Matthias Holländer vom Bodanrück Der Nachtmaler

Holländer vor seinem Bild „Kontinentalverschiebung“. Foto: Uli Fricker

Matthias Holländer hat ein erstaunliches Werk erschaffen. In seinen Bildern geht es stets um die dunkle Seite des Lebens.

Seine erste Galeristin schenkte ihm einen breitkrempigen Hut, das war früh in den 80er Jahren. Bis heute trägt Matthias Holländer den Borsalino und ähnliche Nachfolgemodelle, die an verschiedenen Haken in seinem weitläufigen Haus hängen. Den schwarzen Hut zieht der Künstler morgens auf und legt ihn erst ab, bevor er ins Bett steigt. In den vielen hellen und dunklen Stunden, die der Tag bereithält, wird er ihn begleiten. Beim Fotografieren, beim Schreiben und Malen behält er den Hut auf. Er schützt und wehrt aufdringliche Blicke ab. Mancher wird über diese Marotte staunen, doch für Holländer ist die Kopfbedeckung zum Seelenhüter geworden – auch wenn er alleine durch sein stilles Haus wandelt.

 

Der Reporter klingelt am späten Nachmittag bei ihm, so war es vereinbart. Der Morgen ist tabu, Holländer ist ein begeisterter Nachtarbeiter. Entgegen der romantischen Vorstellung, dass Bilder unter dem freien Himmel oder im sonnigen Atelier entstehen, wachsen seine Werke vor allem in der Dunkelheit und ihrer Seelenverwandten, der Stille. Auch deshalb wohnt Holländer in einem ruhigen Winkel des Bodanrück im Hinterland des Bodensees. Langenrain mit 248 Einwohnern liegt im Windschatten des Tourismus am See.

Doch selbst diese dörfliche Szenerie hat ihre akustischen Macken: Die Nachbarn bearbeiten mit Hingabe das Holz, das sie mit starken Quads und restaurierten Kleintraktoren aus den Wäldern ziehen. Ab Freitag hebt rings um den sensiblen Künstler ein Sägen, Hobeln und Hacken an, das seinen Schaffensprozess hemmt. Während er mit Rasiermesser und feinsten Pinseln arbeitet, baut sich vor seinem Atelier eine Geräuschkulisse auf, die an einen Film über kanadische Holzfäller erinnert. So nimmt er es wahr.

Das Glück der Melancholie

Matthias Holländer lebt in einer anderen Welt. In einer, die das Glück der Melancholie sucht und findet. Seine meist großformatigen Werke wirken zunächst befremdlich oder düster. Es stellt keine Bilder her, von denen man spontan sagen würde: „Oh, wie schön.“ Vielmehr sind es Kabinettstücke, die gleichsam aus dem Unterbewusstsein hervordrängen. Immer wieder handeln sie von der Vergänglichkeit, die Holländer vor allem in alten Räumen entdeckt. Zum Beispiel an Werkstätten, die nicht mehr genutzt werden. Oder in Häusern, wo längst keiner mehr wohnt.

Als das Schlagwort von den Lost Places noch unbekannt war, hatte Matthias Holländer längst die Fährte der vergessenen Bauten aufgenommen. Im alten Hafenviertel von London irrte er durch verlassene Hallen. Im Hinterland des Bodensees betrat er verlassene Scheunen und förderte immer wieder Erstaunliches zutage. Alles wurde fotografiert. Die Fotos der staubigen Fundstücke tauchen später in seinen Bildern auf – verwandelt und überhöht. „Manchmal war das richtig gefährlich“, berichtet er im Gespräch über seine Erfahrungen in London. Die Kriminalität in den alten Docklands war enorm. Er war immer wieder froh, wenn er heil nach Hause kam.

Zur abgründigen Seite des Lebens – der Welt jenseits von VW Käfer und Bockwurst – hatte Holländer schon früh Kontakt aufgenommen. Sein Vater wirkte als Psychiater an einem privaten Sanatorium im Schweizerischen Kreuzlingen. Diese Heileinrichtung rund im Prachtbau des „Bellevue“ genoss im vorigen Jahrhundert einige Berühmtheit. Die Liste der prominenten Patienten, die sich zu Dr. Binswanger begaben und seinen modernen Methoden vertrauten, ist lang. Der Arztsohn Matthias wuchs wie selbstverständlich in dieser Sphäre auf. Patienten wurden regelmäßig mit in den Familienurlaub genommen. „Das war ein Teil der Therapie“, erinnert sich Holländer schmunzelnd. Nächtliche Schreie und Ausbrüche gehörten dazu, seine Geschwister schreckten in den Betten auf. „Das Bellevue hatte etwas vom Zauberberg“, lobt er.

Jahre später, als das Sanatorium längst geschlossen hatte, holte er die Aura dieser Zeit zurück. Virtuos hält er die morbide Welt mit ihren großen Glasfenstern und weiten Gängen fest. Wo früher Ärzte in weißen Kitteln auf Patienten einredeten, wimmelt jetzt der Staub. Der Künstler hält den Zerfall fest. Das Haus der Kranken ist jetzt selbst krank. Das schien ihm als idealer Moment, um den Verfall malerisch einzufangen. Das ist der Lauf der Dinge, wie Holländer sie wahrnimmt und wie er sie mit altmeisterlicher Bravour und der Konzentration eines Mönchs auf riesige Platten oder Leinwände bannt. Zur späten Stunde.

Was ist echt und was nicht?

