Stuttgart - Dieser Tage erinnert sich der Residenzkünstler des Stuttgarter Staatsorchesters oft an die Frau, die ihm mal unter dem Dach eines Fachgeschäfts begegnete. „Immer wenn es regnet, muss ich an dich denken“, singt Max Herre am Donnerstagabend im Stuttgarter Opernhaus. Die Zugabe ist ein Hit, vielleicht war es der größte der Hip-Hop-Formation Freundeskreis und ihres Frontsängers. Allerdings klingt „A-N-N-A“ jetzt vollmundiger, moderater, melodischer, mehr nach Saft und Farbe, weil das Staatsorchester die Ecken und Kanten ein wenig absoftet und den Klang in die Breite zieht, sodass er ein bisschen anmutet wie der Soundtrack zu einem alten amerikanischen Schwarzweißfilm. Und Herre selbst nimmt die Reverenz an die eigene Vergangenheit mit einem Augenzwinkern: „Anna war ein Web Web-Fan“, heißt es jetzt in seinem Text. Hip-Hop-war früher, Web Web ist heute.
Vergangenheit trifft auf Gegenwart
Als Herre die nassgeregnete Anna vor mittlerweile 24 Jahren erfand, war die neue Band für ihn noch kein Thema. Seit fünf Jahren aber ist Web Web da, und Roberto di Gioia (Klavier, Synthesizer), Max Herre (Synthesizer, Klavier, Gesang), Tony Lakatos (Saxofon, Flöte), Peter Gall (Percussion), Christian von Kaphengst (Bass) führen im Live-Streaming der StaatsoperVergangenheit und Gegenwart auf grandiose Weise zusammen. Rap, Soul, Jazz, Anklänge an fernöstliche Pentatonik, wiederholte, groovende Rhythmen, Stücke mit Texten und rein Instrumentales: Das ist alles da, nach-, neben- und miteinander, mal sehr direkt, mal träumerisch-versponnen.
Sitar-Musik für Kontrabass und jazzig-funkiger Rap
„Web Web macht die Musik, die wir als junge Musiker gern gemacht hätten, wenn wir unsere Instrumente so gut beherrscht hätten wie diese vier hier“: Das hat Max Herre vor kurzem mal über die Band gesagt, die jetzt im Opernhaus auf der Bühne steht. Wobei Roberto di Gioia spür- und oft auch hörbar der Kopf des Ganzen ist: Aus seiner Feder stammen die meisten Stücke, und am Klavier sitzend sorgt er für den Zug, gibt Ton und Charakter vor. Manches hat di Gioia außerdem gemeinsam mit Max Herre komponiert, der sich selbst auch mal an den Synthesizer oder ans Klavier setzt – und der hier neben „A-N-N-A“ sein „Berlin – Tel Aviv“, einen Song über die Flucht seiner Tante aus dem Berlin der NS-Zeit nach Israel, dem Jazz überantwortet.
Das klappt auch deshalb bemerkenswert reibungslos, weil exzellente Musiker am Werk sind. Bass und Schlagzeug sorgen für kraftvollen Groove; in einem eigenen Stück („Dada“) legt der Bassist Christian von Kaphengst indische Sitar-Klänge auf kunstvolle Weise ein paar Etagen tiefer. Der Saxofonist Tony Lakatos, ein Meister warm kolorierter, weit schwingender Klanggirlanden, kann sogar mal Alt- und Tenorsaxofon gleichzeitig anblasen.
Fernöstliches, Klezmer und rhythmische Reibungen
Das Staatsorchester, dessen Part der obendrein immer wieder zur Flöte greifende Dirigent Magnus Lindgren arrangiert hat, ergänzt manches sehr sinnfällig: „Satori Ways“ beginnt mit einem fernöstlich anmutenden Intro aus Glockenspiel (vom Synthesizer) und Harfenklängen, und die orientalischen Verzierungen von „The Oracle“ krönen die Geigen mit einem neckischen Schluss-Tremolo, vor dem Schlussakkord von „Berlin – Tel Aviv“ bringt eine kurze, schöne Klarinettenphrase ein bisschen Klezmer ins gemeinsame Spiel. Gelungen sind auch die Passagen, in denen sich zwischen Orchester und Band die Rhythmen reiben und gegeneinander verschieben. Das entschädigt locker für die Momente, in denen das Spiel der klassischen Musiker ein bisschen süßlich wirkt, starr oder nur wie eine bloße dynamische und emotionale Vergrößerung und Vergröberung.
Die kleinen Kitschecken, die sich dann auftun, verstärken den leisen Hauch von Nostalgie, der diesen Abend durchweht. Hinzu kommt dieser immer wieder umwerfende Song: „A-N-N-A“. Und draußen fällt immer wieder Regen. Aber, immerhin: Dieser Live-Stream, bei dem sich die Musiker aus Mangel an Publikum vor leeren Zuschauerreihen selbst applaudieren, wird, wenn die Zeichen nicht trügen, einer der letzten sein. Beim nächsten penetranten Bonbonpapierknistern eines physisch präsenten Nebensitzers wird die Erinnerung an diesen Abend vielleicht schon Nostalgie sein.