Maute Benger in Stuttgart Traditionsgeschäft schließt nach fast 180 Jahren
Maute Benger, ein Traditionsgeschäft in der Stuttgarter City, verabschiedet sich im Sommer 2023. Die Hintergründe zum Aus.
Maute Benger, ein Traditionsgeschäft in der Stuttgarter City, verabschiedet sich im Sommer 2023. Die Hintergründe zum Aus.
Da waren es nur noch neun. Neun von zehn Traditionsgeschäften in Stuttgart. In der Riege der Namen wie Böhm, Wittwer/Thalia oder Hochland und anderen wird spätestens im Sommer 2023 der Name Maute Benger fehlen. Die Inhaberin Marjoke Breuning (50) und ihre Schwester Anneke (52) geben auf. Das angegliederte Geschäft Calida, Königstraße 46, schließt bereits zum Jahresende. „Wir haben uns tief in die Augen geblickt, hatten viele schlaflose Nächte und haben viele Tränchen vergossen“, sagt Marjoke Breuning, „aber am Ende sind wir mit uns im Reinen.“ Denn am Ende sind es im Handel nicht die Emotionen, sondern es ist die Kassenlage, die über Sein oder Nichtsein entscheidet. Und in diesem Sinne habe es keine andere Wahl gegeben: „Bevor wir Eigenkapital in das Geschäft hätten stecken müssen, beenden wir es lieber.“ Dabei legt Marjoke Breuning wert auf die Feststellung, dass man keineswegs insolvent oder nicht mehr liquide sei: „Es besteht im Grunde kein wirtschaftlicher Druck. Es ist eine rationale Entscheidung.“ Der Zeitpunkt des Schlussstriches hängt mit der Laufzeit ihres Mietvertrages mit dem Land Baden-Württemberg zusammen: „Wir mussten jetzt entscheiden, ob wir verlängern oder nicht.“
Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Breuning diese Entscheidung unbewusst schon früher vorweggenommen hat. Es war im Mai 2019. Damals feierte Maute Benger den 175. Geburtstag. Und Breuning berichtete über die Grundtugenden eines Einzelhändlers: „Es sind Mut, Grundoptimismus und die Freude im Umgang mit Menschen.“ Geblieben ist offenbar nur der Mut. Denn mit 50 denkt Marjoke Breuning, die auch noch bis zum Sommer 2024 Präsidentin der Industrie und Handelskammer (IHK) ist, noch lange nicht an den Ruhestand.
Verloren gingen zuletzt jedoch vor allem der Grundoptimismus, unter diesen Rahmenbedingungen auf der Königstraße erfolgreich Wäsche und Miederwaren verkaufen zu können. Da sind die hohen Mieten. Da sind die vielen Demonstrationen in der Innenstadt. Da ist das schlechte Image der Stadt bei den Menschen aus dem Umland. Und da sind freilich die seit 20 Jahren kontinuierlich rückläufigen Passantenfrequenzen auf der Königstraße. Und zu alledem kam die Pandemie, besser gesagt der politische Umgang damit. Schon im Mai 2020 war Breuning nach dem Lockdown klar: „Auch nach der Coronakrise wird es nicht mehr so wie früher frequentiert werden.“ Und genau so ist es gekommen.
Damit ist der wichtigste Pfeiler des tragenden Gerüstes für Maute Benger weggebrochen. Denn Frequenz bedeutet auch Laufkundschaft. Zwar hat der Traditionsladen viele Stammkunden, aber die alleine hätten die Bilanz nicht retten können. „Wir brauchen eine gewissen Frequenz. Wir brauchen die Leute, die von außerhalb nach Stuttgart kommen“, sagt sie, „denn auch die Stammkundin kauft nur einmal im Jahr Wäsche.“ Tatsächlich belegen von der City-Initiative Stuttgart (CIS) beauftragte Analysen, dass der innerstädtische Handel von 50 Prozent der Kunden aus der Region und dem Umland lebt. „Und wenn die nicht mehr kommen, dann hat der Handel ein Problem.“ Ein Problem, das nun auch 35 Fachkräfte ausbaden müssen. Doch ihnen will Breuning bei der Jobsuche helfen. So bleibt beim Blick auf die drei Grundtugenden eines Händlers noch der dritte Punkt. Die Freude im Umgang mit Menschen. Diese Eigenschaft hat das Schwesternpaar zwar nicht verloren, aber sie ist getrübt. Denn das Kundenverhalten hat sich gerade beim Sortiment von Maute Benger stark verändert.
Zum Hintergrund: Der Verkauf von Wäsche und Miederwaren ist sehr beratungsaufwendig und passformintensiv. Das sind Eigenschaften, mit denen man eigentlich im Wettbewerb mit dem Online-Handel punkten müsste. Tatsächlich sei es allerdings anders, wie Marjoke Breuning berichtet: „Viele lassen sich am Samstag zwei Stunden lang ausführlich im Geschäft beraten, kaufen dann auch, bringen die Ware aber am Montag darauf zurück und bestellen dann im Internet, weil die Ware dort fünf Euro billiger ist.“
Nicht zuletzt deshalb war es für sie und ihre Schwester auch kein Thema, mit einem kleineren Sortiment in einer günstigeren Randlage der Stadt neu zu eröffnen. Selbst der gute Namen Maute Benger und ihr Alleinstellungsmerkmal (Otti/Eberhardstraße hat schon vor Jahren aufgegeben) seien keine Garantie auf Erfolg. Damit bleiben den Kunden nur die großen Filialisten oder die Kaufhäuser. Und natürlich die letzten neun der Stuttgarter Traditionsgeschäfte.