am Ende nicht in Wirklichkeit gerade eine Art Computerprogramm gelesen hat.

Auf jeden Fall begegnet man zu unterschiedlichen Zeitpunkten einer Reihe wiederkehrender Figuren. 1985 irrt die kubanische Dolmetscherin Mareya Fuentes durch Moskau, auf der Suche nach dem Computer-Kader ihres Landes, der an der Programmier-Spartakiade teilnehmen sollte, stattdessen aber auf einer Quarantänestation der Stadt verschollen ist. 1948 lernt man in Leningrad den jungen Zahlenkünstler Leonid Ptuschkow kennen, dem man dann später wieder als Trainer des sowjetischen Programmierteams begegnet. 1961 begleitet man Juri Gagarin, den ersten Mann im All, zu einem Besuch nach Kuba, bekommt 1974 wieder in Moskau an der Seite einer KGB-Majorin Einblick in das Witzarchiv, in dem der subversive Humor der Bevölkerung ausgewertet wird: Juri Gagarins Tochter erteilt einem Anrufer die Auskunft, ihr Vater fliege gerade mit seiner Rakete um die Erde und sei um 19.15 Uhr zurück. Und die Mutter? „Ach, Mamuschka, die kauft Lebensmittel ein – wer weiß, wann wir sie wiedersehen werden.“ Könnte man doch ein Datenverarbeitungssystem entwickeln, das solche Insubordinationen aufzeichnen würde. „Erst dann wird es möglich, jeden Bürger lebensumspannend zu begleiten, seine Taten und Äußerungen automatisch auszuwerten, um jederzeit ein Gesamtbild seiner Gesinnung erstellen zu können.“ Big Data à la russe.

Ein großes, kluges Spiel

Natürlich führt der Weg auch in die DDR, in deren Spätphase Matthias Senkel 1977 hineingeboren wurde. Der Arbeiter-und-Bauern-Staat darf sich des zweifelhaften Verdienstes rühmen, den größten Mikroprozessor der Welt konstruiert zu haben. Wer über der Fülle der Personen und Abkürzungen den Überblick verliert, findet irgendwo in der Buchmitte ein lochkartenmarkiertes Verzeichnis oder kann sich bei einem Kreuzworträtsel von den computerspielartigen Kapriolen um einen belgischen Geheimagenten, der hinter sowjetischen Volkschören verschlüsselte Botschaften entdeckt, wieder im vertrauten Senkrecht-Waagrecht-Raster verorten.

Der Roman ist so vielgestalt wie sein Titel. Zehn verschiedene Bedeutungen von dunklen Zahlen werden aufgeführt. Eine davon verweist auf gewaltige Mengen, deren Einzelelemente nicht ohne Weiteres abgezählt werden können. Just diese Eigenschaft ist es, mit der Senkel den Leser herausfordert. Alles ist mehrfach codiert. In eigentümlich-realistischen Alltagsszenen aus dem sozialistischen Aufbruch ins digitale Zeitalter stolpert man unversehens über Ketten von Alliterationen in eine andere Dimension. In die Retro-Typenlehre sowjetischer Datenverarbeitungskunst ist eine Geschichte russischer Dichtkunst eingelassen – neben dem fiktiven Teterevkin irrlichtern Puschkin, Gogol, Lermontow und Bulgakow durch den hybriden Text. „Manchmal, wenn ich ein gut geschriebenes Programm lese, denke ich, dass das unsere neue Lyrik ist“, äußert einmal eine der zahllosen Figuren, deren genaue Rolle man erst einmal im Personenverzeichnis nachblättern muss.

Ein großes, kluges Spiel zweifellos. Allerdings eines für Spezialisten. Und das ist es, was sich bei aller Bewunderung für Senkels Virtuelles und Wirkliches mischendes Ingenium einwenden lässt: „Dunkle Zahlen“ ist ein Nerd-Roman. Kritiker und Bedeutungs-Hacker können hier in Dechiffrier-Spartakiaden ihre Kräfte messen. Manch anderer wird in den komplizierten Verschaltungen dieser Literaturmaschine rasch einen Systemabsturz erleiden.

Matthias Senkel: Dunkle Zahlen. Roman. Matthes & Seitz. 488 Seiten, 24 Euro.