Die Schule stellte damals die Weichen. Sein Kunstlehrer Claus Dieter Hentschel begeisterte ihn für sein Fach. „Die Abiturfeier ließ ich damals sausen, um mich für das Kunststudium zu bewerben“, sagt er und lächelt unter der Hutkrempe. Er wollte nicht irgendwo studieren, sondern bei Rudolf Hausner, dem fantastischen Realisten aus Wien. Dessen Lasurtechnik hat er verfeinert, wobei in vielen Schichten gemalt und entfernt und wieder gemalt wird.

Doch altmeisterliches Malen im Stile eines Jan Vermeer oder eines Francisco de Goya wirkt wie aus der Zeit gefallen. Wie eine Pferdekutsche im Zeitalter der Elektroautos. „Die Künstliche Intelligenz wird die Bildnerei komplett umstellen“, da ist sich Holländer ziemlich sicher. Und das Publikum wird fragen, was es bei Texten und Bildern auch fragt: Was ist echt und was nicht? Er hat diese Frage vorweggenommen und für sich beantwortet: Seine Werke kombinieren Fotografie, digitale Bearbeitung, Collage und schließlich die malerische Endbearbeitung.

Holländers Werkstatt hat sich ins Haus hinein ausgedehnt. Das Haus birgt Ölfarben, Pinsel, riesige Papierbögen, einen Drucker in der Größe eines Betts, breite Arbeitstische. An einem monumentalen Werk „Matrix“ saß er fast zwei Jahre. Vor diesen Arbeiten steht der Betrachter und staunt. Deren Oberfläche glänzt fein. Der Einsatz von Rasierklingen erzeugt eine Art spiegelglatter Tiefe.

Das Kunstmuseum in Singen am Hohentwiel hat eines dieser Bilder erworben. Es heißt schlicht „Hegau“ und zeigt die Landschaft der erloschenen Vulkane am westlichen Bodensee. Aufmerksam wandert das Auge, es zählt die Bergkegel und stutzt. Irgendetwas stimmt nicht, natürlich: Holländer hat sämtliche Spuren von menschlichem Leben getilgt. Kein Dorf, kein bestelltes Feld sind zu sehen. Auch die Burgen, die jeden der Vulkane vom Hohentwiel bis zum Hohenhewen krönen, fehlen. „Ich wollte einen Zustand nach der Landwirtschaft herstellen“, meint der Künstler trocken. In dieser post-menschlichen Ära rattern keine Maschinen mehr. Kein Holzmacher ist unterwegs. Die Szenerie könnte aus einem Science-Fiction-Film stammen. „Vergänglichkeit war immer ein großes Thema der Malerei in Europa“, sagt Holländer. Die alten Niederländer malten mit Hingabe Stillleben mit totem Fisch und halbierten Zitronen auf einem Teller.

Er kann auch anders und zeigt auf sein menschenvolles Bild „Matrix“. Dieses Bild, das ihn viele Nächte kostete, beginnt mit einem seiner Streifzüge, die ihn ins Hinterland von Überlingen führten. Er stößt dabei auf einen verlassenen Hof mit offenen Türen. Für den malenden Archäologen war dies ein Glücksfall. Er bemerkt dazu: „Besonders beeindruckte mich die Küche mit den Resten der letzten Mahlzeit der wie plötzlich verschwundenen Bewohner.“ Die Schränke waren aufgebrochen, offenbar hatten Vandalen das Anwesen nach Wertgegenständen durchsucht. Holländer fand verschiedene Fotografien, die ihn befeuerten: Auf einem Foto sieht man eine Schulklasse, auf dem anderen das Gruppenfoto einer Kompanie deutscher Soldaten, 1936.

Soldaten als individuelle Wesen

Holländer hatte es geschafft, dem Wehrdienst und anderen Pflichten zu entkommen. Doch das Foto der Männer, die sich mit ernstem Gesicht zur Pyramide formieren, ließ ihn nicht mehr los. Er baute es am Computer um, warf die Umrisse auf eine große Fläche und zeichnete die Linien nach und malte es neu. Jeder der etwa 150 Soldaten behält sein individuelles Wesen. Holländer widersetzt sich der gängigen Meinung, dass Soldaten nur gesichtslose Wesen seien. Jeder der Männer – die Offiziere in der ersten Reihe, die Mannschaften dahinter – behält seinen persönlichen Ausdruck. „Matrix“ strahlt eine große Würde aus. Und der Betrachter ahnt zugleich, dass viele der Männer auf dem offiziellen Bild von 1936 zehn Jahre später nicht mehr leben würde. Holländer steht vor diesem Bild, der Hut verschattet sein etwas blasses Gesicht. Er deute auf einen Soldaten mit entschiedenem Gesichtsausdruck und starken dunkeln Augenbrauen. „Das bin ich“, sagt er. Er fügte sich selbst in diese Schicksalshaufen ein, den die NS-Führung später in den Krieg schicken sollte.

Das geschieht nicht nur als Spielerei, etwa um sich als Zeitgenosse selbst in Szene zu setzen und kurz in die Kamera zu lächeln. Vielmehr setzt Holländer ein Fragezeichen hinter sein Geburtsjahr 1954. Das war deutlich nach dem Krieg, und Helmut Kohls Formulierung von der „Gnade der späten Geburt“ kommt einem in den Sinn. Doch was wäre, so sinniert er, „wenn mein Geburtstag wenige Jahrzehnte früher gewesen wäre?“ Dann wäre auch er mit seiner Generation eingerückt, und zwar mit allen Konsequenzen.

„Matrix“ (wörtlich: Gebärmutter!) stellt die Frage nach Verantwortung noch einmal neu – und das nur wegen eines zufällig gefundenen Fotos aus einem verlassenen Hof.

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